• Angst vor Missbrauch darf Forschung nicht beeinträchtigen: Die Bedrohung durch Biowaffen ist zweifelhaft

Angst vor Missbrauch darf Forschung nicht beeinträchtigen : Die Bedrohung durch Biowaffen ist zweifelhaft

Um Ebola-, Grippe- oder Mers-Epidemien bekämpfen zu können, braucht es Forschung. Doch die wird durch die ungewisse Angst vor terroristischem Missbrauch behindert. Das kann nicht sein. Ein Kommentar.

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Kurz nach 9/11 schürten Milzbrand-Anschläge in den USA weltweit die Angst vor dem Missbrauch von Forschung an gefährlichen Erreger. Neue Sicherheitsmaßnahmen, beispielsweise Dekontaminationsteams wie hier in Liverpool, wurden ergriffen.
Kurz nach 9/11 schürten Milzbrand-Anschläge in den USA weltweit die Angst vor dem Missbrauch von Forschung an gefährlichen...Foto: Reuters

Pocken, Grippe, Ebola, Milzbrand, Pest – spätestens seit 9/11 werden Forscher misstrauisch beäugt, die an einer jener 200 Mikroben arbeiten, die nach Einschätzung der US-Seuchenbehörde CDC als Biowaffe taugen. Besorgt, dass die Ergebnisse in falsche Hände geraten könnten, wird entweder ihre vollständige Veröffentlichung infrage gestellt oder sogar die Finanzierung von „zweischneidiger“ („Dual Use“-) Forschung beschnitten. Seit vergangenem Oktober hat die amerikanische Regierung Forschungsprojekte unter ein Finanzierungsmoratorium gestellt, in denen das Erbgut von Grippeviren verändert wird. Damit werden Experimente unterbunden, die jene Genmutationen aufspüren sollen, mit deren Hilfe Vogelgrippeviren auch Säugetiere infizieren können – und, wie 1918 geschehen, Millionen Menschen töten könnten.

Auch nicht zu forschen ist riskant

Ohne Zweifel sind solche Experimente auch ohne Berücksichtigung einer hypothetischen Bioterrorgefahr riskant. Schließlich könnten Labormitarbeiter die Viren versehentlich verschleppen. Deshalb sind hohe Sicherheitsstandards unumgänglich.

Aber es wäre töricht, solche Experimente allein aufgrund einer vagen Bioterrorgefahr zu verbieten. Denn auch nicht zu forschen, birgt ein Risiko: Nur wenn Ärzte genug über Viren wie Ebola wissen, können sie richtig reagieren, Pfleger besser schützen und Therapien und Impfstoffe entwickeln.

Es gilt also, Risikoszenarien einzuschätzen und gegeneinander abzuwägen.

Das ist alles andere als einfach. Denn wie groß und wie unmittelbar das Risiko ist, dass Terroristen oder skrupellose Staaten Forschungsergebnisse nutzen, um neuartige Biowaffen zu entwickeln, darüber sind sich Experten einer „Science“-Umfrage nach alles andere als einig. Ein Forscherteam um Crystal Boddie und Gigi Gronvall von der Universität Pittsburgh in Baltimore hat 59 Experten befragt, die teilweise seit Jahrzehnten von Politikern in der Biowaffenfrage konsultiert werden. Für wie groß halten Sie die Wahrscheinlichkeit eines Biowaffenangriffs in den nächsten zehn Jahren, war eine der Fragen. Die Antworten gingen weit auseinander. Fünf Experten rechneten mit einer mindestens 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit mit einem solchen Anschlag, für sechs andere lag sie bei null bis fünf Prozent. Alle Antworten zusammengenommen schätzten die Experten das Risiko eines Biowaffenangriffs auf 57 Prozent – was kurz zusammengefasst bedeutet: Wir haben keine Ahnung, ob da etwas auf uns zukommt oder nicht.

Naturwissenschaftler weniger pessimistisch

Schauten sich Boddie und Gronvall ihre Umfragedaten genauer an, stellten sie eine interessante Korrelation fest: Experten mit naturwissenschaftlich-biologischer Ausbildung halten Biowaffenangriffe für weniger wahrscheinlich als Spezialisten mit anderem Bildungshintergrund.

Spiegelt das nun die Naivität von Naturwissenschaftlern wider, die politische Hintergründe nicht ausreichend überblicken? Es ist wohl eher so, dass Biologen die teils immensen technischen Schwierigkeiten, die mit dem Konstruieren neuartiger, waffenfähiger Mikroben einhergehen, besser kennen als etwa Politologen.

Der Virologe Eckhard Wimmer, der an der Stony-Brook-Universität auf Staten Island vor Jahren ein synthetisches Poliovirus schuf, hält das Gefahrenpotenzial von natürlichen Mikroben für viel höher als das jeder gentechnisch konstruierten. „Die Natur ist der bessere Terrorist“, sagt Wimmer.

Die unwahrscheinlichste Biowaffe ist eine synthetische Mikrobe

Darüber waren sich sogar die Experten in Boddies und Bronvalls Studie einig. Gefragt, welche Art von Biowaffe Aggressoren gegebenenfalls einsetzen würden, nannten die meisten chemische, aber aus biologischen Quellen stammende Gifte wie Rizin oder Botulinum, gefolgt von natürlich vorkommenden Bakterien und Viren wie Anthrax, Pest oder Ebola. Am wenigsten geeignet als Biowaffe stuften sie gentechnisch optimierte Bakterien oder Viren ein. Also ebensolche, die Terroristen angeblich konstruieren könnten mithilfe des geklauten Wissens aus „Dual Use“-Experimenten.

Das bedeutet nicht, dass Experimente an hochinfektiösen, gefährlichen Mikroben frei von Missbrauchs- und Sicherheitsrisiken sind. Aber die Gesellschaft darf nicht in dem Versuch, geringe oder gar hypothetische Risiken auszuschließen, die unmittelbaren Risiken einer Epidemie noch vergrößern, indem sie Forschern das Forschen verbietet.

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