Über den Zusammenhang von Wohlstand und Zufriedenheit - und über den kleinen Unterschied zwischen Männer und Frauen.

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Arme Würstchen : Über die Überflussgesellschaft und die Nebenwirkungen der Freiheit
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Erstens. Obwohl unsere Freiheit und unser Wohlstand in den letzten 35 Jahren praktisch ungebrochen gestiegen sind, hat die Lebenszufriedenheit in Deutschland nachgelassen. Auch der Fall der Mauer hat uns keinen Deut glücklicher gemacht, weder im Westen noch im Osten des Landes. Während das Bruttoinlandsprodukt gestiegen und die Mauer gefallen ist, scheint das unserem Glück nicht auf die Sprünge geholfen zu haben.

Tsp/Klöpfel

Während das Bruttoinlandsprodukt ab 1992 Gesamtdeutschland, daher der kleine Hüpfer gestiegen und die Mauer gefallen ist, scheint das unserem Glück nicht auf die Sprünge geholfen zu haben. Die obere, hellere Linie zeigt die Lebenszufriedenheit in den alten, die untere, dunklere Linie die Lebenszufriedenheit in den neuen Bundesländern (auf einer Skala von 0 bis 10).

Zweitens. Ein besonders rätselhaftes Beispiel betrifft die Situation der Frauen in der westlichen Welt. Zwei US-Ökonomen, davon eine Frau, haben das Glück der Frauen in zahlreichen Industrienationen seit den 1970er Jahren minutiös verfolgt. Über ihren Befund grübeln die Forscher bis heute selbst: Frauen sind – teils absolut, teils „lediglich“ relativ zu den Männern – im Laufe der letzten Jahrzehnte (während sich ihre Freiheit und Möglichkeiten also stetig erweiterten) immer unzufriedener geworden.

Tsp/Klöpfel

Die Grafik zeigt einen Ausschnitt der Umfrage-Ergebnisse aus den USA. Als relativer Trend zeigt sich das Phänomen aber in allen untersuchten Nationen, in Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Spanien, Portugal und den Niederlanden. Einzige Ausnahme ist Deutschland, was daran liegt, dass bei uns sowohl Frauen als auch Männer unzufriedener werden!

Man stutzt. Man fragt sich, was eigentlich los ist mit uns. Wieso genießen wir unseren privilegierten Lebensstil nicht etwas mehr, als wir es den empirischen Erhebungen zufolge tun? Sind wir einfach nur undankbar? Oder was fehlt uns noch in der Überflussgesellschaft?

Wenn ich meinen Freunden von dem Frauenbeispiel erzähle, entgegnen sie mir meist prompt: Ist doch klar, Frauen haben ja heutzutage auch zwei Jobs an der Backe – Kind und Karriere! Die Frau von heute sei eben total überlastet, sie wisse vor lauter Jonglieren zwischen Kita und Geschäftstermin gar nicht, wo ihr der Kopf steht.

Sicher macht diese Doppelaufgabe vielen Frauen zu schaffen, und doch kann sie nicht die ganze Erklärung für den beobachteten Unglückstrend sein. Der gleiche Trend zeigt sich nämlich auch bei Frauen ohne Kind und Frauen ohne Beruf, bei Frauen also, die der Doppelbelastung schlichtweg nicht ausgesetzt sind. Es muss somit noch andere Gründe für den Unglückstrend geben. Nur welche?

Nach einigen Wochen der Recherche, nach dem Sichten und Auswerten zahlreicher Studien zum Thema, wurde mir klar, dass sich zumindest ein Teil der Antwort auf die Frage meiner Freundin in der Frage selbst verbarg. Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass wir nicht bloß unzufrieden sind, obwohl, sondern nicht zuletzt auch weil wir so viele Möglichkeiten haben.

Es ist die Freiheit selbst, die uns mitunter aufs Gemüt schlägt. (Da Frauen in den letzten Jahrzehnten eine besonders starke Ausdehnung ihrer Freiheit erfahren haben, wäre es nicht unlogisch, wenn sie auch deren Schattenseiten besonders stark zu spüren bekämen, mit der Folge, dass ihnen ihr Glücksplus, das sie einst den Männern gegenüber genossen, weitgehend verloren gegangen ist.) Worin aber sollten die vermeintlichen Risiken und Nebenwirkungen der Freiheit und Optionserweiterung bestehen?

Ein ebenso einfaches wie aufschlussreiches Experiment der Psychologie gibt uns eine erste Ahnung. In dem Versuch stellte die Forscherin Sheena Iyengar von der Columbia-Universität in New York in einem Delikatessenladen einen Probetisch hin, wo die vorbeikommenden Kunden verschiedene Marmeladensorten kosten konnten. In einer Variante des Versuchs standen sechs Marmeladensorten zur Auswahl, in einer anderen 24.

Wie sich herausstellte, lockte das üppige Konfitürensortiment zwar recht viele Kunden an den Probiertisch. Diese aber schienen eher verunsichert zu sein. Sie hielten inne, zögerten, diskutierten das Für und Wider der diversen Sorten, nur um anschließend meist ratlos weiterzuziehen. Die wenigsten (drei Prozent) verließen das Geschäft mit einem Marmeladenglas in der Einkaufstasche. Ganz anders die Kunden der kleinen Auswahl: von ihnen entschieden sich ganze 30 Prozent zum Kauf einer Konfitüre.

Erstmals hatte sich in einem Experiment gezeigt, dass eine Erweiterung von immer mehr Optionen auch Nachteile mit sich bringt: Verunsicherung und die Unfähigkeit, sich zu entscheiden. Weitere Studien Iyengars sowie anderer Forscherteams offenbarten, dass Menschen bei einer mittelgroßen Auswahl von rund zehn Gegenständen nicht nur beherzter zugreifen, sondern am Ende auch glücklicher mit ihrer Wahl sind als bei einem Riesenangebot: weniger Auswahl, mehr Zufriedenheit.

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