Außerirdisches Leben : Würmer aus dem All

Es hört sich nach einer Sensation an: Ein Biologe behauptet, Abdrücke von Mikroben in Meteoriten gefunden zu haben. Andere Fachleute bezweifeln das.

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Klein, aber oho? Bei diesem wurmähnlichen Gebilde könnte es sich um ein Lebewesen aus dem All handeln.
Klein, aber oho? Bei diesem wurmähnlichen Gebilde könnte es sich um ein Lebewesen aus dem All handeln.

Der amerikanische Astrobiologe Richard Hoover hat auf mehreren Meteoriten wurmförmige Strukturen entdeckt, die gerade ein paar Tausendstel Millimeter messen. Er glaubt, dass es sich dabei um die mineralisierten Hüllen von Mikroben handelt, die mit den kosmischen Geschossen auf die Erde kamen. „Das zeigt, dass Leben im Universum viel weiter verbreitet ist und nicht allein auf unseren Planeten beschränkt ist“, sagte er der Onlineausgabe der „Fox News“, die seine Geschichte sofort aufgriffen.

Veröffentlicht hat Hoover, der am Marshall Space Flight Center der Nasa in Huntsville (Alabama) forscht, seine Entdeckung in einem Beitrag für das „Journal of Cosmology“. Auf der Internetseite kann jeder die Fotos und Analysen ansehen, ebenso die Kommentare von Experten, die seit gestern online gestellt werden.

Doch Vorsicht ist angebracht. Nicht zum ersten Mal werden Fossilienfunde auf Meteoriten gemeldet, solche Sensationen gibt es seit Jahrzehnten. Der bekannteste „Durchbruch“ der letzten Jahre ist der Meteorit ALH 84001, ein Trümmer vom Mars. Mit großem Tamtam verkündeten 1996 die Nasa und das Fachblatt „Science“, dass der fremde Brocken Spuren fossiler Bakterien enthalte. Was auf den Bildern des Elektronenmikroskops wie eine längliche Nanomikrobe aussah, hielt wissenschaftlichen Prüfungen aber nicht stand.

Richard Hoover schaute sich eine besondere Gruppe von Meteoriten an: kohlige Chondrite der Klasse CI. Sie enthalten neben Kohlenstoff auch Wasser sowie organische Verbindungen. Von den mehr als 35 000 auf der Erde gefundenen Meteoriten zählen gerade neun zu dieser Klasse. Unter extrem sauberen Bedingungen schnitt sie Hoover auf und analysierte die frischen Flächen mit dem Elektronemikroskop. Dabei entdeckte er beispielsweise im „Ivuna-Meteorit“ aus Tansania längliche Strukturen, die heute auf der Erde lebenden Bakterien der Art Titanospirillum velox ähneln, schreibt der Wissenschaftler (siehe Fotos). Auch die chemische Analyse brachte überraschende Ergebnisse: Ihre Zusammensetzung unterscheidet sich von sämtlichen bekannten Mineralarten, berichtet Hoover. Eine Verunreinigung im Labor, die schon so manche vermeintliche wissenschaftliche Revolution in sich zusammenfallen ließ, schließt er jedenfalls aus.

Eine Sensation? Andere Forscher sind skeptisch. Hoover berichtete bereits mehrfach von verdächtigen Strukturen in Meteoriten und auch seine Forschungsobjekte, die CI-Chondriten, sind nicht zum ersten Mal vermeintliche Botschafter des Lebens. Bereits 1961 beschrieben Forscher angebliche Mikrobenabdrücke im „Orgueil“-Meteoriten – was als widerlegt gilt. Darauf weist Cody Youngbull von der Universität Arizona hin. In seinem kritischen Kommentar, der unter Hoovers Arbeit steht, macht er deutlich, dass es sehr wohl anorganische Prozesse geben könnte, die die scheinbar biologischen Strukturen bilden können. Immerhin seien die Meteoriten wohl an die vier Milliarden Jahre alt, mithin genug Zeit, um Atome und Moleküle in eine entsprechende Anordnung zu bringen.

Verwandt? Die wurmähnliche Struktur, gefunden in einem Meteoriten (Bild oben) sehe dem auf der Erde lebenden Bakterium Titanospirillum velox verdammt ähnlich, findet Richard Hoover. Er glaubt daher, dass es an vielen Orten im Universum Leben gibt. Foto: Dupont Meteorite Collection, Planetary Studies Foundation; Riccardo Guerrero
Verwandt? Die wurmähnliche Struktur, gefunden in einem Meteoriten (Bild oben) sehe dem auf der Erde lebenden Bakterium...

Youngbull wirft auch die Frage auf, warum Hoovers Arbeit, wenn sie denn tatsächlich den wissenschaftlichen Standards genügt, nicht bei einem namhaften Fachblatt veröffentlicht wird. Haben sie Angst, ein zweites Mal hereinzufallen?, fragt er in Anspielung auf ALH 84001.

Das war auch einer der ersten Gedanken von Tilman Spohn vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin-Adlershof. „Das Journal of Cosmology ist mir erst vor einem halben Jahr aufgefallen und um es vorsichtig auszudrücken: Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll“, sagt der Leiter der Helmholtz-Forschungsallianz „Planetenentwicklung und Leben“. Die Webseite ist voll mit bunten Fotos von kosmischen Objekten, dazu Artikel über „Hawking’s Aliens“, „Künstliches Leben“ und „Warum wir zum Mars reisen müssen“.

Spohn bemerkt auch, dass die Nasa auffällig ruhig ist. Noch vor wenigen Wochen mischte die US-Raumfahrtbehörde kräftig mit, als es um Bakterien ging, die angeblich mithilfe des giftigen Arsens überleben. Eine These, die von Fachleuten scharf kritisiert wurde. „Und das waren Bakterien von der Erde, umso größer wäre doch die Sensation, wenn fossile Mikroben aus dem All entdeckt werden“, sagt der DLR-Forscher. Doch die Pressestelle der Nasa schweigt.

Was die Wissenschaft betrifft, hält sich Spohn zurück. Man müsse prüfen, ob es tatsächlich keine Kontamination gegeben habe. Und auch er verweist darauf, dass die anorganische Chemie in der Lage ist, geordnete Strukturen herzustellen.

Paul Zachary Myers, Biologe an der Universität Minnesota, ist in seinem Urteil gnadenlos. Die Studie sei „Müll“, die Qualität der Fotos ärgerlich und die angeblichen fossilen Bakterien in Wirklichkeit „zufällig entstandene mineralische Beulen und Schnörkel“, schreibt er in seinem Blog „Pharyngula“. Auch das „Journal of Cosmology“ kommt kaum besser weg. „Dahinter verbergen sich ein paar Leute, die besessen sind von der Idee, dass das Leben draußen im All entstanden und einfach auf die Erde herabgefallen ist.“

Immerhin ist diese Idee mal wieder in aller Munde.

Die Studie im Internet: http://journalofcosmology.com/Life100.html

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