Akademische Gesundheitsberufe : Ein Bachelor für die Pflege

Krankenschwestern an die Unis? An diesem Vorschlag scheiden sich die Geister. Die Charité ist „entzückt“ und plant bereits einen Bachelor für Pflegewissenschaften. Andere sind entsetzt.

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In Gedanken. Die Charité plant einen Studiengang Pflegewissenschaften. Künftige Pflegekräfte und Ärzte trainieren gemeinsam Notfälle.
In Gedanken. Die Charité plant einen Studiengang Pflegewissenschaften. Künftige Pflegekräfte und Ärzte trainieren gemeinsam...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Gesundheitsfachkräfte wie Krankenschwestern oder Logopäden sollen künftig ein Studium absolvieren – an dieser Empfehlung des Wissenschaftsrats scheiden sich die Geister. Während die Pflegedirektorin der Charité, Hedwig Francois-Kettner, den Vorstoß für „überfällig“ hält, lehnt ihn die von mehreren Verbänden getragene „Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin“ ab. Der Wissenschaftsrat hat wie berichtet empfohlen, dass zehn bis 20 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs in Gesundheitsfachberufen an Hochschulen gehen sollen, um sich für die immer komplexeren und anspruchsvolleren Aufgaben in der Krankenversorgung vorzubereiten.

„Ich bin total entzückt“, sagte Charité-Pflegedirektorin Francois-Kettner auf Anfrage. Der Vorschlag sei überfällig, weil Deutschland neben Österreich inzwischen das einzige Land in Europa sei, wo grundständige Studiengänge in der Pflege noch nicht die Regel seien. Die Charité plane bereits einen Bachelor für Pflegewissenschaften. Dieser werde wie vom Wissenschaftsrat vorgeschlagen einen stark patientenorientierten Bezug haben, gleichzeitig sollten angehende Pflegekräfte lernen, bestimmte Prozesse mehr problem- und wissenschaftsorientiert anzugehen. Die Dekanin und der ärztliche Direktor würden den Studiengang sehr unterstützen.

Francois-Kettner sagte, sie halte es für notwendig, dass die Pflege-Studierenden wie vom Wissenschaftsrat gefordert gemeinsame Kurse mit Medizin-Studierenden absolvierten. In den angelsächsischen Ländern, wo das bereits seit langem üblich sei, führe das „zu einer viel größeren gegenseitigen Akzeptanz“ der medizinischen Berufsgruppen. Denkbar sei das bei Themen wie etwa Hygiene, Ethik oder Infektionen, wo es große Überschneidungen gebe. Die Charité arbeitet an einem gemeinsamen Simulationstraining, bei dem durchgespielt wird, wie bei Notfällen in der Rettungsstelle vorzugehen sei. Ähnliches wolle man künftig auch für das Vorgehen im Kreißsaal anbieten. Gestandene Ärzte und Pflegekräfte der Charité würden diese Simulationstrainings als Weiterbildung ebenfalls gemeinsam absolvieren.

In einer Erklärung der Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin (AG Med) heißt es dagegen, es sei „sachlich nicht begründbar“, warum ein „weltweit anerkanntes und funktionierendes“ Ausbildungssystem durch ein Studium ersetzt werden solle: „Hieraus ergibt sich aus der Patientensicht kein Vorteil in der Pflege.“ Das „akute“ Problem vor allem in der Kranken- und Altenpflege sei die zu geringe Anzahl der Beschäftigten und weniger das zu geringe akademische Qualifikationsniveau. Durch die Weiterqualifikation der Gesundheitsfachberufe könnten auch keine ärztlichen Leistungen ersetzt werden.

Die AG Med wird unter anderem durch die Bundesärztekammer, den medizinischen Fakultätentag, die medizinischen Fachgesellschaften und den Hochschulverband, die Interessenvertretung der Uniprofessorenschaft, getragen. Die Verbände unterstützten stattdessen weiterbildende Studiengänge für das Gesundheitsfachpersonal.

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