Besuch in der umstrittenen Vorlesung : Herfried Münkler im Ring mit Anonymus

Der Blog "Münkler-Watch" wirft Herfried Münkler rassistische, militaristische und sexistische Äußerungen in seiner Vorlesung vor. Doch wie ist die Vorlesung wirklich? Ein Ortstermin an der Humboldt-Universität.

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Der Politologe Herfried Münkler.
Der Politologe Herfried Münkler.Foto: dpa

Dienstag kurz vor zehn im Kinosaal der Humboldt-Universität. Gleich soll hier der Politologe Herfried Münkler einen weiteren Teil seiner Vorlesung über „Politische Theorien und Ideengeschichte“ halten – jener Professor also, dem seit Wochen anonym im Internet von einer „Münkler-Watch“ rassistische, militaristische und sexistische Äußerungen vorgeworfen werden. Seit Münkler seinen unsichtbaren Widersacher einen „erbärmlichen Feigling“ nannte, hat die Sache mediale Aufmerksamkeit erlangt. So hängt am Dienstag vor Vorlesungsbeginn Spannung in der Luft: Wird Münkler etwas sagen, das ihn als Rassisten, Militaristen und Sexisten entlarvt? Oder wird der „erbärmliche Feigling“ von „Münkler-Watch“ vielleicht doch noch mit offenem Visier vor Münkler treten?

"Münkler-Watch" hat Spuren im Hörsaal hinterlassen

Jedenfalls hat „Münkler-Watch“ neue Spuren hinterlassen. Auf den Klapptischen im Hörsaal kleben Aufkleber mit der Aufschrift: „Bei Chauvinismus und Militarismus wegsehen?“ Und weiter: „Aufkleber kann man nicht wegsammeln“. Denn zuletzt ärgerte sich „Münkler-Watch“ darüber, dass die vor einer Woche im Hörsaal ausgelegten Flugblätter schnell verschwunden waren.

Die Aufkleber scheinen ihr Ziel aber zu verfehlen. Eine Anti-Münkler-Stimmung ist nicht zu spüren. Eine Studentin sagt, von möglichen politischen Irrungen Münklers sähe sie sich ohnehin nicht gefährdet. Schließlich lerne sie seine Worte nicht auswendig, sondern suche „lieber eigene Ansätze“ dazu. Zwei ältere Gasthörerinnen haben den Tagesspiegel-Artikel über „Münkler-Watch“ vor sich liegen. „Wir sind davon völlig überrascht“, sagen sie. Seit Jahren würden sie Münklers Vorlesungen besuchen, nie sei ihnen etwas unangenehm aufgefallen.

"Münkler hat einen speziellen Humor"

Könnte es sein, dass Herr Münkler zum Sexismus neigt? „Im Gegenteil, er ist völlig gendergerecht, hat ja wohl auch eine Tochter, und seine Frau ist Literaturwissenschaftlerin“, sagt eine Studentin. Außerdem stehe ja auch Hannah Arendt auf seiner Literaturliste. Eine weitere Studentin, sie ist schwarz, sind ebenfalls keine sexistischen, rassistischen oder militaristischen Bemerkungen aufgefallen, wohl aber, dass Münkler einen „speziellen Humor“ hat. Nicht ironisch, zynisch sei er, schaltet sich eine Kommilitonin ein: „Es gibt manchmal Sachen, wo man schlucken muss. Und manchmal ist es schwer zu bewerten, wie er es meint.“

"Der Blog ist wie ein Blockwart"

Dann kommt Münkler und steigt sogleich in den Ring zu „Münkler-Watch“. Er wolle drei Bemerkungen machen und sich dann nie wieder mit „Münkler-Watch“ beschäftigen, sagt er und erntet zustimmendes Klopfen aus den Reihen der etwa 100 Zuhörer. Gut sei, dass er „ungeheuer viele positive Nachrichten“ erhalten habe und dass der Verkauf seiner Bücher „nach oben gegangen“ sei. Münkler sagt, „Münkler-Watch“ tauge gut zum Vergleich mit einem Blockwart, dem Inbegriff „des spießigen Deutschen, der gerne einmal Macht ausüben will, aber aus der hinteren Reihe“, um hinterher sagen zu können: „Davon habe ich nichts gewusst.“

Münkler denkt, ein Trotzkist steckt dahinter

Die Blogger haben behauptet, es handle sich bei ihnen um etwa zehn Studierende im zweiten Semester. Das scheint angesichts der elaborierten Rezensionen wenig glaubwürdig. Münkler selbst stellt sich vor, dass nur ein einziger Trotzkist hinter „Münkler-Watch“ steckt. An ihm werde eine „Fülle von performativen Selbstwidersprüchen“ sichtbar. So habe der Blogger seine Anonymität damit verteidigt, er wolle seine bürgerliche Existenz nicht gefährden: „Ihr seid mer ja scheene Revolutionäre“, sächselt Münkler in Anlehnung an Friedrich August III.

Tappt er wenigstens in ein Fettnäpfchen?

Dann beginnt er, sein Thema „Souveränität und Infrastruktur der Macht“ zu durchmessen. Immer wieder verpasst er „Münkler-Watch“ einen Hieb: „Ich soll mich ja nicht militaristisch äußern“, sagt er, wenn er von einem Steinwurf beim Sacco di Roma berichtet, oder er erklärt, die Formulierung „im Schwange“ sei ja wohl sexistisch. – Tappt er nicht wenigstens in ein Fettnäpfchen? Immerhin streift Münkler die „Trosshuren“, die im Mittelalter die Landsknechte „sexuell versorgt“ hätten. Das könnte als schlüpfrig aufgefasst werden. Aber dafür erwähnt er nicht nur die Väter, sondern auch die Mütter des Grundgesetzes.

Fazit: Für „Münkler-Watch“ war es kein guter Tag. Vielleicht gibt die Vorlesung in der nächsten Woche mehr her.

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