Atheismus : Eine Ethik für nackte Affen

Der Philosoph Michael Schmidt-Salomon und die neuen Atheisten.

Kai Kupferschmidt

Man merkt Michael Schmidt-Salomon an, dass er es ernst meint: Seine Stimme ist laut und bestimmt, seine Augen funkeln angriffslustig und seine Sätze hämmert er Wort für Wort in die Luft, als wären sie für Steintafeln gedacht und nicht für die Ohren seiner Zuhörer.

„Diese Arroganz!“, sagt er, „Diese Arroganz eines nackten Affen auf einem kleinen Planeten am Rande einer Galaxie in einem riesigen Universum. Zu glauben, das wäre alles für uns geschaffen!“ „Diese Arroganz“, sagt er noch einmal und das Kopfschütteln dazu, das nimmt man ihm sofort ab.

Schmidt-Salomon ist der Vorstandssprecher der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung und bisher war Religionskritik auch das Anliegen, mit dem er am meisten aufgefallen ist. „Neuer Atheismus“ heißt das Schlagwort und es war eine Zeit lang in aller Munde, schmückte Titelblätter großer Magazine und Zeitungen, beschäftigte Talkshows. Das „Neue“ am neuen Atheismus war die Entschiedenheit, mit der er religiösen Einstellungen entgegen trat, der Verzicht auf Respekt gegenüber religiösen Überzeugungen. „Der Mensch muss als Mensch immer respektiert werden“, findet Schmidt-Salomon, viele menschliche Überzeugungen aber hätten keinen Respekt verdient: „Religion darf Unsinn sein, man darf sie aber auch Unsinn nennen.“ Mit dieser Einstellung war Ärger programmiert.

Ende 2007 kam es zum kalkulierten Eklat, als Schmidt-Salomons religionskritisches Kinderbuch „Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ veröffentlicht wurde. Das Buch ging zigtausendfach über die Ladentheke und wurde endgültig zum Medienereignis, als das Bundesfamilienministerium beantragte, das Buch auf die Liste der jugendgefährdenden Medien zu setzen. Der Antrag wurde abgelehnt.

Trotzdem erklärt Schmidt-Salomon den „Neuen Atheismus“ für „so gut wie tot“. Auf einer gemeinsamen Tagung der Giordano-Bruno-Stiftung und der Humanistischen Akademie Berlin in Berlin erläuterte er den Abgesang: Der „neue Atheismus“ sei lediglich der „Vorbote eines grundlegenden Veränderungsprozesses, die religionskritische Spitze eines weltanschaulichen Eisberges“ gewesen. Es gehe ihm und seinen Mitstreitern um viel mehr: um eine neue Ethik, einen „neuen Humanismus“.

Darunter versteht Schmidt-Salomon so etwas wie eine säkulare Alternative zur Religion, eine Weltanschauung ohne Propheten und Priester, ein Wertesystem auf naturwissenschaftlicher Basis. Das ganze soll mehr als graue Theorie sein. „Wenn der neue Humanismus eine echte Alternative zur Religion sein soll, so darf er nicht bloß Theorie bleiben, er muss praktisch werden.“, sagte der promovierte Pädagoge und redete von Kindertagesstätten und einer neuen humanistischen Bildung. Auch in der Wirtschaft und im Strafvollzug sieht er Möglichkeiten, den neuen Humanismus anzuwenden. Vorerst bleiben das aber vage Vorstellungen.

Rund ein Drittel der Deutschen seien konfessionslos, sagte Schmidt-Salomon, und es sei an der Zeit, dass sie gesellschaftliche Verantwortung übernähmen: „Wir müssen uns unsere ethischen Werte selbst geben, im Gespräch miteinander, das ist nicht von oben herab zu diktieren.“ Dabei schreckte er auch nicht davor zurück, kontroversen Ergebnissen aus der Hirnforschung zu folgen und die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass der Mensch keinen freien Willen hat. Schmidt-Salomon sieht darin nicht die Gefahr einer Gesellschaft, in der niemand mehr verantwortlich ist. Im Gegenteil: „Ein Verbrechen bleibt ein Verbrechen, ob jemand es aus freien Stücken begangen hat oder nicht. Aber es kann doch auch befreiend sein für uns, zu wissen, dass der andere nicht aus Bosheit so gehandelt hat“, sagte er und führte Erkenntnisse aus der Traumaforschung an. Dort habe sich gezeigt, dass Leute, die verstehen können, warum ein Täter seine Tat begangen habe, besser mit den Folgen eines Verbrechens umgehen könnten.

Schmidt-Salomon sieht die Chance zu einer „innerlich toleranteren Einstellung“. Sein neues Buch, das er zur Zeit schreibt, trägt den Arbeitstitel: „Abschied von Gut und Böse. Von der neuen Leichtigkeit des Seins.“

Ob diese Vorstellungen in unserer pluralistischen Gesellschaft aber ein Gehör finden werden, das wird auch davon abhängen, ob sich die „säkulare Szene“ (Schmidt-Salomon) vereint. Zur Zeit ist sie in zahllose Verbände und Stiftungen zersplittert. Die nächsten Monate werden zeigen, ob sie sich zu einer einzigen lauten Stimme zusammenschließen können.

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