Alzheimer : Gegen das Vergessen

Gemüse und Gehirnjogging, Ginkgo und ein Glas Rotwein – fast jeder hat ein Rezept parat, um geistigem Abbau und Alzheimer vorzubeugen. Die Frage ist, was wirklich hilft.

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Geschrumpft. Ein Pathologe zeigt im Vergleich das Hirnpräparat eines Alzheimer-Patienten (links) mit deutlichem Substanzverlust und das eines Gesunden. Foto: Focus/SPL
Geschrumpft. Ein Pathologe zeigt im Vergleich das Hirnpräparat eines Alzheimer-Patienten (links) mit deutlichem Substanzverlust...Foto: Simon Fraser / SPL / Agentur Foc

Alzheimer macht Angst. Es ist die Furcht davor, nicht mehr Herr seines Verstandes und seiner Erinnerungen zu sein und Stück für Stück seine Unabhängigkeit zu verlieren, um am Ende hilflos der Krankheit ausgeliefert zu sein und anderen zur Last zu fallen. „Wenn es eine Sache in meinem Leben gibt, vor der ich immer Angst hatte, so richtig Schiss auf gut Deutsch, dann Alzheimer“, sagt der ehemalige Fußballmanager Rudi Assauer, bei dem das Leiden immer weiter fortschreitet. „Bloß nicht dement werden im Alter, das schwirrte mir oft im Kopf herum.“ Assauer kommt aus einer Familie, in der die Krankheit häufig ist.

Die Verzweiflung kann bis zum Suizid gehen. Der Unternehmenserbe Gunter Sachs brachte sich um, weil er glaubte, Zeichen der Alzheimer-Krankheit bei sich entdeckt zu haben. Er sei ein Opfer „der ausweglosen Krankheit A.“, schrieb Sachs in seinem Abschiedsbrief.

Medikamente können das Leiden um ein Jahr verlangsamen, an Heilung ist bis heute nicht zu denken. Desto reichlicher sprudeln die Ratschläge, wenn es um Vorbeugung geht. Von Gehirnjogging und Sudoku-Rätsel über Ginkgo-Pillen und Rotwein bis hin zu Tanz- und Sprachkursen, das alles und noch viel mehr soll vor der „Krankheit A.“ schützen.

Umso überraschender war die Analyse, die eine Gruppe führender Alzheimer-Forscher im Auftrag des amerikanischen Gesundheitsministeriums im April 2010 vorlegte. Auf 727 Seiten hatten die unabhängigen Experten unter Vorsitz der Präventionsmedizinerin Martha Daviglus von der Northwestern University in Chicago alle wesentlichen wissenschaftlichen Untersuchungen zu der Frage ausgewertet, wie man der Alzheimer-Krankheit und dem Abbau geistiger Leistungsfähigkeit vorbeugen kann.

Es gebe derzeit „keinen Beweis von auch nur bescheidener wissenschaftlicher Qualität für einen Zusammenhang von einem veränderbaren Einflussfaktor – Nahrungsergänzungsmittel, Medikamente, Ernährung, Bewegung und soziales Engagement – und einem verringerten Risiko der Alzheimer-Krankheit“. Ähnlich dürftig ist die Lage beim Thema allgemeiner geistiger Abbau, befanden die Fachleute. Das bedeute nicht, dass es nicht möglich sei, vorzubeugen. Aber der Stand des Wissens erlaube noch keine klaren Empfehlungen.

Das Glas der Alzheimer-Vorbeugung ist noch nicht einmal halbvoll: Die schonungslose Offenheit des Reports stieß in der Alzheimer-Forschergemeinde auf ein geteiltes Echo. Bemängelten die einen zu großen Pessimismus und Nihilismus, lobten die anderen das Votum als Weckruf für mehr und bessere Forschung. Weil man die frühen Anzeichen der Krankheit mittlerweile feststellen könne, etwa durch Hirnscan-Untersuchungen, werde man besser studieren können, was bei der Vorbeugung helfe, hofft etwa der Chemiker Konrad Beyreuther von der Universität Heidelberg, einer der führenden deutschen Alzheimer-Forscher.

Der Weckruf der kritischen Forscher wirkt. Die US-Regierung will die Mittel für die Forschung 2012 um 50 Millionen Dollar aufzustocken. Im Entwurf für einen Nationalen Anti-Alzheimer-Plan ist davon die Rede, dass man bis 2025 eine erfolgreiche Vorbeugung und Behandlung entwickeln will.

Bevor man sich über Alzheimer-Vorbeugung Gedanken machen kann, muss man sich darüber klar sein, dass der größte Risikofaktor, das Alter, nicht zu beeinflussen ist, ebenso wenig wie eine genetische Veranlagung für das Leiden. Mit 40 oder 50 Jahren erkranken nur wenige, mit den Jahren wird Demenz dann wesentlich häufiger. Erst im hohen Alter nimmt die Zahl der Neuerkrankungen wieder ab. Alzheimer ist also ebenso wie Krebs und Herzleiden ein Kollateralschaden steigender Lebenserwartung. Die Menschen werden so alt, dass sie diese „Wohlstandskrankheiten“ noch erleben. Zugleich ist Alzheimer nicht unausweichlich. Neun von zehn Menschen jenseits der 65 sind nicht dement.

Geistiger Verfall, Demenz, kann neben Alzheimer Dutzende von Ursachen haben, etwa Infektionen, Vitaminmangel, Alkoholismus und chronische Krankheiten wie Krebs oder Parkinson (Schüttellähmung). Und es gibt Fälle wie den von Gunter Sachs, der vermutlich gar nicht dement, sondern depressiv war. Depression kann Pseudodemenz hervorrufen, geistige Einschränkungen, die schwinden, sobald die Stimmung sich aufhellt.

Gelingt es, den Auslöser einer Demenz in den Griff zu bekommen, kann man häufig auch diese selbst bessern. Bei Alzheimer, der häufigsten und im Kern noch rätselhaften Demenz, ist das jedoch kaum möglich. Alzheimer hat zwei typische Merkmale. In der Hirnrinde der Patienten finden sich massenhaft mikroskopische, fleckförmige Ablagerungen, Beta-Amyloid genannt. Obwohl sie im Prinzip Gift für Nervenzellen sind, entstehen sie auch beim ganz normalen Altern. Nur wenn Beta-Amyloid überhand- nimmt, besteht Demenzgefahr.

Ebenfalls kennzeichnend für Alzheimer sind Neurofibrillen, Eiweißfasern in den Körpern der Nervenzellen, die sich aus Haufen von Tau-Protein zusammensetzen. In intakter Form stützt das Tau-Protein die Mikrotubuli in den Nervensystemen und hält sie zusammen. Mikrotubuli dienen als Zellskelett und als Informationssystem der Zelle. Verklumpt das Tau-Protein, wird die Kommunikation in der Zelle empfindlich gestört.

In 60 bis 80 Prozent aller Fälle von Demenz ist Alzheimer die vorherrschende Ursache, in knapp 20 Prozent (die Zahlen schwanken je nach Untersuchung) steht eine gefäßbedingte Demenz im Vordergrund. Sie beruht auf Durchblutungsstörungen im Gehirn wegen verengter und verkalkter Gefäße und kann Folge von Schlaganfällen sein. Vor Jahrzehnten galt die „Hirnverkalkung“ in Deutschland als wesentliche Ursache der Demenz, während in den USA schon länger „Alzheimer“ als Hauptübel ausgemacht war.

Allerdings überlappen „Verkalkung“ und Alzheimer ganz erheblich. In bis zu 45 Prozent der Fälle von Demenz finden sich deutliche Zeichen dafür, dass beide Krankheiten ursächlich am geistigen Verfall beteiligt sind. Mehr noch, sie können sich gegenseitig verstärken. „Im Gehirn gibt es 80 bis 100 Kilometer Blutgefäße, wenn die Durchblutung nicht mehr gut funktioniert, beschleunigt das auch Alzheimer“, sagt der Chemiker Beyreuther. Und Alzheimer-typisches Amyloid kann auch Blutgefäße verstopfen.

Was dem Herzen nützt, hilft auch dem Hirn. Wer seinen hohen Blutdruck bekämpft, senkt mit dem Infarkt- auch das Schlaganfallrisiko und damit die Gefahr einer gefäßbedingten Demenz. Auch andere Therapien von Stoffwechselstörungen, etwa Cholesterinsenkung oder Diabetesbehandlung, senken die Demenzgefahr.

Erste geistige Abbauerscheinungen zeigen sich bereits mit 45. Vorbeugen ist ein Langzeitprojekt. Ein körperlich, sozial und geistig aktives Leben, gewürzt mit gesunder Ernährung, soll späterer Demenz vorbeugen oder sie soweit hinauszögern, dass die potenziell Betroffenen sie nicht mehr erleben. „Wenn wir Alzheimer um zehn Jahre nach hinten verschieben, dann haben wir das Problem fast gelöst“, sagt der Stammzellforscher Gerd Kempermann, der an der Technischen Universität Dresden die Regeneration des erwachsenen Gehirns studiert.

Allerdings sind viele Erkenntnisse zum Anti-Alzheimer-Lebensstil wissenschaftlich noch nicht so gut abgesichert, wie die Martha Daviglus und ihre Kollegen in ihrem Gutachten bemängelten. Und Kempermann gibt zu, dass Erfolge bei der Vorbeugung eher moderat ausfallen – sonst wären die Experten nicht zu ihrem skeptischen Urteil gekommen.

Beispiel Ernährung. Eine ganze Reihe von Substanzen und Lebensmitteln oder Kräutern sind als mögliche Demenzverhinderer im Gespräch und werden erforscht. Am aussichtsreichsten nach heutigem Kenntnisstand sind die in Fisch enthaltenen Omega-3-Fettsäuren, durchwachsen bis enttäuschend ist das Ergebnis bei den Vitaminen B, C und E, Folsäure, Betacarotin und Ginkgo. Das spricht nicht in jedem Fall gegen einen möglichen positiven Effekt, aber dass eine einzelne Substanz Alzheimer verhütet, ist sehr unwahrscheinlich – außer, wenn ein eindeutiger Mangelzustand vorliegt.

Vom Glauben daran, dass eine einzige Substanz oder ein einziges Nahrungsmittel den Geist frisch hält, sind viele Wissenschaftler daher abgekommen. „Das Gemisch ist entscheidend“, sagt der Alzheimer-Forscher Beyreuther. Der gesunde Mix macht’s am ehesten, etwa in der mediterranen Kost mit frischem Obst, Gemüse, Olivenöl, Fisch oder Geflügel und einem Glas Rotwein zum Essen, aber wenig rotem Fleisch und gesättigten Fetten. Auch hier zeigt sich der gemeinsame gesundheitliche Nutzen für Herz, Kreislauf und Gehirn. Allerdings haben Ernährungsstudien ihre Tücken, weil die Antworten der Teilnehmer nicht unbedingt zuverlässig sind und eine „gute“ Ernährung häufig mit mehr Wohlstand und Bildung verknüpft sind – Faktoren, die das Ergebnis verzerren.

Viele Forscher sind überzeugt, dass man Alzheimer zumindest ein Stück davonlaufen kann. Bewegung und Sport steigern die Durchblutung des Gehirns, lassen Nervenkontakte sprießen und neue Zellen. Etliche Studien deuten darauf hin, dass, wer sich viel bewegt, auch länger geistig fit bleibt und sogar weniger Alzheimer-Amyloid im Gehirn einlagert. Umso größer war der Aufschrei, als die amerikanischen Experten in ihrem Gutachten folgerten, die Ergebnisse seien zwar ermutigend, aber noch vorläufig. Denkbar ist, dass Menschen, die geistig auf der Höhe sind, eher Sport treiben. Das kann zu dem Fehlschluss verleiten, dass sie mental fit sind, weil sie körperlich aktiv sind.

In mancher Hinsicht gleicht das Gehirn einem Muskel. Man kann es trainieren, und gelegentlich braucht es Ruhe. Aber ebenso wie es Beuger und Strecker gibt, muss auch der Denkmuskel verschiedene Aufgaben erledigen. „Man kann ein geistiger Gewichtheber oder Sprinter sein“, sagt Kempermann. Wer Kopfrechnen übt, wird darin besser, wer Englisch paukt, lernt diese und keine andere Sprache. Man kann nicht sein ganzes Gehirn „trainieren“, auch wenn der Begriff „Gehirnjogging“ das nahelegt.

Ob mit Gehirnjogging, etwa durch Computerprogramme, einer Demenz vorgebeugt wird, ist noch nicht geklärt. Allerdings kann es auch nicht schaden. Es sei denn, die Demenz ist eingetreten. Dann ist es eine „unmenschliche Quälerei“, die Patienten mit Gehirnübungen zu traktieren, sagt der Psychiater Hans Förstl vom Klinikum rechts der Isar in München.

Mindestens ebenso anregend wie ein Computerprogramm kann es sein, sich mit Freunden zu treffen und zum Beispiel Karten zu spielen. Geradezu perfekt ist eine Runde Rhumba oder Cha-Cha-Cha. Denn Tanzen fordert Kopf, Körper und soziale Intelligenz gleichermaßen.

Wer eine gute Ausbildung oder ein Studium absolviert hat und ein geistig und sozial aktives Leben führt, hat seltener unter geistigen Abbauerscheinungen zu leiden. Wissenschaftler sprechen von einer „kognitiven Reserve“. Vermutlich kann ein beweglicher Geist die krankhaften Prozesse im Gehirn länger ausgleichen. Ist das intellektuelle Kapital aufgezehrt, bricht jedoch auch in diesen Fällen das Leiden aus – und verläuft dann unter Umständen sogar schneller.

Doch es spielt auch eine Rolle, gefordert zu werden, sagt Förstl. Er beobachtet nicht selten, dass Menschen – vor allem Männer – durch die Rente „zur Ruhe genötigt“ werden und dann geistig abbauen. „Die Zwangsstilllegung im Alter leistet der Demenz Vorschub“, ist Förstl überzeugt. Er plädiert dafür, nur dann die volle Rente auszuzahlen, wenn sich Menschen auch sozial engagieren.

Konrad Beyreuther dagegen glaubt, dass digitale Medien wie der Computer geistige Beweglichkeit erzwingen. Er hält nichts von der Angst, dass Alzheimer immer weiter zunimmt. „Es gibt erste Daten, die darauf hindeuten, dass die Computergeneration weniger Alzheimer hat.“

Als Alois Alzheimer vor 100 Jahren die Demenz erforschte, hieß die noch „Greisenblödsinn“ und war Schicksal. Heute gibt es Gründe, dem Fatalismus die Stirn zu bieten, auch wenn die Vorbeugung von Alzheimer ein wenig von der kühnen Idee hat, das Altern zu verlangsamen. Noch fehlt für manches der letzte Beweis. Aber wer ein aktives Leben führt, macht schon heute alles richtig.

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