Wissen : Ägyptens neue Antike

Nach dem Umsturz planen Archäologen den Neustart – mit deutscher Hilfe.

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Gespaltene Pyramide. Noch steht das Amarna-Museum nur im Rohbau. Foto: Eglau
Gespaltene Pyramide. Noch steht das Amarna-Museum nur im Rohbau. Foto: EglauFoto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Sieben Mal hat Hosni Mubarak den Grundstein bereits gelegt, erzählen sich Kairos Spötter gerne. Und gut ein Jahr nach der Revolution versammelten sich unlängst seine politischen Nachfolger erneut auf dem Giza-Plateau in Sichtweite der Pyramiden. Wieder gab es festliche Reden und feierliche Schwüre. Nach August 2012 und 2013 hieß es diesmal, das ehrgeizige Projekt „Großes Ägyptisches Museum“ solle nun wirklich bis zum August 2015 stehen. Mit 32 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche und 120 000 Exponaten soll es eine der größten Sammlungen der Welt werden. Es werde „keine weiteren Verzögerungen mehr geben“, schwor Antikenminister Mohamed Ibrahim, bevor er im Beisein der beiden Baukonzerne aus Belgien und Ägypten seine Unterschrift unter den 620-Millionen-Euro-Vertrag setzte.

Zwei Drittel der Kosten steuert Japan mit einem zinslosen Kredit bei, den Kairo erst zehn Jahre nach der Eröffnung in Raten zurückzahlen muss. Wo das übrige Drittel herkommen soll, darüber schwieg sich der Minister aus. Kein Wunder, im ersten Haushaltsjahr nach Mubarak klafft ein 20-Milliarden-Euro-Loch im Staatsetat. Und die in Aussicht gestellten Finanzhilfen der reichen Golfstaaten und des Internationalen Währungsfonds stopfen nicht einmal einen Bruchteil.

Entsprechend fehlt das Geld auch in der Antikenverwaltung (SCA) mit ihren 30 000 Angestellten an allen Ecken und Enden. Seit dem Abgang des allmächtigen und umtriebigen Matadors Zahi Hawass im Juli 2011 befindet sich die Großbehörde in einem chronischen Strudel. Vier Nachfolger sind seither gekommen und bald wieder gegangen. Da sich die Administration allein aus Tantiemen, Grabungsgebühren und Eintrittsgeldern finanziert, macht ihr vor allem der Einbruch im Tourismus schwer zu schaffen. „Der Geldmangel ist unser größtes Problem“, sagt der gegenwärtige Chef Mohamed Ibrahim  – und kündigte an, er werde die bislang relativ niedrigen Eintrittspreise für ausländische Besucher bald drastisch erhöhen.

Die Forschung dagegen hat wieder Tritt gefasst, auch wenn die Archäologen mit Sorge die wachsende Gesetzlosigkeit am Nil beobachten. Im ganzen Land gibt es einem Boom von illegalen Neubauten, der auch vor sensiblen Grabungsplätzen nicht Halt machte. Der Antikenverwaltung aber fehlen die Mittel und die Kraft, den Abriss solcher Schwarzbauten durchzusetzen. Die Diebstähle dagegen, in den ersten Monaten nach dem Sturz von Hosni Mubarak eine regelrechte Plage, sind seltener geworden. Im Prinzip blieben alle großen, bewachten Magazine unangetastet. In kleineren Lagerräumen, die sich in Grabungshäusern oder Grabkammern befanden, kam dagegen manches abhanden, genauso wie am 28. Januar 2011 bei dem nächtlichen Masseneinbruch im Ägyptischen Museum am Tahrir-Platz von Kairo.

Gleichzeitig haben chronische Geldnot und innere Turbulenzen auf ägyptischer Seite zu einem bemerkenswerten Umdenken geführt. Die Antikenverwaltung am Nil will sich künftig offenbar ganz auf Großprojekte wie das Giza-Museum konzentrieren und sucht für kleinere Vorhaben neue Kooperationen mit ausländischen Partnern. Das bisher spektakulärste Anliegen wurde kürzlich an die Deutschen herangetragen. Sie sollen das im Rohbau befindliche Amarna-Museum in Minia fertigstellen, im Inneren ausbauen und als Museum einrichten. „Eine wunderbare Aufgabe“ nennt das der Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Kairo, Stephan Seidlmayer. Denn die deutsche Archäologie ist mit Minia seit 100 Jahren eng verbunden. Hier lag die Hauptstadt Amarna von Pharao Echnaton, hier entdeckte Ludwig Borchardt am 6. Dezember 1912 die weltberühmte Büste der Nofretete.

Für die erste Maihälfte ist das erste Treffen zwischen Baufirma, Antikenverwaltung und den deutschen Fachleuten geplant. „Wir wollen zunächst feststellen, an welchem Punkt sich das ganze Projekt befindet“, sagt Seidlmayer. Die beiden Hochkräne drehen sich schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr über der Betonhülle mit dem Aussehen einer gespaltenen Pyramide. Gartenanlage, Innenausstattung und Museumskonzept sind noch gar nicht angefangen.

Ideen für eine moderne Präsentation der Amarna-Objekte beisteuern will auch das Ägyptische Museum in Berlin. Nach dem Wunsch von Seidlmayer sollte der ungelöste Konflikt um Nofretete „das sensationelle Vorhaben“ nicht überschatten. Tell el Amarna sei beiden Völkern wichtig. „Das neue Minia-Museum kann zum Symbol werden für die Gemeinsamkeit der beiden Nationen“, hofft Seidlmayer. Doch wie sensibel das Thema weiterhin ist, zeigte sich kürzlich bei einem DAI-Forum über alte und neue Herausforderungen der archäologischen Forschung in Ägypten. Die erste Frage aus dem ägyptischen Publikum an die Deutschen galt der Nofretete.

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