Bibliotheken gegen E-Book-Verlage : Für die Leser da sein

Bibliothekare kritisieren Verlage, die E-Books nicht für die öffentliche Nutzung freigeben wollen. Ingesamt wollen öffentliche Bibliotheken nutzerfreundlicher werden - und künftig auch sonntags öffnen.

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Volksnah. Die Bibliothek im Steglitzer Einkaufszentrum „Das Schloss“.
Volksnah. Die Bibliothek im Steglitzer Einkaufszentrum „Das Schloss“.Foto: Thilo Rückeis

Öffentliche Bibliotheken haben die Aufgabe, allen sozialen Gruppen Informationen und Bildung zugänglich zu machen. Wie sie diese Rolle in Zeiten knapper Kassen und angesichts eines Streits mit Verlagen um das Angebot von E-Books noch erfüllen können, sind Themen des „Berichts zur Lage der Bibliotheken“, den der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) am Freitag in Hamburg vorgestellt hat.

Öffentliche Bibliotheken dürfen seit 1965 jedes gedruckte Buch zum Endkundenpreis kaufen und dann an die Öffentlichkeit verleihen. Das gilt allerdings nicht für E-Books, auch wenn mittlerweile über 500 von 2000 Öffentlichen Bibliotheken solche zur Ausleihe anbieten. Ob die Bibliotheken in den Besitz von E-Books kommen, entscheiden indes die Rechteinhaber. Das sind entweder die Verlage, Lieferanten, die in deren Auftrag handeln oder aber sogenannte Aggregatoren wie Divibib oder Ciando, die E-Books lizensieren und sie den Lesern über eigene Plattformen zur Verfügung stellen.

Doch einige Verlage wollen ihre Inhalte nicht lizensieren. Sie fürchten durch die Ausleihe Umsatzeinbußen, mitunter dramatische. Für den Bibliotheksverband ist das nicht nachvollziehbar. „Diese Diskussion wird schon genauso lange geführt wie es Öffentliche Bibliotheken und Handel mit Büchern gibt“, sagte Frank Simon-Ritz, stellvertretender Vorsitzender. Bewahrheitet hätten sich solche Befürchtungen nie: „Auch im 19. Jahrhundert galt schon: Wer viel liest, leiht viel und kauft auch viel.“ Die Forderung des Deutschen Bibliotheksverbandes ist daher klar: „Wir erwarten vom Gesetzgeber die Gleichstellung von E-Books mit gedruckten Büchern in allen Bereichen“, sagte die Vorsitzende Monika Ziller.

Auch die wissenschaftlichen Bibliotheken stehen durch die Unsicherheiten in der Lizenzvergabe und ein defizitäres Urheberrecht vor Problemen. Die Folgen muten zum Teil grotesk an, etwa wenn E-Books nur an eigens dafür eingerichteten elektronischen Leseplätzen gelesen, nicht aber ausgedruckt, kopiert oder gespeichert werden dürfen. „Zukunftsfähige Wissenschaft wird so nicht möglich sein“, kritisierte Simon-Ritz.

Die Frage der Zukunftsfähigkeit stellt sich auch den Öffentlichen Bibliotheken. Wenig überraschend mangelt es den Bibliotheken an Geld. Besonders die großstädtischen Bücherhallen leiden, heißt es im Bericht. Zudem müssten sie sich oft vorwerfen lassen, sich „nur um die Förderung der unteren Schichten“ zu kümmern, sagte Hella Schwemer-Martienßen, Vorsitzende des Landesverbands Hamburg. Dabei seien die Stärken der Öffentlichen Bibliotheken schon lange, Lern- und Begegnungsräume für alle zu schaffen und bürgerschaftliches Engagement zu fördern. Defizite bestünden vor allem bei den Öffnungszeiten.

„In Skandinavien sind Bibliotheken dann geöffnet, wenn die Menschen Zeit haben“, sagte Schwemer-Martienßen. „In Deutschland ist das nicht so, denn es gilt das Sonntagsarbeitsverbot.“ Das führe etwa dazu, dass die große Hamburger Zentralbibliothek in der Nähe des Hauptbahnhofs am Sonntag geschlossen sei, „inmitten von etlichen geöffneten Museen“.

Wären die Tore geöffnet, würden Lesehungrige die Lesehallen zum selbstverständlichen Ziel ihrer Wochenendausflüge machen, glaubt Schwemer-Martienßen. Allein in die Zentralbibliothek der Hansestadt würden an einem Sonntag an die 8000 Menschen strömen. Das beschreibe auch gut ihre Vision der Bibliothek der Zukunft: „Da sein, wenn die Menschen uns brauchen.“

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