Appell an Berlins neuen Senat : Stärkt die Fachhochschulen!

Berlins FHs punkten bei den Studierenden und stimulieren die Wirtschaft. Daraus ließe sich mehr machen/Ein Gastbeitrag.

Andreas Zaby
Inkubatoren. Berlins vier staatliche Fachhochschulen – im Bild die Beuth-Hochschule im Wedding – geben der regionalen Wirtschaft mit ihren Gründungsaktivitäten zahlreiche Impulse, sagt Andreas Zaby, Sprecher der Berliner FHs. Aber sie sind unterfinanziert.
Inkubatoren. Berlins vier staatliche Fachhochschulen – im Bild die Beuth-Hochschule im Wedding – geben der regionalen Wirtschaft...Foto: imago/Jürgen Ritter

Berlin kann stolz sein auf seine Fachhochschulen, aus einer Reihe von Gründen. Immer mehr Studierende entscheiden sich für das praxisnahe Studium, rund 40 000 zählen die vier staatlichen FHs aktuell. Die Absolventinnen und Absolventen sind auf dem Arbeitsmarkt stark nachgefragt. Die Studierenden schätzen das Lernen in kleinen Gruppen. Die Studiendauer ist relativ kurz, die Abbruchquoten sind gering.

Dabei stehen die FHs für den leistungsorientierten Bildungsaufstieg, unabhängig von familiärer Herkunft. Sie eröffnen Menschen mit beruflicher Ausbildung und Erfahrung Chancen, sorgen für Durchlässigkeit innerhalb des Bildungssystems. Es gibt zahlreiche duale Studiengänge an den FHs. Diesem Modell, das Studium und Praxis in enger Abstimmung mit der regionalen Wirtschaft verbindet, wird weltweit hohe Aufmerksamkeit entgegengebracht. Die FHs gehören außerdem zu den größten Anbietern wissenschaftlicher Weiterbildung für Menschen aus der Praxis.

Obwohl die staatlichen Berliner FHs mehr Studierende aufnehmen als vorgesehen, können sie die Nachfrage nach Studienplätzen bei Weitem nicht befriedigen. Dies ist einer der Gründe, weshalb immer mehr junge Menschen an den mittlerweile 21 privaten FHs in der Stadt studieren und Studiengebühren in Kauf nehmen. Von allen FH-Studienanfängern und -anfängerinnen haben sich in diesem Wintersemester 23 Prozent an privaten, weitere vier Prozent an den beiden konfessionellen Hochschulen eingeschrieben – Tendenz steigend.

FHs bringen neue Technologien und soziale Innovationen auf den Markt

Die Stärke der FHs liegt nicht nur in der anwendungsorientierten Lehre. Von vielen Seiten werden ihnen auch ausgezeichnete Leistungen in der Forschung bescheinigt; Drittmitteleinnahmen und Publikationsleistungen steigen. Angewandte Forschung erfolgt vielfach in Kooperation mit kleinen und mittleren Unternehmen. Das Institut für Angewandte Forschung (IFAF) e. V., ein Zusammenschluss der staatlichen Berliner FHs, fördert und koordiniert mit Landesmitteln Verbundforschung.

Die Berliner Wirtschaft, die Verwaltung und der gemeinnützige Sektor profitieren vom Innovationspotenzial der FHs. Denn ein weiterer wichtiger Impuls geht von den Gründungsaktivitäten an den Berliner FHs aus. Zahlreiche Start-ups werden an den hochschuleigenen Inkubatoren gegründet und unterstützt. Sie bringen neue Technologien, Business-Modelle und soziale Innovationen auf den Markt und in die Gesellschaft. Auch in diesem von Studierenden stark nachgefragten Bereich bündeln die FHs ihre Kräfte, kooperieren mit etablierten Unternehmen.

Trotz ihrer hohen Leistungsfähigkeit gehören die Berliner FHs zu den am schwächsten finanzierten Hochschulen Deutschlands. Der jüngst verabschiedete Koalitionsvertrag erkennt deren Stärke nun zwar ausdrücklich an. Die Koalitionäre haben vereinbart, besonders die FHs auszubauen – das ist zu begrüßen. Noch sind die Maßnahmen aber unverbindlich formuliert. Sie müssen 2017 in den neuen Hochschulverträgen konkretisiert werden.

Zwar ist die geplante Steigerung der Landesmittel um 3,5 Prozent pro Jahr erfreulich. Tarif-, Besoldungs- und Versorgungssteigerungen werden sie voraussichtlich vollständig aufzehren. Denn es sind für alle Personalkategorien höhere Vergütungen vorgesehen. Die Hochschulen in Berlin setzen dies gern um, schließlich gehörten sie über viele Jahre bundesweit zu den Schlusslichtern bei den Gehältern. Aber das Land muss die Hochschulen in die Lage versetzen, die Ziele der Regierungsparteien erreichen zu können. Schon jetzt ist klar: mit der geplanten prozentualen Erhöhung sind die zusätzlichen Leistungen, die man sich gerade von den FHs erwartet, nicht realisierbar.

Der Koalitionsvertrag setzt positive Akzente, aber es gibt offene Fragen

So setzt der Koalitionsvertrag viele positive Akzente für die FHs, aber manches ist auch noch unklar. Der Aufbau von Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stärkt Forschung und Innovationstransfer in die Wirtschaft. Ähnlich wird die angekündigte Erhöhung der Mittel für das IFAF wirken. Der Einstieg des Landes in die finanzielle Unterstützung der Gründungszentren und Start-ups aus der Wissenschaft findet die volle Unterstützung der Berliner FHs.

Positiv für die FHs ist auch der Ruf nach kooperativen Promotionen. Die Berliner Universitäten zeigen sich hier bislang zurückhaltend. Sehr viele Masterabsolventinnen und -absolventen Berliner FHs müssen auf Universitäten in anderen Bundesländern und im Ausland ausweichen – der Hauptstadt geht so Innovationspotenzial verloren. Begrüßenswert daher die Initiative der Koalitionäre, nun auch in Berlin zu verbindlichen Kooperationsregelungen zu kommen oder andernfalls zu prüfen, ob man anderen Ländern wie Hessen folgen sollte und den Fachhochschulen das Promotionsrecht erteilt.

Andererseits wirft der Koalitionsvertrag Fragen auf. Studienabbrüche und Zwangsexmatrikulationen sollen abgebaut, Orientierungsphasen aufgebaut und das Qualitätsmanagement gestärkt werden. Wie die dafür vorgesehene zusätzliche Beratung und Förderung finanziert wird, bleibt offen. Das Ziel, „Hürden“ beim Übergang vom Bachelor zum Master abzubauen, ist sinnvoll. Die eigentliche Hürde liegt aber im Mangel an Masterstudienplätzen. Gerade an den FHs mit Übergangsquoten von zum Teil unter 20 Prozent kann die Nachfrage nach Masterstudienplätzen nicht gedeckt werden. Die Kapazitäten müssten hier deutlich erhöht werden. Die in Berlin weniger gut ausgebildeten jungen Menschen würden dann in andere Bundesländer abwandern.

Ferner: Zukünftig einen „Paradigmenwechsel“ zu fixieren, für Daueraufgaben auch Dauerstellen einzurichten, ist nur dann zielführend, wenn dies mit dauerhafter Finanzierung einhergeht. Tatsächlich werden Hochschulen immer wieder verpflichtet, unbefristete Stellen einzurichten, für die lediglich eine befristete Finanzierung besteht. Das Finanzierungsrisiko tragen die Hochschulhaushalte. Besonders schwierig erscheint daher, nun auch befristete Drittmittelprojekte teilweise mit unbefristeten Beschäftigten auszuführen. Werden beschäftigungspolitische Initiativen zulasten der Hochschulen umgesetzt, könnte sich dies als ein Hemmnis für Forschungsprojekte erweisen.

Die Koalition will mehr Studienplätze - das Planungsrisiko darf nicht auf die FHs verlagert werden

Die „wachsende Stadt“ erfordert einen schnellen und „massiven“ Ausbau der Studienkapazitäten in bestimmten Bereichen. Allgemeine Verwaltung sowie Polizei sollen aufwachsen, ebenso Gesundheit, Pädagogik und Soziale Arbeit. Es sind also ganz besonders die FHs gefordert. Sie werden selbstverständlich ihren Beitrag dazu leisten, dass Berlin dieses Wachstum meistert. Sie benötigen dafür aber zusätzliche Mittel und langfristige Planungssicherheit sowie Personal und Flächen. Das Planungsrisiko darf nicht weiter auf die FHs verlagert werden.

Auch ein Problem: FHs in ganz Deutschland erleben einen sich zuspitzenden Mangel an qualifizierten Bewerbungen auf Professuren. Dies liegt vor allem an der geforderten Doppelqualifikation in Wissenschaft und Praxis. Will der neue Senat diese Situation entschärfen, sollte er den Empfehlungen des Wissenschaftsrates folgen. Dieser schlägt unter anderem eine Flexibilisierung des Berufsbildes vor, die mögliche Reduktion hoher Lehrverpflichtung zugunsten von Forschungs- oder Transferaufgaben.

Die anstehenden Hochschulvertragsverhandlungen bieten die Chance, Fehlsteuerungen zu korrigieren. Es hat sich als falsch erwiesen, Mittelzuweisungen unter anderem davon abhängig zu machen, wie viele Studierende aufgenommen werden, die noch nie studiert haben. Studienabbrecher von anderen Hochschulen führen für die aufnehmende Hochschule zum „Verlustgeschäft“. Die Hochschule, an der das Studium abgebrochen wurde, behält dagegen sanktionslos die volle Prämie – eine Einladung also, Zulassungsbeschränkungen aufzuheben und das frühe Scheitern von Studierenden einzukalkulieren.

Nachbesserungen sind auch bei den Investitionsmitteln nötig. Die angekündigte Erhöhung für alle Berliner Hochschulen auf 100 Millionen Euro ab 2019 ist ein guter Schritt. Es bleibt angesichts des jahrelangen Staus beim Bau aber zu bezweifeln, dass dies ausreichen wird. Allein bei den FHs stehen in erheblichem Umfang Neu- und Umbauten sowie Sanierungen an. Sie haben zudem mit dem Problem zu kämpfen, große Teile ihrer Flächen anmieten zu müssen. Die Mietkosten in Millionenhöhe könnten für Berlin nutzbringender direkt in die Hochschulen investiert werden. Zu begrüßen ist es, wenn nun tatsächlich kurzfristig mehr studentischer Wohnraum geschaffen werden soll.

Die Berliner Fachhochschulen freuen sich darauf, Berlin gemeinsam – und innovativ – zu gestalten.

Der Autor ist Präsident der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin, Sprecher der Fachhochschulen in der Berliner Landesrektorenkonferenz sowie Vorsitzender der Hochschulallianz UAS7.

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