Arzneimittel : Charité vergeht die Lust

20.03.2009 00:00 UhrVon Kai Kupferschmidt
Pepperoni Foto: Mauritius
Scharfe Sache. Auf die Idee mit dem Bio-Viagra sind schon andere gekommen. - Foto: Mauritius

Es gibt weiter Ärger um "Bio-Viagra". Plötzlich will keiner der beteiligten Forscher mehr etwas sagen. Die Uniklinik prüft nun rechtliche Schritte.

Am Dienstag war die Begeisterung noch groß: „Bio-Viagra: Potenzpille aus Kräutern“ meldeten deutsche Tageszeitungen auf ihrer Titelseite. Die beteiligten Forscher an der Charité gaben bereitwillig Auskunft. Plötzlich aber ist niemand mehr zu sprechen. Die Telefonnummern des Doktoranden Olaf Schröder sind offenbar abgemeldet, die Charité prüft rechtliche Schritte und der vermeintliche Durchbruch erweist sich als sehr zweifelhaft.

Auch der Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin, Schröders Doktorvater Holger Kiesewetter, ist zu keiner Auskunft bereit. „Herr Kiesewetter gibt keine Erklärungen dazu ab“, sagte seine Sekretärin nur am Telefon.

Was am Dienstag als große Sensation verkündet wurde, hält einer wissenschaftlichen Begutachtung kaum stand. Das Mittel „Plantagrar“ steigere die Potenz wirksamer als die bekannten blauen Viagra-Pillen der Firma Pfizer, hatte Schröder behauptet – und sei dabei rein pflanzlich. Belege gibt es dafür allerdings bis heute keine, außer den Aussagen der Forscher.

Schröder hatte angegeben, die Wirksamkeit des Mittels an 50 Probanden untersucht zu haben. Die Daten des Versuchs sind allerdings nicht publiziert. Außerdem wird die Vorgehensweise der Forscher massiv kritisiert: 25 Männer erhielten das Bio-Potenzmittel, 25 andere ein Placebo, also eine wirkstofffreie Tablette. Hinterher sollten die Probanden ihre Erfahrungen mit denen vergleichen, die sie mit Viagra gemacht hatten. „Völlig unseriös“ nennt Fritz Sörgel, Direktor des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung, das Vorgehen. „Das ist eine völlig neue Art von Studie, die dieser Doktorand erfunden hat.“ Die Zahl der Probanden sei viel zu niedrig, der Vergleich mit Viagra nicht ernst zu nehmen.

Auch bei der Charité begannen die Alarmglocken zu schrillen und man distanzierte sich von den Zeitungsberichten. „Bei dieser Untersuchung handelt es sich um die Aktivität eines einzelnen Mitarbeiters der Charité in eigener Verantwortung“, hieß es in einer Pressemitteilung.

Ganz so einfach ist die Sache aber nicht. Schon am 28. April 2007 druckte der „Berliner Kurier“ einen Probandenaufruf der Charité: „Die Charité Berlin sucht Potenzmittel-Tester. Die natürlichen Mittel sollen an Probanden getestet werden, die seit mindestens einem halben Jahr Viagra nehmen.“ Darunter standen E-Mail und Telefonnummer des Doktoranden Olaf Schröder. Und auch in einem Newsletter der Charité vom 11. Februar dieses Jahres wird die Forschung an dem Bio-Potenzmittel erwähnt und Olaf Schröder als Kontakt angegeben.

In einer neuen Stellungnahme teilt die Charité inzwischen mit, der Ombudsmann für gute wissenschaftliche Praxis sei beauftragt worden, die Angelegenheit zu untersuchen. Der Vorstandvorsitzende Karl Max Einhäupl kritisiert in der Pressemitteilung vor allem, dass Schröder erste Prognosen zur Wirksamkeit gemacht habe, ein Produkt und eine Firma genannt habe. „Dieses Vorgehen ist höchst unprofessionell und kann so nicht geduldet werden.“ Es müsse nun geklärt werden, ob ein Doktorand seine Kompetenzen überschritten habe oder ob es sich um ein Problem der mangelnden Führung handele.

Auch die Innenrevision solle den Vorgang untersuchen und insbesondere sicherstellen, „ dass wirtschaftliche Interessenkonflikte offengelegt wurden und keinen Einfluss auf die Studie genommen haben“. Auch rechtliche Schritte würden geprüft, heißt es intern.

Dass es um Geld gehen könnte, liegt nahe. Immerhin hat der US-Pharmakonzern Pfizer allein 2007 1,9 Milliarden Euro Umsatz gemacht mit den kleinen blauen Rauten. „Da müssen finanzielle Interessen dahinter stehen, anders kann ich mir nicht erklären, was da passiert ist“, sagt auch Christian Steffen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn.

Tatsächlich gibt es eine Reihe personeller Verbindungen. Als Geschäftsführer der Firma Caplab, die die pflanzliche Potenzpille schon nächstes Jahr auf den Markt bringen will, firmieren abwechselnd Reinhard Latza und Elvira Kunz. Beide sind mit dem Institut für Transfusionsmedizin bestens vertraut, denn sie arbeiten dort. Latza hat sich im Jahr 2006 an diesem Institut habilitiert. Auf der Internetseite wird er als externer Dozent geführt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Institutsleiter Kiesewetter in den Medien ist. 1999 präsentierte er eine Studie, die zeigen sollte, dass Knoblauchpräparate gegen Gefäßverkalkung helfen. Die Studie wurde von Wissenschaftlern kritisiert, aber die „Unterstellung vorsätzlicher Datenmanipulation“ wies die Charité nach einer Kontrolle als „abwegig“ zurück. Die Studie zeigte allerdings Fehler in der statistischen Analyse auf, die korrigiert werden mussten. Danach war ein positiver Effekt nur noch bei Frauen nachweisbar. Keine gute Nachricht für die Firma Lichtwer, die die Versuche finanziert hatte und mit Präparaten wie Kwai-Knoblauchpillen ihr Geld verdiente.

Auch ein Mittel gegen Viren testete Kiesewetter. In einer Studie mit 80 Probanden konnte er zeigen, dass ein Pflanzenextrakt bei Infekten im Hals-, Nasen- und Rachenraum helfen kann. Die Firma Naturprodukte Dr. Pandalis vertreibt das Medizinprodukt inzwischen. Bis vor kurzem war Kiesewetter für die Firma als wissenschaftlicher Berater tätig.

„Das Institut für Transfusionsmedizin gibt etwa alle zwei bis drei Jahre eine derartige Meldung heraus. Da frage ich mich doch, was das mit Transfusionsmedizin zu tun hat“, sagt Steffen. Auch der Pharmakologe Sörgel wundert sich, dass ausgerechnet ein Institut für Transfusionsmedizin mit solchen Meldungen vorprescht. „Wenn ich plötzlich Transfusionsmedizin machen würde, würden Sie mich auch zu Recht fragen, wo denn meine Kompetenz ist.“

Was jetzt passieren muss, ist für Sörgel klar: Der Fall müsse detailliert aufgearbeitet werden, fordert er, und die Verknüpfungen, die mit Firmen existieren, offengelegt werden. „Die Charité hat schließlich einen Ruf zu verlieren.“

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