Aha : Warum ist auf Karten Norden oben?

Im europäischen Mittelalter war auf Weltkarten noch der Osten oben. Daher der Begriff "Orientierung". Die große Vereinheitlichung begann in der Renaissance.

Thomas de Padova

Hallo zu Hause! Gestern bin ich in Venedig angekommen. Von der Piazzale Roma aus mit dem Wassertaxi in Richtung Accademia, aber dann? Ich habe das Hotel nicht gefunden. Habe an jeder Kirche den Stadtplan aufgeschlagen, ihn gedreht, mich gedreht. Warum sind solche Karten nicht nach einem markanten Ort ausgerichtet? Warum ist oben nicht da, wo die Piazza San Marco ist?

Bis ins 18. Jahrhundert hinein präsentierten sich Städte auf Karten von ihrer Schokoladenseite, waren ausgerichtet nach bedeutenden Plätzen. Erst dann wurden auch Stadtpläne eingenordet, angepasst an eine Systematik, die sich im Lauf der Jahrhunderte durchgesetzt hatte.

„Im europäischen Mittelalter war auf Weltkarten noch der Osten oben“, sagt Markus Heinz, stellvertretender Leiter der Kartenabteilung der Berliner Staatsbibliothek. „Daher der Begriff ,Orientierung’.“ Reisenden nützten die schematischen Karten allerdings wenig, sie veranschaulichten vor allem religiöse Ansichten, zum Beispiel die Stadt Jerusalem.

Die große Vereinheitlichung begann mit der Wiederentdeckung der Geografie des Claudius Ptolemäus in der Renaissance. Der Himmelskundler aus Alexandrien hatte im zweiten Jahrhundert eine detaillierte Weltkarte anhand von vielen Tausend bekannten Orten gezeichnet. Und hier lag Norden oben. Ptolemäus projizierte die Oberfläche der Erdkugel auf eine Ebene und verwendete gekrümmte Linien für die Breitengrade. Für seine astronomischen Berechnungen war der nördliche Polarstern der wichtigste Fixpunkt. Die ptolemäische Karte – vielfach nachgedruckt und im Zeitalter der Entdeckung Amerikas erweitert und verbessert – wurde so zum Standard.

Selbst in Venedig wird man heute eingenordet. Den Stadtplan legt man hier aber am besten zur Seite, folgt dem Rat des venezianischen Schriftstellers Tiziano Scarpa und lässt sich treiben. „Sichverirren ist der einzige Ort, den anzusteuern sich lohnt.“

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