Die Diskreditierung der Gender Studies zeugt von Statusängsten

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Attacken auf die Geschlechterforschung : Das dubiose Gender
von und Paula Villa

Bleibt zu fragen, warum es dagegen derzeit erneut eine medial geschürte Abwehr gibt. Es ist erst rund hundert Jahre her, dass deutsche Wissenschaftler wie der Physiker und Nobelpreisträger Max Planck oder der Maschinenbauingenieur und Rektor der TH Charlottenburg, Franz Reuleaux, sich mit dem Rekurs auf die Natur gegen das Recht von Frauen, zu studieren, stellten. Sie fürchteten einen irreversiblen Eingriff in die Naturgesetze, sollten Frauen als Gleiche in die Akademie einziehen. Wenige Jahrzehnte zuvor, 1873, hatte der Mediziner und Harvard-Professor Edward Clarke argumentiert, intellektuelle Arbeit ziehe wichtige Energie aus den Eierstöcken ins Gehirn und sei deshalb nicht bekömmlich für das weibliche Geschlecht.

Es sei dahingestellt, inwieweit die Wissenschaftler dies tatsächlich für eine wissenschaftlich fundierte Aussage hielten oder ob sie sich nur taktisch des wirkmächtigen Diskurses einer naturalisierten Geschlechterdifferenz bedienten, um sowohl eine prestigereiche Position zu verteidigen als auch die vor allem in der deutschen Professorenschaft damals weit verbreitete Statusangst, die sich als Angst vor der Feminisierung ihres Berufes äußerte, zu bekämpfen.

To allow women to be like men would be to risk men becoming like women– „Erlaubt man Frauen, wie Männer zu sein, riskiert man, dass Männer wie Frauen werden“, hat die US-amerikanische Historikerin Joan Scott für einen anderen Kontext bilanziert. Spricht aus der Diskreditierung der Gender Studies also tatsächlich nichts als die Angst vor Uneindeutigkeit? Die Kultur, das „Volk“, die Familie, das Abendland, die Wissenschaft, ja selbst die Natur sind bislang allerdings nicht untergegangen an der wachsenden Einsicht darin, dass Gender wesentlich mehr und anderes ist als Eierstöcke oder Hoden. Daran wird sich auch zukünftig wenig ändern, selbst wenn die Gender Studies derart wichtig und einflussreich werden würden, wie ihnen unterstellt wird.

Sabine Hark ist Soziologin und leitet das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) der TU Berlin. Paula Villa ist Professorin für Soziologie und Gender Studies an der LMU München.