Älteste Prothese der Welt in China entdeckt : Der Mann mit dem ersten Holzbein

Ein Tuberkulosekranker trug die älteste bekannte Beinprothese der Welt – vor mehr als zweitausend Jahren in China. Die Prothese war "nicht elegant, aber dafür effektiv".

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Mit Stütze. Über die Prothese war für einen besseren Halt der Huf eines Pferds oder eines Esels gezogen.
Mit Stütze. Über die Prothese war für einen besseren Halt der Huf eines Pferds oder eines Esels gezogen.Foto: Turfan Academy

Bei den olympischen Sommerspielen in London maß sich im vergangenen Jahr erstmals ein beidbeinig amputierter Leichtathlet mit der Läuferelite und belegte im Vorlauf des 400-Meter-Rennens den zweiten Rang. Mit seinen Unterschenkelprothesen lief Oscar Pistorius, der inzwischen so tief gefallene Held aus Südafrika, die 400 Meter in 45,44 Sekunden und ging als „Blade Runner“ in die Geschichte des Sports ein. Bis künstliche Gliedmaßen ein vollwertiger Ersatz der natürlichen werden konnten, musste die Orthopädietechnik einen weiten Weg zurücklegen. Wo und wann dieser Weg begann, erforschen Archäologen, Mediziner und Geochronologen.

Nun präsentierte ein aus chinesischen und deutschen Wissenschaftlern bestehendes Team die bisher älteste bekannte Beinprothese der Welt. Bei dem Träger der Prothese handelte sich um einen athletisch gebauten Mann, der im Alter von etwa 50 bis 65 Jahren verstorben war. Er wurde im dritten Jahrhundert v. Chr. auf einer Gebirgsterrasse nahe der Oasenstadt Turfan in der heutigen autonomen Region der Uyguren Xinjiang (VR China) bestattet. An dem Fundort, die Archäologen nennen ihn Friedhof Shengjindian, wurden seit 2006 insgesamt 31 Gräber freigelegt. Die Forscher führten archäologische und paläopathologische Untersuchungen an dem „Mann mit dem Holzbein“ aus Grab 2007TSM2 durch und konnten so seine individuelle Gesundheitsgeschichte ergründen.

Demnach hatte sich der Mann wahrscheinlich im Mannesalter mit Tuberkulose infiziert. Darauf wiesen Spuren von Knochenhautentzündungen an Rippen und Wirbelsäule hin, die deutliche Anzeichen von Lungentuberkulose sind. Am schwersten war jedoch das linke Kniegelenk des Mannes betroffen, das stark deformiert ist. Das Forscherteam – beteiligt waren auch Wissenschaftler des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) – konnte mit Röntgenaufnahmen und Computertomografie mechanische Verletzungen als Ursachen für die Deformation des Kniegelenks ausschließen. Da keines der anderen Gelenke des Mannes ähnliche Verbildungen aufweist, schied auch rheumatische Arthritis aus.

Verknöcherte Gelenkversteifungen sind jedoch auch als Folge von Infektionen mit Mykobakterien bekannt, Erregern der Tuberkulose beim Menschen. Die Rippen einer Frau, die nachträglich in demselben Grab bestattet wurde, wiesen zudem ebenfalls infektionsbedingte Veränderungen auf, die auf Tuberkulose schließen lassen.

Der Mann, der nach den Grabbeigaben zu urteilen nicht hoch gestellt war, überlebte zwar die Infektion, war jedoch in der Folge stark behindert. Alle Knochen an seinem linken Knie  – Oberschenkel, Kniescheibe und Schien- und Wadenbein – sind miteinander verwachsen, das Gelenk ist gebeugt und in einem Winkel von 135 Grad versteift. Zudem war der Unterschenkel um 11 Grad nach innen verdreht. Somit konnte der Mann sein linkes Bein nicht mehr strecken und nur noch auf dem rechten stehen. Durch die Krümmung nach innen konnte er wahrscheinlich auch nicht reiten, was in den Steppen Zentralasiens durchaus ein zusätzliches Handicap darstellen kann.

Um sich wieder selbständig bewegen zu können, schnallte er sich mit Lederriemen eine hölzerne Prothese an den Oberschenkel, wie man sie von Kriegsversehrten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts kennt. „Die Konstruktion war einfach und effektiv“, sagt Mayke Wagner, Leiterin der DAI-Außenstelle Peking. Das obere Ende des Stelzbeins aus weichem Holz (wahrscheinlich Pappel) bildete eine flache Platte, mit der die Konstruktion am Oberschenkel fixiert werden konnte. Der mittlere Teil, die eigentliche Stelze, ging am anderen Ende in ein robustes Schafs- oder Ziegenhorn über, über das zusätzlich der Huf eines Pferdes oder Esels gezogen wurde. Dieser sollte, ähnlich einem Skistockteller, das Einsinken in weichem Untergrund verhindern. Wie effektiv die Prothese war, zeigten weitere Untersuchungen, berichtet die Palöopathologin Julia Gresky: „Wie die Muskelansätze an seinem Skelett erkennen lassen, führte der Mann bis zu seinem Tod ein körperlich aktives Leben."

Die frühesten Hinweise auf Prothesen finden sich in schriftlichen Quellen. So erwähnt Herodot (etwa 485 bis 425 v. Chr.) in seinen Historien einen gewissen Hegesistratos aus Elis und seinen hölzernen Fuß. Aus chinesischen Quellen ist bekannt, dass die Amputation von Füßen und Beinen ab dem späten 2. Jahrtausend v. Chr. zu den klassischen „fünf Bestrafungen“ gehörte. Allerdings wurden bislang weder Prothesen noch Skelette mit verheilten Amputationen aus jener Zeit gefunden.

Der bisher älteste tatsächlich bekannte künstliche Unterschenkel war 1885 in Capua gefunden und anhand der Grabbeigaben ebenfalls auf rund 300 v. Chr. datiert worden. Das mit glänzender Bronze verkleidete Stück eines wohlhabenden Mannes war jedoch nicht belastbar und dürfte daher eher als ästhetische Korrektur denn als Gehhilfe gedient haben. „Das Stelzbein aus Turfan war zwar nicht elegant, dafür aber voll funktional“, sagt Wagner.

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