Baugeschichte der TU : Moloch Alma Mater

Das vor 125 Jahren erbaute Hauptgebäude der TU war Keimzelle für einen stetig wachsenden Stadtteil. Eine Ausstellung zeichnet die Entwicklung des Campus nach.

Falk Jaeger
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Prachtbau. Das alte Hauptgebäude als Postkartenmotiv.Foto: Promo/TU Berlin

Als Wilhelm I. der 1876 gegründeten Königlich Technischen Hochschule das Grundstück westlich des Zoologischen Gartens schenkte, „das beste, das ich habe, aber gerade gut genug“, befand sich auf dem Areal eine Pferderennbahn. Südlich davon, zwischen Kurfürstenallee (heute Hertzallee) und Hardenbergstraße, von der nur die Südseite bebaut war, lag die Königliche Baumschule. Heute parken auf dem Gelände des Hippodroms die BVG-Busse und steht die Volkswagen-Bibliothek und am Ort der Baumschule werden heute die Künstler und Musiker der Universität der Künste geschult.

Schon zu Anfang war bei der TH vom „Hauptgebäude“ die Rede, denn zu den 1878 bis 1884 errichteten Gründungsbauten gehörte auch das östlich anschließende Chemische Laboratorium sowie die Königliche Mechanisch-Technische Versuchsanstalt, das Kesselhaus und das Maschinenhaus entlang der heutigen Fasanenstraße. Kurz darauf folgte das Ingenieur-Laboratorium. Während das Hauptgebäude die prächtigen Formen der italienischen Hochrenaissance zeigte, mit Säulenportikus und Reliefattika geschmückt und von allegorischen Skulpturen bevölkert, gab sich das Chemiegebäude im Schmuck bescheidener. Die Labors und Kessel- und Maschinenhäuser um die Ecke wurden nach Art der Schinkelschule sparsamer in ledergelbem Backstein mit roten Gesimsstreifen ausgeführt – und erscheinen uns heute fast reizvoller.

Das Hauptgebäude hat ohnehin im Krieg seine Opulenz gänzlich verloren. Der zerstörte Nordflügel entlang der Straße des 17. Juni wurde1961 bis 1965 durch eine elfgeschossige Hochhausscheibe mit Aluminiumbandfassade ersetzt, dem asymmetrisch das neue Audimax mit gefalteter Betondachkonstruktion vorgelagert wurde. Ob der Architekt Karl-Heinz Schwennicke mit seiner modernen Ergänzung der Raschdorffschen Neorenaissance den richtigen Ton traf, war damals so umstritten wie heute.

Der ehemals reich ornamentierte Innenhof mit dreigeschossigen Arkadenumgängen ist in vereinfachter Form wieder errichtet worden, ein würdiger Ort für die gegenwärtige Ausstellung, die die Architektur des Hauptgebäudes zum Thema hat, aber auch sein Schicksal, etwa als Kulisse für die Parade anlässlich Hitlers Geburtstag 1937.

1950 in Technische Universität umbenannt, hatte die TU wie alle Hochschulen enormen Entwicklungsbedarf. Ein kleiner Sprung gelang hinüber auf die Schleuseninsel, wo die Preußische Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau ihren Standort hatte. 1963 entstand dort der berühmte Laborbau mit Umlauftank für Strömungsversuche, den der Architekt Ludwig Leo aus Platzgründen senkrecht organisierte. Die in den 70er Jahren provokante Farbgebung in Pink, Bleu und Grasgrün ist längst verblasst.

Verdichtung war das Thema im angestammten Quartier. Willy Kreuers Bergbauinstitut von 1959 an der Ecke zum Ernst-Reuter-Platz war lange abrissgefährdet. Inzwischen wird das unter Denkmalschutz stehende Hochhaus saniert. An der Hardenbergstraße tritt das Physikgebäude der Architekten Lambart und Hundertmark mit seiner in den 80er Jahren typischen Architektur der abgekanteten Ecken unübersehbar ins Stadtbild, gefolgt von Werner Düttmanns Neuer Mensa (1967), die jüngst wieder in einen würdigen Zustand versetzt wurde.

Für eine weitere Expansion des Campus gab es jedoch nur eine Marschrichtung, nach Norden. Zwischen Straße des 17. Juni, Marchstraße und Landwehrkanal lag ursprünglich die 1836 gegründeten Thonwaarenfabrik Ernst March Söhne für Baukeramik und Majolika. Nach Aufgabe der Fabrik wurde das Gelände bebaut, zum Beispiel mit großbürgerlichen Stadtvillen in geschlossener Bauweise, von denen noch zwei erhaltene eigenartig schräg mitten im Campus stehen und dort recht verloren wirken. Die Villa des Bahnhofsbuchhändlers Stilke hatte einen größeren Garten mit Bocciabahn und Tennisplatz. Heute sind in den ziemlich heruntergekommenen Häusern die Studentenvertretung und eine Kindertagesstätte untergebracht.

Ansonsten hat sich der Campus im Lauf der Jahre offenkundig recht planlos nach Norden bis zum Landwehrkanal entwickelt. Einzige Konstante ist die Ausrichtung an der Flucht der Straße des 17. Juni. Lediglich Hans Scharoun wollte sich dem nicht unterordnen und setzte seinen Bibliotheks- und Hörsaalbau am Ernst-Reuter-Platz etwas windschief an die Straße. Das Architekturgebäude dahinter (1968, von Bernhard Hermkes) und das benachbarte Mathematik-Gebäude (1983, Barna von Sartory und Georg Kohlmaier) mit seiner rot-blauen Glasfassade und dem vorwitzig auskragenden, postmodern ornamentierten Hörsaal gehören noch zu den charaktervollsten Gebäuden am Ort.

Die rückwärtigen Institute aus den 60er und 70er Jahren, die sich um den zentralen Grünraum scharen, versinken architektonisch in Bedeutungslosigkeit. Das Hochhaus des Heinrich-Hertz-Instituts an der Marchstraße verdankt seine Wiedererkennbarkeit nur der Wetterradarkuppel auf dem Dach.

Was mit dem Hauptgebäude der TU vor 125 Jahren begann, hat sich zum schwer planbaren Moloch ausgewachsen, aber auch zum lebendigen Stadtteil, der zu Charlottenburgs Urbanität ein Gutteil beiträgt. Falk Jaeger

Die Ausstellung „125 Jahre Hauptgebäude“ ist bis 13. Dezember im Lichthof des Hauptgebäudes, Straße des 17. Juni 135, täglich von 10 bis 20 Uhr zu sehen. Eine zweite Ausstellung über 125 Jahre Universitätsbibliothek der TU wird in der Unibibliothek, Fasanenstraße 88, gezeigt (Mo.-Fr. 9 bis 22 Uhr, Sa. 10 bis 18 Uhr).

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