Alternativmedizin bei Krebs : Die Unheiler – das Geschäft mit der Angst

Was passiert, wenn man sich als Krebspatient an Alternativpraxen in Deutschland wendet? Eine Undercover-Recherche.

Hristio Boytchev, Correctiv
"heilende" Hände
Sanfte Alternative? Hodgkin-Lymphome sind heilbar – mit einer Chemotherapie. Wenn sich ein Patient davon abwendet und stattdessen...Foto: Sandra Hoffmann, picture-alliance , gms

Hallo, mein Name ist Niko Scholze, ich bin 33 Jahre alt und habe Krebs. Genauer: ein Hodgkin-Lymphom, einen Tumor, der die Lymphknoten befällt. Vor einem Jahr habe ich eine Chemotherapie gemacht. Der Krebs verschwand, doch nun ist er zurückgekehrt. Mein Arzt drängt auf eine neue Chemotherapie.

Das ist zum Glück nur ausgedacht. An Krebs leide ich zum Schein, um Deutschlands Alternativmediziner auf die Probe zu stellen. Was raten sie einem, der mit einem aggressiven, aber von der „Schulmedizin“ gut behandelbaren Tumor zu ihnen kommt? Schätzungen zufolge probiert jeder zweite Krebspatient alternative Methoden aus. Dennoch wissen Behörden und Ärzte erstaunlich wenig darüber, was abseits der Kliniken passiert.

Also fahren meine vorgebliche Studienfreundin Claudia Ruby und ich – tatsächlich sind wir Wissenschaftsjournalisten – quer durch Deutschland. Claudia Ruby hat für ihren Dokumentarfilm „Krebs – das Geschäft mit der Angst“ die Besuche organisiert, den Diagnosebrief, den ich jedem Heiler vorlege, genauso wie eine DVD mit Computertomografien. Darauf sieht man, dass der Tumor die Milz befallen hat.

Die Reise beginnt in Öhringen, einem Städtchen im Norden von Stuttgart, wo die Heilpraktikerin Ursula Stoll ihre Patienten nach den „fünf biologischen Naturgesetzen“ behandelt. Diese angeblichen Gesetze gehören zur „Neuen Germanischen Medizin“. Ryke Geerd Hamer hat die Lehre in den 1980er Jahren als Reaktion auf die „jüdische“ Medizin begründet. Er verlor seine ärztliche Zulassung, praktizierte weiter, mehrere seiner Patienten starben. 2007 floh Hamer nach Norwegen, wo er bis heute als Rektor einer Scheinuniversität auftritt. Nach ihm wird international gefahndet.

Die Ursache der Krankheit? Selbstabwertung!

Selbst Ursula Stoll hält ihn für verrückt – nicht aber seine Theorie. Deren Kern: Alle Krankheiten seien Ausdruck eines Konfliktes. Hamer veranschaulicht das mit Beispielen aus dem Tierreich. Ein Hirsch, der aus seinem Revier verdrängt werde, erhöhe den Blutdurchfluss zum Herzen, um Kraft zu haben und sein Gebiet zurückzuerobern. Dem Menschen ergehe es ähnlich, wenn er eine Erniedrigung erlebt. Doch er kann die aufgestaute Energie nicht im Kampf freisetzen. Die Überschussreaktion führt zum Infarkt.

Stoll praktiziert in einem unscheinbaren Einfamilienhaus, sie trägt ein weißes Hemd und Hornbrille, die braunen Haare zum Zopf zusammengesteckt. Ich fange an, von meinem Hodgkin-Lymphom zu erzählen. Die Heilpraktikerin unterbricht mich: „Was ist Krebs?“ Ich habe erst mal nur eine Schwellung der Lymphknoten am Hals. Punkt. Die Ursache: eine Selbstabwertung, und zwar beruflicher Art. Hinzu käme existenzielle Angst, sagt sie. Wie ein Fisch an Land lagere ich Wasser in meinen Körper ein, um zu überleben. Metastasen? Gebe es nicht. Den ärztlichen Befund? Überfliegt sie beiläufig.

Ich erzähle ihr von einem Vortrag, der meinem Chef nicht gefallen hat. Ja! Das könne der Grund für die Krebserkrankung sein. Mein Körper versuche, sich selbst zu heilen. Die erste Chemotherapie habe den Vorgang unterbrochen. Ihr Rat, um den Krebs zu besiegen: Ich soll zu meinen Eltern ziehen, das Leben als Single überfordere mich, Berlin sei ohnehin eine furchtbare Stadt. Und ich soll lernen, mich selbst zu lieben. Was ist mit der Chemotherapie? „Ich persönlich würde das nicht machen“, sagt sie, „für meine Kinder und meine Eltern würde ich genauso entscheiden.“

Die Patienten wollten es so, urteilen viele Richter

Diese Formulierung begegnet mir immer wieder. Die Heiler wollen sich sowohl aus der rechtlichen Verantwortung stehlen. Hodgkin ist heilbar, eine Paradeerkrankung für die Krebsmedizin. Eine Chemotherapie ist die einzig sinnvolle Option. Verweigert man sich dieser Behandlung, gehen die Überlebenschancen gegen null. Niko Scholze wäre an diesem Rat verstorben.

Wir haben Ursula Stoll vor der Veröffentlichung dieses Textes gefragt, wie sie ihr Vorgehen rechtfertigt. Per E-Mail wiederholt sie ihre Standpunkte. Sie bleibt dabei, dass eine Chemotherapie mehr schadet, „als sie nützlich sein kann“. Hält daran fest, dass Krankheit „als eine Selbstregulation verstanden werden“ könne. Wiederholt, dass „die Wörter Krebs und Metastasen keine Aussagekraft haben“.

Maia Steinert, Fachanwältin für Medizinrecht in Köln, hat oft Hinterbliebene von Kranken vertreten, die sich in ihrer Not an Alternativmediziner gewandt hatten. Wer wie in diesem Fall einem jungen Menschen mit Heilungschancen über 50 Prozent von einer rettenden Therapie abrät, mache sich der arglistigen Täuschung und Körperverletzung strafbar, sagt sie. Doch es sei sehr schwer, vor Gericht eine Strafe durchzusetzen. In der Regel urteilten die Richter, jemand sei selbst schuld, wenn er sich sehenden Auges von einer etablierten Therapie abwende.

Alternativheilern den Boden entziehen

Und die Behandler sichern sich juristisch ab. Sie lassen die Patienten Verträge unterzeichnen, in denen steht, dass der Patient über die „Schulmedizin“ aufgeklärt wurde und diese eigenwillig ablehne. Was wäre die Lösung? Die Anwältin will keine Verschärfung der Gesetze. Sie wünscht sich, dass den Alternativheilern der Boden entzogen wird – etwa indem Arztgespräche besser von den Krankenkassen honoriert werden. „Die Medizin besteht heute oft nur noch aus einem Handschlag, einem Rezept und hochtechnischen Geräten.“