Bauten und Kunstwerke : Antike Großbaustellen

Schon damals lief nicht alles glatt. Warum sich Gesellschaften von der Jungsteinzeit bis heute immer wieder Monumentalbauten leisten, will eine Forschergruppe des Exzellenzclusters TOPOI herausfinden.

Großbauvorhaben der Antike: Das Ischtartor (o.), dessen Rekonstruktion im Berliner Pergamonmuseum zu sehen ist, war Teil des Umbaus von Babylon zur Metropole im 6. Jh. v. Chr. Unvollendet blieb der Tempel von Baalbeck (l.). Ein etwa 1000 Tonnen schwerer Steinblock blieb wegen seines Gewichts im Steinbruch liegen (u.). Fotos: Bernd Weingart, Klaus Rheidt/ BTU Cottbus (2)
Großbauvorhaben der Antike: Das Ischtartor (o.), dessen Rekonstruktion im Berliner Pergamonmuseum zu sehen ist, war Teil des...

Berlins neuer Flughafen, Stuttgart 21, die Elbphilharmonie: Wenn die bröckelnden Großbauprojekte der Gegenwart Schlagzeilen machen, dann werden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Forschergruppe „XXL - Monumentales Wissen“ des Exzellenzclusters TOPOI hellhörig. Denn sie erforschen Großbauten in der Antike. Der Vergleich mit den aktuellen Mammutprojekten in Deutschland liegt da immer wieder nahe. Ein Gespräch mit Professorin Eva Cancik-Kirschbaum, der Sprecherin der interdisziplinären Forschergruppe.

Frau Cancik-Kirschbaum, mit welchen Bauwerken beschäftigen Sie sich?

Mit antiken Bauwerken von außergewöhnlicher Dimension. Bereits in der Antike kursierten Listen über „Weltwunder“ – dabei handelt es sich im weitesten Sinne um Bauten und Kunstwerke, die sich durch schiere Monumentalität, technische Meisterleistungen, höchste Kunstfertigkeit und spezielle Materialien auszeichneten. Ihre Umsetzung sprengte also in jeder Hinsicht die gewohnten Dimensionen.

Ausgrabungen und Texte zeigen jedoch, dass es eine Vielzahl derartiger Projekte gab, die nie Eingang in den Weltwunderkanon gefunden haben. All diesen Projekten ist gemeinsam, dass - relativ zur gesamtgesellschaftlichen Situation - ein ungewöhnlich hoher Aufwand für ihre Realisierung erforderlich war: ein hohes Investment an Arbeitskraft und in Material sowie großes Wissen darüber, wie man ein solches Projekt umsetzt. Unsere Forschergruppe – Prähistoriker, Altorientalisten, Klassische Archäologen, Bauforscher und Kunsthistoriker – untersucht einige dieser überdimensionalen Bauvorhaben der Alten Welt: die riesigen Grabhügel der Skythen, eines Nomadenvolkes in der südrussischen Steppe, das Hügelgrab bei Seddin in der Prignitz, die Bauprogramme für den Palatin in Rom, den Umbau Babylons zu einer faszinierenden Metropole innerhalb von wenigen Jahrzehnten, um nur einige Beispiele zu nennen.

Das sind sehr unterschiedliche Bauwerke und Epochen...

Wir haben Fragen, die wir nur gemeinsam lösen können, unter anderem die Frage nach der Bedeutung von Größe in Relation zu den jeweiligen gesellschaftlichen Möglichkeiten: Was haben die Menschen in einer Gesellschaft als groß oder monumental empfunden? Das kann man nur bedingt in absoluten Zahlen ausdrücken: Das Hügelgrab von Seddin ist das größte seiner Art in dieser Region, auch wenn es im Vergleich zu den skythischen Grabhügeln, den Kurganen, eher klein ist. Wir möchten die Rolle solcher überdimensional großen Projekte in einem allgemeineren, kulturhistorischen Sinn bestimmen.

Kann man heutige Bauprojekte wie den Flughafen Berlin Brandenburg oder Stuttgart 21, die verkehrstechnische Zweckbauten sind, überhaupt mit solchen monumentalen Gräbern und Gebäuden vergleichen?

Ja, durchaus. Dieser Vergleich ist auch für unsere Arbeit produktiv. In der Regel waren die Bauwerke damals keineswegs reine Schmuck- oder Prestigeobjekte: Vielfach hatten sie zentrale Funktionen für die Gesellschaft, zum Beispiel als Kultzentrum, als Erinnerungsmal oder auch als Infrastrukturmaßnahme. Der Tempel von Baalbeck im heutigen Libanon liegt in einer Region, die für das damalige Römische Reich eher randständig war. Weshalb hat man hier den größten Tempelkomplex des Reiches errichtet? In einer strukturschwachen und bevölkerungsarmen Gegend war das Heiligtum ein neuer Anziehungspunkt und zugleich eine Demonstration römischer Bau- und Ingenieurskunst - eine Machtdemonstration.

Woher wissen wir heute, was sich auf den Großbaustellen der Antike zutrug?

Wir haben zum einen die Bauwerke selbst; an der Art der Verarbeitung lässt sich herausfinden, wie bestimmte Aufgaben gelöst wurden, woher das Material stammte und wie man es zur Baustelle transportiert hat. Hinzu kommen für viele Bereiche schriftliche Quellen, in denen beispielsweise Angaben zur Zahl der Arbeiter, zum Arbeitsumfang oder den verschiedenen Arbeitsschritten dokumentiert sind. Für den Umbau von Babylon unter Nebukadnezar beispielsweise gibt es zahlreiche Textquellen: Sie dokumentieren den Ärger, wenn etwas nicht geklappt hat. Einen Teil der Auseinandersetzungen zwischen Baustelle und Planung kann man so nachvollziehen.

Dauerte damals auch schon immer alles länger als gedacht?

Material und Arbeitskräfte mussten immer ausreichend zur Verfügung stehen, aber bei Kriegen und Missernten war das nicht der Fall. Der Tempel von Baalbeck ist nie ganz fertig geworden. Beim Umbau von Babylon hat das Grundwasser Schwierigkeiten bereitet - das konnte damals im Vorfeld gar nicht berechnet werden. Die Baumeister mussten die Straßen immer weiter anheben lassen und brauchten dafür Ziegel und Arbeitskräfte, die dann wiederum anderswo nicht mehr eingesetzt werden konnten. Und natürlich haben wir es immer wieder mit Planänderungen und neuen Wünschen durch den Bauherren zu tun - schon damals.

Gab es Rücktritte und Entlassungen? Sind buchstäblich oder im übertragenen Sinne Köpfe gerollt?

Ein Rücktritt mit Abfindung war damals nicht möglich – im Zweifelsfall wurde man als Bauleiter direkt ins Jenseits befördert. Im Übrigen: Könige traten nicht zurück.

Wurden damals Projekte auch schon teurer als gedacht?

Ja, aber da hat man eben im Zweifelsfall Mittel nachgeschossen – oder eben das ganze Projekt ad acta gelegt, deswegen haben wir allerhand „unfertige“ Monumentalbauten in der Antike.

Unvollendete Bauwerke, Pfusch am Bau, ungeahnte technische Probleme – offenbar hat man früher auch nicht erfolgreicher gebaut. Was kann man aus den Großbauprojekten der prähistorischen Zeit und der Antike lernen?

Diese Großbauprojekte sind offenbar sehr wichtig. Megalomanie, der Größenwahn eines Herrschers, gab nicht selten den Impuls für Bauten. Aber das allein kann nicht alles erklären – vor allem nicht Projekte, die über mehrere Jahrhunderte betrieben wurden. Diese Projekte sind Innovationsmotoren einer Gesellschaft und wichtig für deren Selbstbewusstsein. Großbauprojekte scheinen in gewisser Weise etwas sehr Menschliches zu sein - auch wenn man sie nicht zum Überleben braucht. Schon im Neolithikum, also in der Jungsteinzeit vor 10 000 Jahren, gab es Mega-Projekte. Zum Beispiel Göbekli Tepe, ein Bergheiligtum aus dieser Zeit im heutigen Anatolien, das vom Deutschen Archäologischen Institut ausgegraben wird. Dafür mussten sich mehrere Hunderte von Leuten zusammentun, die eigentlich noch überwiegend Jäger und Sammler waren. Stattdessen haben sie dann gigantische Steine bearbeitet und großartige Kunstwerke geschaffen.

Das Interview führte Nina Diezemann.

Eva Cancik-Kirschbaum ist Vorstandsmitglied des Berliner Antike-Kollegs und des Exzellenzclusters TOPOI, einem Forschungsverbund der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, dem Deutschen Archäologischen Institut, dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Im Cluster arbeiten institutionenübereifend Wissenschaftler aus mehr als 30 Disziplinen zusammen.

Im Internet

www.topoi.org

Eva Cancik-Kirschbaum ist Professorin für altorientalische

Philologie und Geschichte an der Freien Universität Berlin.

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