Wissen : Anwalt des Gefühls

Risikoforscher Gerd Gigerenzer empfiehlt Patienten, die Tipps ihrer Ärzte nicht allzu ernst zu nehmen. Dafür hat er jetzt einen Preis erhalten.

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Aufklärung gegen Angst. Gigerenzer untersucht, wie wir Gefahren bewerten. Foto: Rückeis
Aufklärung gegen Angst. Gigerenzer untersucht, wie wir Gefahren bewerten. Foto: RückeisFoto: Thilo RŸckeis HF

Professor Gigerenzer bietet Kekse zum Kaffee an. „Greifen Sie zu“, sagt er, der Mensch lebe schließlich nicht vom Denken allein. „Die Logik ist in der westlichen Welt viel zu lange als einzig selig machende Methode betrachtet worden“, sagt der Psychologe, und beißt in ein Butterkipferl. „Erst denken, dann handeln!“, wird bereits Grundschülern eingebläut: in aller Ruhe die Vor- und Nachteile der einzelnen Möglichkeiten abwägen und erst dann eine Entscheidung treffen. Doch egal, ob bei der Berufswahl, in einer Ehekrise oder an der Börse: „Langes Nachdenken bringt oft wenig“, sagt Gigerenzer.

„Nehmen wir an, Sie suchen eine Frau“, sagt er. Der amerikanische Staatsmann Benjamin Franklin habe vorgeschlagen, in solchen Fällen alle Vor- und Nachteile der einzelnen „Optionen“ aufzulisten, mit Punkten zu versehen – und sich für die Kandidatin mit der höchsten Gesamtpunktzahl zu entscheiden. Ein sorgfältiges, reflektiertes Vorgehen. „Ich kenne aber nur einen einzigen Menschen, der seine Frau tatsächlich so ausgesucht hat“, sagt Gigerenzer: „ein erfolgreicher Wirtschaftswissenschaftler – mittlerweile geschieden.“

Gigerenzer lehnt Franklins Vorschlag nicht nur ab, weil es schwer sei, Charme, Intelligenz, Humor, Aussehen, sozialen Status einer Person gegeneinander aufzurechnen. Er behauptet vielmehr, dass Entscheidungen, die auf Berechnung beruhen, generell oft schlechter seien als intuitiv getroffene.

Gerd Gigerenzer, 63 Jahre alt, markanter Schnurrbart, Brille auf der Nase, ist seit mehr als zehn Jahren Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Als junger Mensch war er Jazz-Gitarrist und Tiefseetaucher. Heute hat die Wissenschaft Priorität. Er untersucht, wie Menschen Entscheidungen treffen, und wie sie Risiken einschätzen. Sein Bestseller „Bauchentscheidungen“ wurde in 18 Sprachen übersetzt.

„Welche Aktien kennen Sie?“, fragte er in Berlin beispielsweise hundert zufällig gewählte Passanten. Aus den am häufigsten genannten Papieren stellte er ein Paket zusammen, reichte es bei einem Börsenspiel ein – und schnitt damit besser ab als 88 Prozent von tausenden Portfolios, die Fachleute ausgearbeitet hatten. Weitere Studien bestätigen dieses Resultat. „Börsenkurse lassen sich so schwer vorhersagen, dass Prognosen von Finanzexperten im Schnitt keine besseren Resultate ergeben als der Zufall“, sagt Gigerenzer.

In einem anderen Experiment ließ er Studenten für Spiele der amerikanischen Basketball-Liga NBA tippen, welche Mannschaft gewinnen werde. Die Testpersonen bekamen nur zwei Informationen: die Anzahl der Matches, die die beiden Teams jeweils in der bisherigen Saison gewonnen hatten, und den Halbzeitstand.

Die meisten Probanden gingen intuitiv nach folgendem Schema vor: War eine Mannschaft über die gesamte Saison deutlich besser als die andere, tippten sie auf diese. Nur bei Begegnungen zwischen Teams mit ähnlicher Bilanz tippten sie auf diejenige Mannschaft, die zur Halbzeit führte.

Diese Methode nennen Fachleute „Take-the-best“: Nimm das beste Kriterium und entscheide danach. Nur falls sich kein klarer Unterschied ergibt, nimm das zweitbeste. 78 Prozent der Tipps der Studenten waren richtig. Ein Computerprogramm, das zahlreiche statistische Daten zu den Teams nach komplizierten Algorithmen verrechnete, gab ebenfalls 78 Prozent korrekte Tipps: unentschieden. Und bei ähnlichen Prognose-Experimenten in anderen Fachgebieten schnitt die Take-the-Best-Methode mit 71 Prozent richtigen Tipps sogar besser ab als das ausgefeilte Computerprogramm (68 Prozent).

Doch man dürfe sich keine Illusionen machen, sagt Gigerenzer, und schenkt Kaffee nach: „Auch das Bauchgefühl kann trügen.“ Gerade wenn es darum geht, Risiken einzuschätzen: Bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 etwa starben in New York mehr als 3000 Menschen. Allein in den USA kommen jedes Jahr aber rund 28 000 Menschen durch mangelnde Hygiene in Krankenhäusern um. Warum fürchten sich dennoch nicht nur in den USA die meisten Leute viel stärker vor Terror als vor Infektionen im Spital?

„Wir kriegen schnell Angst, wenn viele Menschen auf einmal sterben könnten“, erklärt Gigerenzer. „Sind hingegen über einen längeren Zeitraum hinweg viel mehr Menschen in Lebensgefahr, scheint uns das weniger bedrohlich.“ Einen Grund dafür vermutet er in der Evolutionsgeschichte: In der Frühzeit lebten Menschen in kleinen Horden - und wenn ein Teil dieses Verbands starb, war schnell das Überleben der gesamten Gruppe in Gefahr. Gigerenzers Hauptanliegen ist die Aufklärung der Bürger. Dafür hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihm soeben den mit 50 000 Euro dotierten „Communicator“-Preis 2011 zugesprochen. Die Jury hob aber auch hervor, dass er sich „nicht auf reine Informationsvermittlung beschränke, sondern proaktiv auch Praktiker wie Richter, Ärzte und Manager im In- und Ausland in Risikokommunikation und Entscheidungsfindung trainiere“.

Gerade die Ärzte beschäftigen Gigerenzer: Auf ihre Empfehlungen könne man sich häufig nicht verlassen, sagt er. Nur etwa die Hälfte der Schweizer Ärzte, die er kürzlich im Rahmen einer Studie befragte, glauben beispielsweise, dass Reihenuntersuchungen zur Früherkennung von Prostatakrebs sinnvoll seien. Drei Viertel geben jedoch an, ihren Patienten solche Tests zu empfehlen. Gigerenzer nennt dieses Phänomen „defensive Medizin“. Auch Therapien und Operationen, die man selbst nie in Anspruch nehmen würde, werden aus Angst, wegen Nachlässigkeit verklagt zu werden, durchgeführt. „Fragen Sie einen Arzt daher nie, was er empfiehlt“, sagt Gigerenzer und greift nach einem letzten Butterkipferl. „Fragen Sie ihn, was er tun würde, wenn er an Ihrer Stelle wäre.“

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