Attacken auf die Geschlechterforschung : Das dubiose Gender

Was Geschlecht bedeutet, unterliegt dem Wandel. Für manche ist diese triviale Einsicht eine Provokation. Zwei Geschlechterforscherinnen zu den Anwürfen

von und Paula Villa
Junge mit Sheriff-Hut und Colt, Mädchen mit Schneebesen
Natur? Kultur? Der Körper interagiert mit der Umwelt. Und er wird kulturell so stark mit Bedeutung aufgeladen, dass er nicht nur...Foto: Caro / Kaiser

Neu ist das alles nicht. Seit es Kritik an der Idee von der Natürlichkeit der Geschlechterordnung gibt, wird diese Kritik auch diffamiert. Schon 1902 griff die Berlinerin Hedwig Dohm, Schriftstellerin, Intellektuelle, Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht und eine der wenigen, die sich auch im Ersten Weltkrieg gegen Krieg als Mittel der Politik positionierten, in ihrer Schrift „Die Antifeministen“ die antifeministischen Polemiken der Meinungsmacher ihrer Zeit auf spöttisch-humorvolle Weise auf. Deren Furcht vor dem weiblichen Geschlecht entlarvte sie als dümmliche Verteidigung von Machtansprüchen.

Waren schon damals nicht wenige der Meinung, Feministinnen und Feministen trieben es zu weit mit ihrer Infragestellung der natürlichen Ordnung der Dinge, so gewinnen solche Stimmen jetzt wieder an Gewicht. Fast scheint es, als sei die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert allgegenwärtige Angst vor der „Feminisierung der Kultur“ (Hannelore Bublitz) zurückgekehrt.

Seit Monaten drucken Feuilletons der bürgerlichen Presse offen misogyne, sexistische und auch homophobe Positionen. Besonders aber werden die Gender Studies diskreditiert: als „Exzess“, als „Ideologie“ oder als „Anti- bzw. Pseudowissenschaften“, die (natur-)wissenschaftliche Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen und uns (?) allen ihre krude, realitätsfremde Ideologie aufzwingen wollen.

Auch in den Weiten der sozialen Medien manifestiert sich auf oft wenig zivilisierte Weise die Empörung über die angebliche Gehirnwäsche durch Gender, die vermeintliche Verschwendung aberwitziger Summen öffentlicher (Steuer-)Gelder für Gender Studies und über den Untergang von Bildung, Kultur und Abendland durch Gender. Unverhohlen wird geschmäht, diffamiert und sogar mit Gewalt gedroht. Die Angriffe zielen darauf, Wissenschaftler/innen zu beschädigen und das interdisziplinäre Feld der Geschlechterforschung als ‚unwissenschaftlich‘ zu denunzieren.

Berlins Hochschulrektoren haben sich den Attacken positioniert

Einiges steht auf dem Spiel. Es geht um die Wissenschaft selbst, die nur dann frei sein kann, wenn sie in einer offenen, demokratischen und polyperspektivischen Gesellschaft als Praktik unbedingten Fragens und Verhandelns der Wirklichkeit begriffen wird. Soeben haben sich die Berliner Hochschulrektoren zu den Angriffen positioniert, denen sich auch Berliner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausgesetzt sehen. Schon vorher hatte die Leitung der Humboldt-Universität öffentlich Stellung bezogen. „Die Berliner Universitäten und Hochschulen sind Orte des freien wissenschaftlichen Austauschs“, erklären die Hochschulrektoren. „Persönliche Diffamierungen und Gewaltandrohungen ebenso wie die Diskreditierung von wissenschaftlichen Arbeitsgebieten, wie sie jüngst in den sozialen Medien und vereinzelt auch im Printbereich die Gender Studies betrafen, sind inakzeptabel.“ Hingegen sei der „fair und sachlich ausgetragene wissenschaftliche Meinungsstreit das Lebenselixier einer intakten Hochschule“.

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