• Anthropologie: Hochkultur in der Höhle Meeresfrüchte und Statussymbole aus der Urzeit

Anthropologie : Hochkultur in der Höhle

Meeresfrüchte und Statussymbole aus der Urzeit

Roland Knauer

Funde aus einer südafrikanischen Höhle zeigen, dass unsere Vorfahren schon vor 164 000 Jahren eine relativ hoch entwickelte Kultur hatten und das Meer bereits als Nahrungsquelle nutzten („Nature“, Band 449, Seite 905).

In der Pinnacle-Point-Höhle an der Mossel-Bucht fanden Forscher um Curtis Marean von der Arizona State University Überreste von Muscheln, Krebsen und einem Wal. Außerdem entdeckten sie eine ganze Reihe kleiner Steine, die zu scharfen Klingen geschlagen waren. „Heftet man diese Steinklingen an einen Griff aus Holz, hat man ein hervorragendes Messer“, erklärt Ottmar Kullmer vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt am Main. Diese Werkzeuge deuten darauf hin, dass die Überreste der Schalentiere nicht von Küstenvögeln in die Höhle geschleppt wurden, sondern tatsächlich von Frühmenschen stammen, die Beutetiere mit ihren Werkzeugen bearbeiteten. Der Fund verblüfft die Paläoanthropologen sehr, da ähnliche Klingen sonst allenfalls 45 000 Jahre alt sind.

Aber auch vor 164 000 Jahren scheint das Leben schon mehr gewesen zu sein als nur die Befriedigung der Grundbedürfnisse. Homo sapiens hatte wohl auch schon einen Sinn für Schönheit und Schmuck. Denn die Forscher fanden in der Höhle kleine Hämatit-Brocken, die Kratzspuren aufweisen. Reibt man diese Steinchen an einer rauen Wand entlang, hinterlassen sie beeindruckende rote Spuren. Genau wie Menschen heute ihren sozialen Status mit wertvollen Juwelen, Markenkleidern oder teuren Autos zeigen, leisteten sich die Bewohner der Pinnacle-Point-Höhle den Luxus der roten Farbe, mit der sie vermutlich ihre Haut und bedeutende Gegenstände bemalten. Auch diese kulturelle Errungenschaft kannten Wissenschaftler bisher nur aus einer Zeit vor 80 000 Jahren.

Versteinerte Knochen und Erbgut-Analysen zeigen, dass Homo sapiens sich vor kaum 200 000 Jahren wohl im Osten Afrikas aus anderen Frühmenschenarten entwickelte. Aus dieser Zeit wurden bisher kaum Spuren entdeckt: Zwei Schädelteile aus Äthiopien konnten Forscher Homo sapiens zuordnen. Sie sind 195 000 und 160 000 Jahre alt.

Wie diese frühen modernen Menschen lebten, wusste bisher aber niemand so recht. Zwei Theorien verfechten Paläoanthropologen dazu: Erst habe sich der Körper des modernen Homo sapiens entwickelt, vor etwa 45 000 Jahren kam es dann zum geistigen Durchbruch. Genau zu dieser Zeit häufen sich nämlich Funde, die auf eine komplexe Kultur hindeuten, wie Höhlenzeichnungen oder Spuren von Begräbnisriten. Die meisten heutigen Frühmenschenforscher, wie Ottmar Kullmer, vermuten dagegen, dass es diese kulturellen Errungenschaften bereits viel früher gab und der moderne Geist sich parallel zum modernen Körperbau entwickelte. Nur hätte der Zahn der Zeit wenig von diesen Kulturen übrig gelassen. Die Funde, die jetzt an der Südküste Südafrikas gemacht wurden, untermauern diese Vermutung.

Doch auch die Spuren in der Höhle am Pinnacle Point wären der Witterung und den klimatischen Veränderungen beinahe zum Opfer gefallen. Als die Menschheit entstand, waren die Gletscher einer Eiszeit wieder einmal weit vorgerückt und hatten Teile Nordamerikas und Skandinavien unter einem tausende Meter dicken Eisschild begraben. Das gefrorene Wasser aber fehlte den Weltmeeren, deren Wasserspiegel daher mehr als hundert Meter tiefer als heute lag. Die meisten Höhlen in erreichbarer Nähe der Küste wurden daher überflutet, als vor 123 000 Jahren viele der Gletscher geschmolzen waren und der Meeresspiegel sogar sechs Meter höher als heute lag. Die Höhle bei Pinnacle Point aber lag damals immer noch 15 Meter über den Fluten. Und weil die Küste dort relativ steil abfällt, war das fruchtbare Meer für die Menschen vor 164 000 Jahren trotzdem noch in erreichbarer Nähe. Roland Knauer

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