Ausgrenzung und Verfolgung der Roma in Europa : Geschichten vom „Randvolk“

Von jeher ausgegrenzt: Warum die Roma nicht als Teil der vielgestaltigen europäischen Kultur akzeptiert werden. Ein Gastbeitrag.

Klaus-Michael Bogdal
Ein junger Mann steht in der Tür einer selbstgezimmerten Hütte.
Auf der Suche nach einem besseren Leben. Auf einem Abbruchgelände in Frankfurt am Main wohnen Menschen aus Rumänien in...Foto: Boris Roessler/dpa

Die Großen der europäischen Geistesgeschichte von Max Weber bis Norbert Elias haben Europa als Geburtsstätte der Moderne beschrieben, als energetisches Zentrum zivilisatorischen Fortschritts. Ihr Blick war auf die „großen“ Erscheinungen gerichtet: Industrialisierung und wirtschaftliche Produktivität, Staaten- und Nationenbildung, Religion, Wissenschaft und Kunst. Und diese Erscheinungen bildeten die Richtmarken für die Verortung der Zentren und der Peripherien.

Es gibt aber dennoch das „andere Europa“, das hinter dem Horizont verschwindet: das Europa der weißen Flecke, des Marginalen und Peripheren, der zentrifugalen Bewegungen und des Ausschlusses. Die Beschäftigung mit diesem Europa orientiert sich an der Hoffnung, dass sich wesentliche Einsichten in Entwicklungen langer Dauer in Europa auch von dieser Seite her – durch den Blick auf Unterdrückung, Ungleichheit, Konkurrenz, Ignoranz, Lüge, Verstellung und Hass – gewinnen lassen. Für diese Leerstellen der europäischen Geschichte stehen in exzeptioneller Weise die Schicksale der Roma vom Mittelalter bis heute.

Sie kommen in kleinen friedlichen Gruppen - und gelten als Bedrohung

Die unterschiedlichen Romvölker, die um 1400 nach Europa einwanderten und sich überall niederließen, stellten niemals nationale oder territoriale Ansprüche. Dennoch werden die kleinen friedlichen Gruppen, von deren Auftauchen die Stadtchroniken des 15. Jahrhunderts berichten, von Anfang an und ausnahmslos als Bedrohung wahrgenommen. Ihre Nähe wird meist nicht geduldet, ein Zusammenleben mit ihnen erscheint undenkbar. Abwehr, Ausgrenzung und Verfolgung herrschen vor. Es hilft ihnen wenig, dass sie sich als Verfolgte und bußfertige Pilger ausgeben, um ein Gastrecht zu erlangen.

Dass sich das frühneuzeitliche Europa fremden Einwanderern gegenüber stets abweisend verhält, trifft nicht zu, wie man am Umgang mit den im gleichen Zeitraum von Frankreich aus nach Osten strömenden hugenottischen Religionsflüchtlingen beobachten kann. Diese sehr unterschiedliche Umgangsweise hat nicht nur mit dem sozialen Stand und dem wirtschaftlichen Vermögen der Migranten zu tun, denn die ersten Romagruppen treten in „Adelsformation“ auf, angeführt von einem berittenen Herzog oder Grafen, und beherrschen vermutlich die Sprache des jeweiligen Landes.

Negative Mythen über die Herkunft der Roma

In der „Schweytzer Chronick“ Johannes Stumpfs (1500–1566) aus dem Jahr 1538 heißt es etwa: „Sie gaben für / wie sie auß Egypten verstossen weren / und müßten also im ellend 7. jar büß würcken. Sie hielten Christliche ordnung / trügen vil gold und silber / doch darneben arme kleider. Sie wurden von den ihren auß ihrem vatterland herüber mit Gelt verlegt und besoldet / hatten keinen mangel an zeerung / bezalten ihr essen un trincken .“

Wer in Europa an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit als Volk Anerkennung finden will, muss in der Lage sein, über seine Abstammung Auskunft geben zu können. Die Roma haben, als sie vermutlich fünfhundert Jahre nach ihrem im Dunkel der Geschichte liegenden Aufbruch aus dem heutigen Nordindien nach Europa gelangen, keine Erinnerungen mehr an ihre Herkunft. Wo es keine Spuren gibt, müssen die biblischen, auf die Söhne und Enkel Noahs zurückführenden Genealogien ihr Geheimnis lüften helfen. Hält man ihre in den (unsicheren) Quellen auftauchende Behauptung, aus Ägypten zu stammen, für zutreffend, dann hat man einen Faden in der Hand, der zu Noahs Sohn Cham führt, den Stammvater der schwarzen Völker.

Dass sie die christliche Religion annehmen, genügt nicht

Zu den Nachfahren Chams zählen nicht nur die Afrikaner, sondern ebenso die sogenannten Erdrandsiedler, von denen Reisende wie Marco Polo und Mandeville berichtet hatten, monströse Gestalten wie Hundsköpfler, Kopflose, Riesenfüßler und Sechsarmige, denen sich die Teratologie wissenschaftlich widmete.

Für „Schwarze“ werden sie noch bis zur Aufklärung gehalten, bis die vergleichende Sprachgeschichte durch die Untersuchung der ihnen eigenen Sprache, des Romanes, ihre indische Herkunft nachzuweisen vermag. Als „schwarzes“ Volk aber sind sie nicht willkommen. Stattdessen geht man davon aus, dass sie auf ihr Ursprungsterritorium, das man sich als solches ausgedacht hat, zurückkehren werden und müssen.

Die „Schwärze“ ist in dieser Übergangsepoche auch in Religionsdingen kein günstiges Zeichen. Es ist die Farbe des Teufels, als dessen Anbeter sie verdächtigt werden. Dass die Roma die christliche Religion annehmen, genügt nicht. Im Gegenteil wird behauptet, dass sie innerhalb ihres Volkes kein institutionalisiertes Christentum praktizieren würden.

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