Wissen : Allianz der Kulturen

Was arabische Gelehrte mit den europäischen Philosophen der Aufklärung verbindet. Von Prinz El Hassan bin Talal

El Hassan bin Talal
Shirin Neshat
Aus der Serie "Women of Allah" von Shirin Neshat. -Foto: Copyright Shirin Neshat, Courtesy Gladstone Gallery, New York

Wer ein modernes Mathematiklehrbuch aufschlägt, wird darin sehr wenig, wenn überhaupt etwas über Musik finden – und noch viel weniger über Ishraq (Erleuchtung), den jahrhundertealten Glauben, dass das Streben nach Wahrheit die Nähe zu Gott fördert. Ein detaillierterer Blick auf unsere gemeinsame Geschichte zeigt jedoch, dass die Erfindung der Infinitesimalrechnung, die in unserer ehrenden Erinnerung Gottfried Wilhelm Leibniz zu verdanken ist, der Höhepunkt eines langen historischen Prozesses war, der mit der Erkundungsreise der Menschheit durch Philosophie, Kunst und Religion begann.

Die Infinitesimalrechnung untersucht die Wechselwirkung zwischen dem unendlich Großen und dem unendlich Kleinen. Welches bessere Bild ließe sich finden für das Bestreben des Menschen, sich selbst und seinen Gott zu finden? Die Motivation zur Entwicklung der Infinitesimalrechnung lag daher nicht allein im profanen Verlangen, Räume oder Veränderungsraten zu definieren, sondern auch im philosophischen Bedürfnis, die Natur von Raum und Zeit zu begreifen. Die Infinitesimalrechnung stellt uns eine Sprache zur Verfügung, mit der wir die Wechselwirkung zwischen den abstrakten Konzepten Menge und Unendlichkeit auf der einen Seite und der irdischen Welt des Materiellen auf der anderen Seite ausdrücken können – eine Sprache also, die den Meistern des Ishraq bei ihrer Suche nach der „Einheit des Seins“ sehr vertraut gewesen wäre!

Blaise Pascal, der in seinem Denken vom europäischen 17. Jahrhundert geprägt wurde, hat dieses Dilemma von Mathematikern und Philosophen einmal sehr eindrucksvoll ausgedrückt: „Denn was ist schließlich der Mensch? Ein Nichts im Verhältnis zur Unendlichkeit, alles im Verhältnis zum Nichts, ein zentraler Punkt zwischen Nichts und Allem, und unendlich weit davon entfernt, beides zu begreifen.“

Wir haben mehr gemeinsam als wir annehmen

Die gesamte Geschichte menschlichen Strebens ist voller hoffnungsvoller Parallelen, voller Ereignisse und Perioden menschlicher Aufklärung, die ihre Entsprechung in anderen Kulturen und Zeitaltern haben. Das europäische 17. Jahrhundert, das Zeitalter der Vernunft und der Entdeckungen, hatte seine Parallele in der arabisch-islamischen Welt des 10. Jahrhunderts. Wenn ich so argumentiere, betone ich dabei, dass der Glaube an sich selbst, an die eigene Geschichte und den eigenen Kulturkreis selbstverständlich weder ein mangelndes Verständnis noch eine Geringschätzung anderer Kulturen impliziert. Wer unsere gemeinsame menschliche Geschichte studiert, stellt fest, dass Synthesen des Denkens sich quer durch die Zeitalter als entscheidender Faktor für den Fortschritt der Menschheit erwiesen haben – und begreift, dass wir niemals einer rein wissenschaftlichen Denkweise zum Opfer fallen sollten. Ich selbst habe mich immer bemüht, eine humanistische Vision ins Zentrum unsereres Strebens nach Größe auf wissenschaftlichem und ökonomischem Gebiet zu stellen. Und ich glaube, dass das Wissen um unsere jeweiligen Errungenschaften dazu beitragen kann, uns zu vergegenwärtigen, dass wir viel mehr gemeinsam haben, als wir annehmen.

Die Geschichte der Infinitesimalrechung zum Beispiel enthält vieles, das auch in unseren schwierigen Zeiten von Bedeutung ist. Die Verknüpfung von Wissen und Forschung aus Indien, dem antiken Griechenland und der Levante stand damals für eine wahre Allianz der Kulturen und für eine Bündelung zivilisierter Errungenschaften. Das Zeitalter der Aufklärung, das der gesamten Familie der Kulturen unserer großen menschlichen Zivilisation genutzt hat, profitierte seinerseits vom Wissen und den Errungenschaften der Vergangenheit.

Isaac Newton, Leibniz’ Zeitgenosse und Miterfinder der Infinitesimalrechnung, sagte über seinen Erfolg: „Wenn ich weiter sah als andere Menschen, dann nur, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.“ Denn der historische Prozess, der in dieser großen Entwicklung des 17. Jahrhunderts kulminierte, reicht Tausende von Jahren zurück und umfasst ein weites geographisches Gebiet.

Um diesen Sachverhalt mit den Begriffen einer physischeren Wissenschaft als der Philosophie auszudrücken, ließe sich von einer Genetik des Wissens sprechen. Genau wie das menschliche Genom uns vieles über unsere Vergangenheit lehrt und vielfältige Möglichkeiten für eine bessere Zukunft eröffnet, kann uns auch die Anerkennung der Jahrhunderte währenden Evolution der menschlichen Suche nach Wissen Pfade zu einem universellen Bewusstsein eröffnen, das Kulturen und Glaubensbekenntnisse überbrückt.

Ein ständiger Handel von Waren und Ideen war in Kriegs- wie in Friedenszeiten zwischen dem Osten und dem Westen im Gange. Solche Interaktionen sind jedoch nur kurze Kapitel in dieser weitgehend ungeschriebenen Geschichte der zeitlosen Konversation der Menschheit. Unser Bedürfnis, die physische Welt zu beschreiben, unser Verlangen nach Ordnung im Chaos und unser Bestreben, Bedeutung jenseits des Profanen zu finden, haben uns durch die Zeitalter geleitet.

Vielleicht fing Titus Burckhardt, ein schweizer Akademiker, der über Kunst in der islamischen Welt schrieb, die Essenz dieses Ringens ein, als er schrieb, dass „dem Künstler, der die ‚Einheit der Existenz’ (wahdat al-wujud) oder die ‚Einheit des Realen’ ausdrücken will, drei Wege zur Verfügung stehen: zum einen die Geometrie, die Einheit in räumliche Ordnung übersetzt; zum anderen der Rhythmus, der Einheit in der zeitlichen Ordnung und indirekt im Raum offenbart; und zum dritten Licht, das für sichtbare Formen das ist, was das Sein für begrenzte Existenzen ist“. Nichts sagt mehr über das gemeinsame Streben der Menschheit nach Kontakt mit dem Unendlichen aus als unser Bedürfnis, Gott und uns selbst zu finden.

Der deutsche Philosoph Karl Jaspers erkannte dies an, als er von der „Achsenzeit“ schrieb. Jaspers zufolge war diese Periode, die etwa von 800 bis 200 vor Christus währte, vom Aufkommen gleichermaßen revolutionären Denkens in Indien, China und dem Westen geprägt. Jaspers glaubte, dass in dieser Periode „simultan und unabhängig voneinander die geistigen Fundamente der Menschheit gelegt wurden... Und dies sind die Fundamente, auf denen die Menschheit bis heute fortbesteht“.

Wir müssen bereit sein, auf Schultern von Riesen zu stehen

Seit dem Anbeginn des geistigen Strebens der Menschheit war die Definition des Physischen essenziell für die Suche nach dem Unendlichen. Diese Synthese, die wir immer noch in der Architektur antiker Monumente ausmachen können, kann auch in den Schriften großer Denker gefunden werden. Wir erwähnen nur die Ideen Al-Farabis und Ibn Sinas, die von Spinoza genau so anerkannt wurden wie vor ihm von Maimonides und Thomas von Aquin. Hier beweist sich die Kontinuität des Denkens und die Verewigung des Ishraq, jener großen Himmelsphilosophie, die ihren Anfang im Osten nahm. Wie M.M. Sharif schreibt: „Leibniz’ Rückgriff auf muslimisches Denken wird nicht bezweifelt... und Ibn Sinas Einfluss auf ihn kann kaum bezweifelt werden, da zwischen dem al-Shifa und Leibniz’ Monadentheorie eine kuriose Ähnlichkeit in der Beschreibung von Assoziation und Erinnerung besteht“.

Auch zwischen der Monadentheorie und den Lehren des Ishraq, die von Sufi-Gelehrten und -Dichtern durch die Jahrhunderte weitergegeben wurden, lassen sich leicht Vergleichsmöglichkeiten und Synthesen finden. Für Leibniz war die Monade ein Symbol für das Zentrum der gesamten literarischen Erfahrung eines Menschen. Sie ist mit Gerard Manley Hopkins’ Konzept des inscape und Joyce’ Begriff der Epiphanie zu vergleichen. Mit Leibniz kann man sagen, dass „nicht nur die Seele – der Spiegel eines unzerstörbaren Universums – unzerstörbar ist. Und somit Gott allein die ursprüngliche Einheit oder die einfache Ursubstanz ist, deren Erzeugungen die geschaffenen oder abgeleiteten Monaden sind."

Wie leicht ist es, hier eine Parallele zu einem Sprichwort des Imam Ali zu finden, dem Neffen des Propheten Mohammed. Er sagt: „Weißt du nicht, dass du ein kleiner Körper bist, / Während in dir die ganze große Welt verborgen ist! / Du bist ein Manifest / Durch dessen Buchstaben das verborgene Geheimnis offenbar wurde.“

Rhythmus und Musik machen seit langem einen Teil der Sufi-Verehrung des Göttlichen aus. Dhikr, die Erinnerung an Gott, die im Koran allen Muslimen befohlen wird, ist ein Akt der Andacht, bei dem die Anbetenden sich im Kreis oder in einer anderen streng definierten, nach innen gerichteten Formation anordnen. Zu den Erinnerungshilfen gehören die Wiederholung göttlicher Namen, Gebete und Aphorismen aus dem Hadith und dem Koran. In den Tariquas der Sufi wurden diese Rituale von Musik und Dichtung ergänzt.

Auch Ibn Khaldun schreibt der Musik die Funktion einer mathematischen Suche nach Harmonie zu. Das Dhikr der Sufi entspricht C.G. Jungs Konzept des Mandala-Archetyps, bei dem ein Kreis, der das weltliche Selbst des zâher repräsentiert, von einem Radius geteilt wird, der das tariqa repräsentiert, den Weg der Sufi zum zentralen Punkt oder qutb. An diesem Punkt glauben die Sufi, die Einheit mit dem ultimativen Selbst Gottes erlangen zu können.

Wir wissen nicht, wie unsere Nachfahren das Problem der „Genetik des Wissens“ beurteilen werden. Stärkt unsere Generation die Linie der Forschung, oder schwächen wir unsere Rasse durch innere Täuschungen und durch Versuche, die Wahrheit zu monopolisieren? Um den brasilianischen Soziologen und Politikwissenschaftler Cristovam Buarque zu zitieren: „Was ist mit der Menschheit geschehen? Warum war das ausgehende 20. Jahrhundert eine Zeit solcher Erfolge und gleichzeitig eines solchen Scheiterns? Die Menschen verloren ihren kritischen Blickwinkel auf die Gesellschaft, weil sie nicht mehr nach dem wozu fragten, sondern nur noch nach dem wie; und weil sie eine Gesellschaft ohne kritische Perspektive konstruierten, befanden sie sich auf dem Weg in die Katastrophe.“

Im neuen Jahrhundert, das schon jetzt von tragischen Konflikten gezeichnet ist, müssen wir den Glauben an unsere Fähigkeit bewahren, die zahllosen Herausforderungen zu meistern, mit denen wir konfrontiert sind. Zur Verfügung steht uns ein Erbe des Engagements und der Entdeckung, das uns durch diese dunkleren Tage führen kann. Ich hoffe, dass unsere kollektive Weisheit uns zu neuer Harmonie und neuer Erleuchtung führen wird. Um es mit Hersch Lauterpacht auszudrücken: Wir müssen ein Gesetz des Friedens entwickeln, das die Beziehungen zwischen Staaten und Menschen regelt.

Menschliche Solidarität ist die fundamentale Ethik, die allen unseren Bestrebungen zugrunde liegen muss: von der Wissenschaft über die Künste bis hin zu Ökonomie und Politik. Ich glaube, dass eine wahre Synthese zwischen dem menschlichen Bedürfnis nach materiellen Dingen und dem spirituellen Bedürfnis nach Harmonie die Grundlage für eine neue internationale humanistische Ordnung sein kann. In den achtziger Jahren leitete ich die unabhängige UN-Kommission für Internationale Humanitäre Belange, die damals mit Unterstützung der Generalversammlung einen Report mit dem Titel „Die menschliche Rasse gewinnen“ herausgab. Dieses Werk beschäftigte sich mit einigen der dringlichsten existenziellen Fragen: Armut, Militarismus, Hunger, Verwüstung und Terrorismus, um nur einige zu nennen. Mehr als 20 Jahre später stellen wir fest, dass unser universales Wissen die materiellen Bedrängnisse nicht überwunden hat.

Wie also werden zukünftige Generationen unser Zeitalter nennen? Das Zeitalter des Wissens? Die Ära der Energie? Die Periode der Macht? Noch haben wir Zeit, die Fehler der vergangenen Jahrzehnte zu korrigieren. Die Globalisierung kann sich nicht in der Verbreitung des Kapitalismus und der Vertiefung wirtschaftlicher und politischer Bindungen erschöpfen. Sie muss auch die Chance sein, unserem gemeinsamen Bewusstsein zu Prominenz zu verhelfen. Dieser universelle Ansatz setzt Mitleid und Altruismus voraus – und die Bereitschaft, „auf den Schultern von Riesen“ zu stehen.

Viele Initiativen zielen heute darauf ab, gemeinsame Werte wiederherzustellen. Gleichzeitig jedoch konnte auch unser erhöhtes Bewusstsein für den Reichtum der Vielfalt und die Komplexität von Identitäten nicht verhindern, dass sich gefährlich vereinfachte Weltsichten ausgebreitet haben. Wie schon Leibniz feststellte, ist es produktiver, Unterschiede anzuerkennen und mit ihnen zu arbeiten, als an einem einzigen Standpunkt festzuhalten.

Im Kontext des Nahen Ostens ist Frieden nicht alleine die Abwesenheit von Krieg; er ist ein Prozess, der zwischen Menschen etabliert werden muss, die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. In solchen Begriffen sollten wir denken, anstatt uns nach Nation oder Glaubensbekenntnis auseinanderdividieren zu lassen. Anstatt einzelne menschliche Errungenschaften zu unserem Eigentum zu erklären, sollten wir im Lichte unseres universellen Bewusstseins ihren multiplen Ursprung akzeptieren.

An Leibniz erinnert sich die Philosophie vor allem wegen seiner Theorie des Optimismus, wegen seiner Schlussfolgerung, dass unser Universum in einem eingeschränkten Sinne das bestmögliche ist, das ein Gott erschaffen konnte. Ich frage mich, ob er diesen Schluss heute immer noch ziehen würde. Unabhängig davon, welchen Schluss wir ziehen, dürfen wir die Verantwortung nicht abschütteln, Harmonie und Erleuchtung in das Leben derer zu bringen, die von uns abhängen.

Auszug aus dem Leibniz-Vortrag im Juni 2007 an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Aus dem Englischen von Jens Mühling

Der Autor:

Prinz El Hassan bin Talal, Jahrgang 1947, Bruder des verstorbenen Königs Hussein von Jordanien, hat in Oxford Orientalistik studiert und in Jordanien zahlreiche wissenschaftliche Institutionen gegründet: 1970 die „Royal Scientific Society“, das „Arab Thought Forum“ 1981, den „Higher Council for Science and Technology“ 1987 und das „Royal Institute oft Inter-Faith Studies“ 1994. Er gründete ebenso die „Islamic Scientific Academy“ und die „Al al–Bait Universität in Mafraq, Jordanien.

Auf internationaler Ebene hat sich der Autor zahlreicher Bücher vor allem im Rahmen der Vereinten Nationen um den Dialog der Religionen und bemüht. Er ist unter anderem seit 1999 Präsident des Club of Rome. Tsp

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