Betrug im Studium : Von Geisterhand

Akademische Ghostwriter schreiben wissenschaftliche Texte auch für Studierende. Im Internet bieten unzählige Agenturen ihre Dienst an, Abschlussarbeiten sollen mehrere tausend Euro kosten. Die Abwehr der Universitäten gilt als zu schwach.

Sebastian Kempkens
Fälscherwerkstatt. Im Internet werden Arbeiten zu jedem Fach angeboten – von Agenturen oder Selbstständigen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Fälscherwerkstatt. Im Internet werden Arbeiten zu jedem Fach angeboten – von Agenturen oder Selbstständigen. Foto: Kitty...

Kaum zu erkennen auf den weißen Seifenspendern oder versteckt in den Kabinen liegen weiße Visitenkarten im Toilettentrakt des Grimm-Zentrums, der Zentralbibliothek der Humboldt-Universität. „Akademisches Ghostwriting – professionell diskret“ steht darauf, darunter nur eine Email-Adresse: „Autor.Unbekannt“.

Der Mann, der die Kärtchen in der Bibliothek ausgelegt hat, macht ein unmoralisches Angebot: Gegen Geld schreibt er Seminar- oder sogar Bachelorarbeiten für Studenten, die diese dann unter ihrem eigenen Namen abgeben. Alles läuft streng anonym, Namen werden nicht genannt. Und für beide Seiten ist das ein gutes Geschäft: Die Studenten kassieren meist eine gute Note, der Ghostwriter eine bestimmte Summe Geld. Der Verlierer des Geschäfts ist die Universität, für sie stellt Ghostwriting ein ernst zu nehmendes Problem dar.

„Ghostwriting stellt eindeutig den Tatbestand eines schwerwiegenden wissenschaftlichen Fehlverhaltens dar“, sagt Goran Krstin, Sprecher der Freien Universität (FU). Studierende, die überführt werden, müssten mit Sanktionen rechnen: „Die verliehenen akademischen Grade werden entzogen, die Prüfungszeugnisse eingezogen.“ Um Betrug zu verhindern, hat die FU einen Ehrenkodex aufgestellt, an der Humboldt-Universität wurde eine Kommission gegen wissenschaftliches Fehlverhalten gegründet. Über konkrete Fälle und die Konsequenzen wollen die Unis jedoch nichts sagen.

Im Selbstversuch wird schnell klar, wie hilflos die Hochschulen sind und wie wenig Eindruck ein Ehrenkodex auf einen Ghostwriter macht.

Während „Autor.Unbekannt“ auf die E-Mail des Journalisten nicht reagiert, geht alles ganz schnell, wenn man sich als Kunde ausgibt. Auf die Anfrage, ob er eine zwölfseitige Seminararbeit über „Medieneinfluss auf Politik“ schreiben könne, antwortet der Ghostwriter einen Tag später: „Schlag einen Treffpunkt plus Uhrzeit vor (jedoch nicht in irgendeiner UNIeinrichtung)“. Die Arbeit koste pauschal 750 Euro, zuzüglich 35 Euro pro Seite. Bei den bestellten zwölf Seiten wären das 1170 Euro. Mindestens die Note 1,7 sei möglich, auch wenn er natürlich nichts versprechen könne. Als Referenz: Seinen Master habe er vor vier Jahren mit 1,3 abgeschlossen, mehr wolle er nicht sagen, um anonym zu bleiben.

Nach einigen E-Mails lässt er sich auf eine Pauschale von 500 Euro herunterhandeln, vorausgesetzt die Struktur der Arbeit stehe schon. Wenig später kommt es zu einem Treffen in einer Kreuzberger Kneipe, die imaginäre Seminararbeit soll besprochen werden. Der Ghostwriter, Anfang dreißig, Bart, Kapuzenpullover, sitzt in einer Ecke und dreht eine Zigarette. Schließlich kommt er, um nach Feuer zu fragen. „Bist du Pablo?“

Er mache gerade eine medizinische Ausbildung und müsse deshalb nebenher etwas Geld verdienen, erzählt der Ghostwriter. „Übergangsphase“ nennt er das und grinst. Angefangen habe alles mit der Magisterarbeit seiner Freundin. Mittlerweile schreibe er alles und für jedes Fach, solange es keine mathematischen oder allzu wirtschaftlichen Arbeiten seien. „Ich habe im letzten Jahr locker zwanzig Arbeiten in allen möglichen Studiengängen geschrieben, sogar Magisterarbeiten. Aufgeflogen bin ich kein einziges Mal, du brauchst also keine Angst haben.“ Es gebe Studenten, die kaum Arbeiten selbst schrieben, sondern sich alles von größeren Agenturen liefern lassen würden. „Die Unis merken nur bei einem Bruchteil der Fälle etwas.“ Aber: Wenn etwas auffliege, sei das nicht sein Problem. „Ich schreibe die Arbeit, du bezahlst, dann ist das Geschäft abgeschlossen.“

Die Branche scheint zu florieren. Im Internet werden wissenschaftliche Texte zu beliebigen Themen angeboten. Es gibt Agenturen, die nach eigenen Angaben 300 bis 400 freie Mitarbeiter beschäftigen, private Fälscher schreiben sie wie „Autor.Unbekannt“ auf eigene Faust. Die Preise variieren dabei stark. Fragt man als Interessent bei größeren Agenturen nach, heißt es, eine Diplomarbeit koste 6000 bis 9000 Euro, Doktorarbeiten können bis zu 50 000 Euro kosten, einfache Seminararbeiten gebe es „von der Stange“ als Download schon für 100 Euro.

Für Volker Rieble, Juraprofessor in München, sind die sogenannten Pseudonym-Plagiate ein selbst verschuldetes Problem der Universitäten. Rieble hat in seinem Buch „Das Wissenschaftsplagiat – Vom Versagen eines Systems“ (Klostermann Verlag, 2010) 15 Plagiatsfälle untersucht, von denen nur einer zu Konsequenzen führte. „Leider hat niemand ein Interesse daran, die Fälle aufzudecken“, sagt Rieble. Die Professoren seien oft selbst so verstrickt, dass sie sich nicht trauten, ernsthaft gegen Plagiatoren vorzugehen. Zudem seien die Titelentzugsverfahren umständlich und der drohende schlechte Ruf wirke auf die Unis abschreckend.

Hinzu kommt, dass sich die Ghostwriter in einer juristischen Grauzone bewegen. Während ihre Kunden eindeutig gegen die Prüfungsordnungen der Universitäten verstoßen, lässt sich das Vergehen der Autoren nicht klar benennen. „Es gibt keinen Straftatbestand des Plagiates“, erklärt Rieble.

Thomas Nemet, Geschäftsführer von Acad Write, einer Ghostwriting-Agentur, die nach seinen Angaben „über 4000 Projekte betreut“ hat, sagt: „Was der Kunde mit den Texten macht, geht uns nichts an, wir sind ja nicht die staatliche Kontrollbehörde.“ Nach dieser Logik kann Ghostwriting allenfalls als Beihilfe zu einer Straftat gewertet werden. Vorausgesetzt, die Autoren wissen, dass ihre Texte zur Vorspiegelung falscher Tatsachen missbraucht werden.

Thomas Nemet gibt sich unschuldig: Seine Agentur liefere lediglich wissenschaftliche Arbeiten, sagt er. Dass diese dann häufig als Prüfungsarbeiten verwendet würden, gehe ihn nichts an und er wisse auch nichts von solchen Fällen. „Wenn ich im Kaufhaus ein Messer kaufe und damit um die Ecke gehe und jemanden absteche – ist dann etwa das Kaufhaus schuld?“, fragt Nemet.

Die Internetseite seiner Agentur spricht jedoch eine andere Sprache. Unter dem Leitsatz „Du musst nicht alles wissen, um erfolgreich zu sein“, heißt es da: „Wir erstellen für dich Texte von der Hausarbeit bis zur Dissertation. Wissenschaftlich recherchiert, sauber formuliert und bis ins Detail auf deine Wünsche abgestimmt.“

„Autor.Unbekannt“ sagt beim Treffen in der Kreuzberger Kneipe, dass er inzwischen gut von dem Job leben könnte. Denn: „Wo kein Vertrag, da keine Steuern.“ Ein schlechtes Gewissen habe er trotzdem manchmal, und ewig wolle er den Job nicht machen. Aber irgendwie geschehe es „dem System“ schon recht: „Früher haben immer die Studenten für die Professoren geschrieben – und die Profs haben sich dann im Ruhm gesonnt.“ Jetzt hätten sich eben die Verhältnisse geändert. Und außerdem schreibe er ja nicht für gut verdienende Anwälte, die sich einen Doktortitel zulegen wollen, sondern für Studenten. „Eigentlich hat mein Job sogar eine soziale Seite“, sagt der Mann. Akademische Ghostwriter, die üppig bezahlten Robin Hoods der Universität?

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