Wissen : Atempause für Grippeforscher

Wissenschaftler setzen Experimente mit einem im Labor erschaffenen Vogelgrippe-Virus für 60 Tage aus.

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Ein Vogelgrippe-Virus, das per Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragbar ist, gehört zu den Albträumen von Grippeforschern. In der Natur kam so etwas bislang nicht vor. Umso erstaunter waren Ron Fouchier und seine Kollegen vom Erasmus Medical Center der Universität Rotterdam, als sie nur wenige Mutationen brauchten, damit H5N1 leicht von Frettchen zu Frettchen springen kann. „Das sind schlechte Nachrichten“, sagte Fouchier während seiner Präsentation auf einer internationalen Grippe-Konferenz auf Malta im letzten September. Die Forscher im Raum sahen das ähnlich. Frettchen gelten als das beste Tiermodell für die menschliche Influenza. Und etwa 60 Prozent der infizierten Frettchen waren gestorben.

Die hitzige Kontroverse um das „Super-Virus“ entspann sich jedoch erst, als die Medien das Thema aufgriffen. „Potenzielle Biowaffe“ hieß nun das Schlagwort und rief das US-Beratergremium NSABB (National Advisory Board for Biosecurity) auf den Plan. Einstimmig empfahl es, dass die Gruppen um Ron Fouchier und um Yoshihiro Kawaoka von der Universität von Wisconsin in Madison ihre Ergebnisse nicht im Detail veröffentlichen sollten. Die Manuskripte lagen da bereits bei den Fachjournalen „Science“ und „Nature“.

Die Diskussion schaukelte sich weiter hoch. Um sie zu versachlichen, haben sich 39 führende Grippeforscher nun, wie bereits kurz gemeldet, einem 60-Tage-Moratorium unterworfen, eine Pause für die Forschung, wie es sie in der Virologie noch nie gab. „Wir erkennen an, dass wir die Vorteile dieser wichtigen Forschung und die Sicherheitsvorkehrungen genauer erklären müssen“, schrieben sie in einem Statement, das „Science“ und „Nature“ zeitgleich am Freitag veröffentlichten. Gleichzeitig regten sie ein internationales Treffen an, das laut Webseite „ScienceInsider“ Ende Februar von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf ausgerichtet wird.

Zu den Unterzeichnern des Moratoriums gehören Hans-Dieter Klenk, Virusforscher an der Uni Marburg, und Thomas Mettenleiter, Chef des Friedrich-Loeffler-Instituts, das in Deutschland Tierseuchen überwacht. Den amerikanischen Kollegen sei von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA, einem wichtigen Geldgeber, bedeutet worden, dass sie ohne Moratorium mit Konsequenzen rechnen müssen, sagt Klenk. „Da war ich solidarisch.“

„Es ist gut, dass der Druck aus der Diskussion genommen wird und man nach Lösungen sucht“, sagt Mettenleiter. „Hier geht es nicht um einen Einzelfall, die Art und Weise der Veröffentlichung betrifft alle Studienergebnisse, die den Menschen sowohl nutzen als auch schaden können.“ Er würde gern vom NSABB wissen, warum das Gremium gerade jetzt so restriktiv votierte und wie es zu diesem Ergebnis gekommen ist. „Wir brauchen eine einheitliche Linie, die für alle nachvollziehbar ist.“

Einzelne, sehr sensible Informationen könne man möglicherweise weglassen. „Doch grundsätzlich ist eine Veröffentlichung nur sinnvoll, wenn sie vollständig ist und nicht kastriert wird", sagt Mettenleiter. Sonst seien die Ergebnisse weder reproduzierbar noch für eine Risikoanalyse zu gebrauchen. Welche Mutationen führten dazu, dass das Virus per Tröpfcheninfektion übertragbar wird? Waren es bei beiden Gruppen die gleichen Änderungen im Erbgut?

„Die Veröffentlichung ist dringend geboten“, sagt Klenk. „Das Ziel der Studie ist es nicht, eine potenzielle Biowaffe herzustellen. Vielmehr brauchen wir jeden Puzzlestein, um eine mögliche Pandemie zu bekämpfen oder zu verhüten. Wenn wir künftig diese Änderungen bei einem Vogelgrippe-Stamm in der Natur sehen, würden weltweit die Alarmglocken läuten.“ Gleichzeitig sei es für die Entwicklung von Impfstoffen wichtig, auch so eine Vogelgrippe-Variante abzudecken.

„Statt über etwas zu diskutieren, was bisher keiner im Detail gesehen hat, sollte man die Daten offenlegen, so dass wir sie im Kontext vergleichen können. Beide Gruppen verfolgen einen anderen Ansatz und auch die Gefährlichkeit des entstandenen Virus war jeweils eine andere", sagt Klenk. Würden nur die Schlussfolgerungen veröffentlicht, wären Spekulationen Tür und Tor geöffnet und die Forschung an dem Virus würde dämonisiert. Die Daten unter Verschluss zu halten, sei ohnehin kaum praktikabel.

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