Bauboom in Mekka und Medina : Fromme Abrissbirnen

In Saudi-Arabien werden wichtige Stätten des Islam zerstört, darunter das Grab Mohammeds in Medina. Die Altstädte Mekkas und Medinas sind neuen Shoppingmalls und Hotelbauten gewichen. Die Begründung der Saudis: Man müsse Platz schaffen für die Pilgermassen.

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Ausufernder Bauboom. Für den überdimensionierten Uhrenturm direkt hinter der Kaaba in Mekka musste 2002 eine osmanische Festung weichen.
Ausufernder Bauboom. Für den überdimensionierten Uhrenturm direkt hinter der Kaaba in Mekka musste 2002 eine osmanische Festung...Foto: AFP

Rund 3,5 Millionen Gläubige besuchten Ende Oktober während des Hadsch, der offiziellen, großen Pilgerfahrt, Mekka und Medina. Nun da sie heimgekehrt sind, werden die Bauarbeiten an den heiligen Stätten der Muslime wieder aufgenommen. Dass dies nicht unbedingt Gutes verheißt, lässt sich an den in den letzten zehn Jahren verwirklichten Veränderungen erkennen.

In Mekka umstellen heute glitzernde Hochhäuser, Luxushotels und Einkaufszentren die Große Moschee, das wichtigste Gotteshaus der Muslime. Historische Gebäude mussten weichen. Das protzigste der neuen Bauwerke, die rund 12 Milliarden Euro teuren Abraj Al Bait Towers der Saudi Binladin Group, beherrscht den Platz mit dem Royal Mecca Clock Tower, eine überdimensionierte Nachahmung des Londoner Big Ben. Um die Hochhausgruppe zu errichten, wurde 2002 eine osmanische Festung aus dem 18. Jahrhundert eingeebnet – mitsamt dem Hügel, auf dem sie stand.

Auch sonst machten die Bulldozer vor kaum etwas Halt. Das Institute for Gulf Affaires in Washington schätzt, dass während der letzten 20 Jahre bereits 95 Prozent der Altbauten in den beiden heiligen Städten abgerissen wurden. Das Königshaus begründet die Vorgangsweise mit dem unbestritten immensen Andrang von Gläubigen. Derzeit besuchen jährlich rund 12 Millionen Pilger Mekka und Medina, bis 2025 sollen es 17 Millionen pro Jahr werden. Teilweise stammten die mittlerweile zerstörten Gebäude aus dem Mittelalter oder waren noch älter. So musste in Mekka etwa das Geburtshaus des Propheten Mohammed einer Bibliothek Platz machen, das Wohnhaus seiner ersten Frau, Chadidscha, wich einem Block öffentlicher Toiletten.

In Medina steht nun die Erweiterung der Prophetenmoschee an, der zweitheiligsten Stätte des Islam. Im September legte König Abdullah den Grundstein für einen weiteren Neubau, der statt der bisher etwa 40 000 bis zu 1,6 Millionen Gläubigen Platz zum Gebet bieten soll. Dass bei diesem Vorhaben die Gräber Mohammeds und der ersten beiden Kalifen Abu Bakr und Umar sowie die seit dem 16. Jahrhundert die Grabstätten überspannende Grüne Kuppel verschwinden sollen, nimmt das Herrscherhaus offenbar in Kauf.

Das hat System. Bereits 2007 forderte Abdul Aziz al Sheikh – als Großmufti die höchste religiöse Autorität des Königreichs – die osmanische Kuppel müsse abgerissen, die Gräber von Prophet und Kalifen aufgehoben werden. Die Herangehensweise ist religiös inspiriert. Den strenggläubigen Wahabbiten, Vertretern der salafistischen Staatsreligion des absolutistisch regierten Königreichs, ist daran gelegen, dass alle islamischen Stätten, die zur Heiligenverehrung und damit in ihren Augen zum Götzendienst einladen könnten, von der Bildfläche verschwinden.

Im Werk der frommen Abrissbirnen treffen einander geistliche und handfeste weltliche Interessen. Die Übernachtungen in einem der neuen Luxushotels von Mekka sind nicht unter 400 Euro zu haben – ausgerechnet in jener Stadt, in der alle Muslime als Gleiche unter Gleichen gelten sollen. Die große Pilgerfahrt ist allerdings für die Kaufleute von Mekka und Medina schon seit Jahrhunderten auch ein Geschäft. Pilger brauchen Unterkunft, Verpflegung, sie brauchen Mittel und Wege zur An- und Abreise. Selbst die gegenwärtigen umfassenden Bauarbeiten sind keine saudische Erfindung. „Auch unter den Osmanen sind die Moscheen erweitert und umgebaut worden“, sagt Ulrike Freitag, Direktorin des Zentrums Moderner Orient in Berlin. Zudem sei in Saudi-Arabien ein ausgeprägter „Modernisierungswahn“ zu beobachten, sagt Freitag. „Eine Shoppingmall mit einer Halbwertszeit von 10 Jahren verspricht unmittelbareren Profit als einige alte Lehm- oder Steinbauten, die keiner bewohnen will und vor denen man nicht parken kann.“

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