Anthropologie : Nussknacker und Steakesser

Stammbusch statt Stammbaum: Neue Funde belegen, dass vor zwei Millionen Jahren mehrere Menschenarten in Afrika lebten – mit diversen Speiseplänen.

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Frühmenschen-Mosaik. Die Paläontologen Meave Leakey (links) und Fred Spoor bei Ausgrabungen am Turkana-See in Kenia.
Frühmenschen-Mosaik. Die Paläontologen Meave Leakey (links) und Fred Spoor bei Ausgrabungen am Turkana-See in Kenia.Foto: Mike Hettwer, mit freundlicher Genehmigung von National Geographic

Mit jedem Fossilienfund wird das Bild von der Entstehung des Menschen komplizierter. In Kenia entdeckte, knapp zwei Millionen Jahre alte Bruchstücke von Schädel und Kiefer deuten nun darauf hin, dass zu dieser Zeit mehrere Menschenarten in Ostafrika heimisch waren. Das berichten die Wissenschaftler im Fachblatt „Nature“. Damit nicht genug: „Im Jahr 2064 werden Forscher die heutigen Überlegungen zur Entwicklung der Menschen als allzu einfach bezeichnen“, prophezeit Bernard Wood von der George-Washington-Universität in Washington im gleichen „Nature“-Heft. Meave Leakey und ihre Tochter Louise Leakey vom Turkana-Becken-Institut in Nairobi berichten von versteinerten Knochen, die auf drei unterschiedliche Frühmenschen-Typen schließen lassen, die vor knapp zwei Millionen Jahren lebten.

Ein Schädel, der aus mehreren Funden kombiniert wurde.
Ein Schädel, der aus mehreren Funden kombiniert wurde.Foto: Nature


Solche Entdeckungen bestätigen den Paläontologen Friedemann Schrenk vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main. Schrenk hatte 1993 einen eventuell bis zu 2,5 Millionen Jahre alten Frühmenschen beschrieben, den seine Gruppe am Westufer des Malawi-Sees in Ostafrika entdeckt hatte. Angesichts vieler Hinweise auf solche unterschiedlichen Menschenarten plädiert der deutsche Forscher seit etlichen Jahren dafür, dass der moderne Mensch keinen Stammbaum mit einer klaren Linie der Abstammung habe. „Vielmehr gab es eher eine Art Stammbusch, in dem verschiedene Typen gleichzeitig lebten“, meint Schrenk.
Dabei begann alles ganz einfach. Ursprünglich vermuteten Forscher einen klaren Stammbaum von den als Australopithecus bezeichneten Vormenschen über den „aufrechten“ Menschen Homo erectus bis zum modernen Menschen Homo sapiens. Dann aber berichteten die Kenianer Louis Leakey, seine Frau Mary und sein Sohn Jonathan 1964, sie hätten eine Homo habilis genannte Art in der Olduvai-Schlucht im Norden Tansanias entdeckt. Vor 1,75 Millionen Jahren sei dort ein wohl 13-jähriger Junge gestorben, von seinen versteinerten Knochen bargen die Forscher einen Unterkiefer und Teile der Hand.
1973 veröffentlichte eine Forschergruppe, an deren Spitze mit Richard ein weiterer Sohn aus der Leakey-Familie stand, den Fund eines Schädels ohne Unterkiefer und ohne Zähne in der Koobi-Fora-Hügelkette am Turkana-See im Nordwesten Kenias. Diese 1,9 Millionen Jahre alten Knochen des oberen Kopfes ließen ein auffallend flaches Gesicht vermuten, das sich von allen anderen bekannten Frühmenschen deutlich unterschied. Die Forscher könnten eine ganz neue Art entdeckt haben, die seit den 1980er Jahren Homo rudolfensis genannt wurde. Allerdings stand dieser neue Menschentyp seither nur auf dünnem Fundament, weil Forscher nur diesen einen Schädel gefunden hatten.
Richard Leakey ist mit Meave Leakey verheiratet, die gerade mit der gemeinsamen Tochter Louise einige Frühmenschenfunde vom Turkana-See veröffentlicht hat. Dazu gehört ein Teil des oberen Kopfes eines achtjährigen Jungen, diesmal aber mit Unterkiefer. Er starb vor 1,91 bis 1,95 Millionen Jahren. Da sich Kinder damals schneller entwickelten, entspricht sein Lebensalter eher dem eines heute lebenden 13-Jährigen. Die Trümmer eines Unterkiefers eines anderen Individuums sind ähnlich alt, während der Unterkiefer eines weiteren Menschen 1,83 Millionen Jahre in der Koobi-Fora-Hügelkette verborgen war.
Als Fred Spoor vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig diese neuen Funde mit dem Homo-habilis-Unterkiefer aus der Olduvai-Schlucht verglich, passten sie allerdings nicht so recht zueinander. Mit dem 1973 beschriebenen Schädel vom Turkana-See gibt es dagegen gute Parallelen. Damit hatten die Forscher endlich weitere Individuen dieses Typs gefunden, der Homo rudolfensis steht nun auf einem soliden Fundament. Gleichzeitig ist daher auch sicher, dass vor 1,9 Millionen Jahren zumindest drei Frühmenschen-Typen auf der Erde lebten: Homo rudolfensis, Homo habilis und Homo erectus, dessen früheste Spuren rund zwei Millionen Jahre alt sind. Die Funde bestätigen den Stammbusch von Friedemann Schrenk.
In Südafrika finden sich nicht nur die Spuren der Frühmenschen, sondern auch Hinweise auf deren Vorfahren: Der Vormensch Australopithecus africanus lebte dort noch vor zwei Millionen Jahren. Als das Klima in Afrika trockener wurde, entwickelte sich aus diesem Australopithecus nicht nur die Gattung Homo, sondern auch eine Art Nussknacker-Mensch, der mit seinen extrem kräftigen Kauwerkzeugen die härter werdenden Pflanzen erfolgreich zermahlen konnte. Fossilien dieses Paranthropus robustus fanden Forscher im Süden Afrikas aus der Zeit vor zwei bis 1,2 Millionen Jahren.
Wie sich dieser Stammbusch aus Vor- und Frühmenschen mit dem Seitenast Paranthropus ernährte, haben Vincent Balter vom Geologischen Labor im französischen Lyon und seine Kollegen mithilfe des Zahnschmelzes untersucht, wie sie in der Online-Ausgabe von „Nature“ berichten. Die Mengen des darin enthaltenen Strontiums, Kalziums und Bariums, sowie verschiedener Atomsorten dieser Elemente zeigt, ob das Individuum Vegetarier war oder Fleisch aß. Für die Gattung Homo konnten die Forscher einen Verdacht bestätigen: Unsere Vorfahren verkrafteten trockene Zeiten mit harter Vegetation, indem sie häufiger Fleisch konsumierten. Sie waren also Mischköstler. Nussknacker Paranthropus dagegen kaute auf holzigen Pflanzen herum.
Die Überraschung lieferte Australopithecus africanus, weil er ein besonders breites Nahrungsspektrum aus Fleisch, Blättern und Früchten von Gehölzen zu sich nahm. Ob Australopithecus Steaks mit Beilage aß oder in der Regenzeit vegetarisch lebte und in den trockenen Perioden verstärkt auf Fleisch zurückgriff, müssen die Forscher noch klären.

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