Architektur : Nach dem Krieg baute man nüchtern und nützlich

Ein Buch dokumentiert die Nachkriegsarchitektur des „westdeutschen Kapitalismus“

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Sachlich. Das Bayerhaus in Berlin. Quelle: Hillmann/ „Die erste Nachkriegsmoderne“
Sachlich. Das Bayerhaus in Berlin. Quelle: Hillmann/ „Die erste Nachkriegsmoderne“

Der Mann ist begeistert: „Das ist das schönste Pfostenprofil, das ich je in meinem Leben gesehen habe“, jubelt Robert Hillmann, während er die Projektion einer Schnittzeichnung vorführt. Das Profil gehört zum „Unilever“-Haus in Hamburg, fertiggestellt 1963 und entworfen von Helmut Hentrich, einem der meistbeschäftigten Architekten von Geschäftsbauten der Nachkriegszeit. Das „Unilever“-Haus ist das sechste und letzte, das der 42-jährige Vortragende untersucht und in seiner Dissertation dargestellt hat, die unter dem Titel „Die erste Nachkriegsmoderne“ erschienen ist und hier vorgestellt wird. Ort der Veranstaltung: das Gebäude der Fakultät für Bergbau und Hüttenwesen der TU Berlin am Ernst-Reuter-Platz, 1955-59 von Willy Kreuer errichtet und nun stolzer Vorzeigebau der TU-Baugeschichtler und -Denkmalpfleger, die sich für die Erhaltung des vor Jahren arg heruntergekommenen Bauwerks starkgemacht – und gewonnen haben.

Ein Treffen unter Freunden also, das da an diesem verregneten Sommerabend stattfindet. Man ist sich einig darin, die Nachkriegsarchitektur grundgut zu finden. Roman Hillmann liefert in seinem Buch zumindest Argumente für diese Sicht und klärt beispielsweise den Leser, der das 22-geschossige „Unilever“-Haus für einen Affront hält, über die feinsinnigen städtebaulichen Überlegungen auf, etwa über Nah- und Fernansicht in der Stadtsilhouette, die dieses Hochhaus ermöglicht haben. Und darüber, dass das Gebäude einen Endpunkt markiert, das Ende der unmittelbaren Nachkriegsarchitektur: „Das Gebäude stellt, im Unterschied zu den vorherigen Fallbeispielen, wie eine Maschine alle Funktionen zur Verfügung. Man muss nur noch arbeiten.“

Gearbeitet hat der Autor zehn lange Jahre an seiner Diss. Wie das Dissertationsschriften so an sich haben, können sie ihre mühselige Herkunft nicht verleugnen, und so weist denn Hillmanns Buch nicht weniger als 1052 Anmerkungen und eine zehnseitige Literaturliste auf, ohne dass sie – schon der flüchtige Blick verrät es – Anspruch auf Vollständigkeit erheben könnte. Das Feld der Fünfziger-Jahre-Baukunst wird eben schon eine Weile beackert.

Eine so intensive Auseinandersetzung mit einzelnen Bauten hat es gleichwohl noch kaum gegeben. Und es geht nur um den Teilbereich der Geschäfts- und Verwaltungsbauten, der Firmenzentralen, in denen sich der „westdeutsche Kapitalismus“ sehr bald nach Kriegsende einzurichten begann. Erstling der untersuchten Gebäude ist das „Loba“-Haus in Stuttgart, das Rolf Gutbrod bereits 1949 entwarf und das doch schon kühn auf die sechziger Jahre vorausweist, so ganz ohne jenen Nierentischschwung, der gemeinhin den Fünfzigern nachgesagt wird. Nein, Geschwungenes hat Hillmann nicht im Blick, er sieht vielmehr den enormen Einfluss der corporate architecture der USA mit ihren Vorhangfassaden, die in der Bundesrepublik fleißig nachgeahmt wurden. Am „Loba“-Haus zeigt der Verfasser, dass die Nachkriegsmoderne sehr wohl ortsbezogen dachte und sich auf schwierige Grundstückssituationen einstellte. Von wegen Solitäre!

Für Berlin lässt sich dann sogar die Entwicklung zurück zu Schinkel verfolgen, am Beispiel des „Bayerhauses“ am Kurfürstendamm nahe dem Olivaer Platz. Dessen Pfeilerfassade bringt Hillmann mit Schinkels nüchternsten Entwürfen wie etwa die Gewerbeanstalt in Zusammenhang. Im Inneren allerdings entdeckt der Autor eine ganz andere Verwandtschaft: Die verspielte Treppe sieht er in der „gestalterischen Freiheit“ des Dadaismus vorgeprägt. Darauf muss man erst einmal kommen. Und das gelingt nur, wenn man Jahr um Jahr auf feinste Detailuntersuchungen verwenden kann.

Es ist also ein höchst begrenzter Ausschnitt der Nachkriegsarchitektur, den Hillmann im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe nimmt. Die Darstellung des Forschungsstands wirkt allerdings willkürlich. Da werden Positionen munter verknüpft, die historisch unterschiedlichen Phasen angehören. Mit einem Mal wird das Denkmalschutzjahr 1975 als ein Kristallisationspunkt der Anti-Fünfziger-Kritik ausgemacht – als ob es damals nicht allerhöchste Eisenbahn gewesen wäre, die Notbremse gegen der Abrisswut zu ziehen. Und dass ohne das in diesem Schlüsseljahr 1975 erreichte öffentliche Bewusstsein heute wohl nicht eines der von Hillmann bewunderten Fifties-Gebäude mehr stünde, darf man getrost anmerken.

Roman Hillmann: Die erste Nachkriegsmoderne. Ästhetik und Wahrnehmung der westdeutschen Architektur 1945-63. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, 303 S., 213 Abb., 39,95 €.

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