Burschenschaften : Eklat an der FU wegen uniformierter Verbindungsstudenten

An der Freien Universität Berlin sind Burschenschafter in Uniform seit Jahrzehnten unerwünscht. Jetzt traten vier von ihnen bei einer Absolventenfeier auf. Einen Kritiker verwies der Dekan des Saals.

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Burschentreffen auf der Wartburg im Juni 2012. Der Dachverband gibt an, er habe bundesweit 1300 aktive Mitglieder und 10 000 „Alte Herren“.
Burschentreffen auf der Wartburg im Juni 2012. Der Dachverband gibt an, er habe bundesweit 1300 aktive Mitglieder und 10 000 „Alte...Foto: picture alliance / dpa

Das Bild auf Youtube ist verschwommen, doch die vier farbigen Mützen sind deutlich zu erkennen. Zur Sicherheit hat Jan Meyer-Dulheuer, der das Video ins Internet gestellt hat, vier Pfeile ins Bild gezeichnet, die auf die Mützen zeigen. Darüber prangt das Wort „rechtsaußen“. Gemeint sind die Studenten, die am 26. Oktober in den Farben ihrer Verbindungen zu einer Abschlussfeier an die Freie Universität (FU) gekommen sind.

Dann beginnt das Video. Ein Hörsaal des Fachbereichs Jura ist zu sehen, dazu jede Menge Hinterköpfe – die Absolventenfeier aus der Sicht der Zuschauer. Ein paar Leute trotten nach vorne, um ihre Urkunde abzuholen. Beinahe unmerklich tritt einer von ihnen ans Mikrofon und sagt zwei Sätze: „Berlin ist eine tolerante und weltoffene Stadt. Ich finde es skandalös, dass hier Leute sitzen, die halbuniformiert sind, deren Uniformen für einen Verband stehen, der immer noch einen Ariernachweis verlangt...“ Weiter kommt er nicht. Ein anderer Mann, der Dekan Martin Schwab, drängt ihn vom Mikrofon. „Schluss, Schluss!“, ruft er. Dann verlässt der Student den Saal.

„Es geht mir nicht darum, dass er mich rausgeschmissen hat,“ sagt Jan Meyer-Dulheuer später. „Aber ich hätte von unserem Dekan mehr Aktivität und Kritik gegenüber den Uniformierten erwartet.“ Tatsächlich sollen sich die Mitglieder der 45 Berliner Studentenverbindungen nicht in ihren Uniformen auf dem FU-Campus zeigen, nicht zuletzt weil Burschenschaften im Nationalsozialismus eine aktive Rolle gespielt haben und sie häufig Frauen als Mitglieder ausschließen – Prinzipien, die sich mit den Werten der FU nicht vereinbaren lassen.

Als Meyer-Dulheuer draußen ist, wendet sich Schwab an das Publikum und erklärt, „dass die Freie Universität Berlin eine tolerante Universität ist und auch Andersdenkende und auch studentische Verbindungen am Fachbereich Jura willkommen sind“. So steht es auf der Internetseite des Studierendenverbands Asta, auf der Schwab sich Anfang dieser Woche zum Vorfall äußert.

Jan Meyer-Dulheuer war mit seiner Freundin und den Eltern zur Absolventenfeier gekommen, danach sollte es Sekt geben und ein schönes Essen. Doch daraus wurde nichts.

Denn auf der Feier befinden sich auch einige Studenten, die in den Farben ihrer Studentenverbindung gekommen sind. Sie tragen schwarze Jacken und eben jene orangenen Hüte, die auf dem Video zu sehen sind. Einer von ihnen hat wie Meyer-Dulheuer das Examen bestanden und wird auf der Bühne dafür geehrt. Schon vor der Veranstaltung wundert sich Meyer-Dulheuer über die Anwesenheit der Uniformierten, es sei das erste Mal gewesen, dass er Verbindungsstudenten in ihren Farben auf dem Campus gesehen habe. Gemeinsam mit seinem Vater überlegt er, ob er darauf reagieren soll, er macht sich Notizen. Lange ist er unsicher, ob er überhaupt etwas sagen soll.

Dann wird der Uniformierte aufgerufen. Meyer-Dulheuer kann sich ein „Nazis raus“ nicht verkneifen, hinterher sagt er, dass er sich das hätte sparen können. „Das waren ja keine Schlägernazis, sondern Anzugträger.“ Der Dekan blickt verärgert in seine Richtung. Auf dem Rückweg kommt der Student mit der orangenen Kappe an Meyer-Dulheuers Platz vorbei und salutiert vor ihm. „In dem Moment habe ich mich entschlossen, dass ich etwas sage.“ Als er selbst aufgerufen wird, macht Meyer-Dulheuer daher jenen kleinen Umweg zum Mikrofon, bevor ihm der Dekan wegen Störung der Veranstaltung Hausverbot erteilt.

Jan Meyer-Dulheuer ist vorher nie als politischer Aktivist aufgefallen, ist in keiner Partei organisiert. Schwab hat er immer als weltoffenen Dekan gesehen, und deshalb bleibt er nach der Urkundenverleihung noch ein wenig auf der Party, um dem Dekan Gelegenheit zu geben, auf ihn zuzugehen. Die beiden begegnen sich tatsächlich kurz, Meyer-Dulheuer erinnert sich an Schwabs Worte: „Unverschämtheit“ und „Sowas ist in zehn Jahren nicht vorgekommen“. Ein Gespräch ist das kaum. Der Dekan möchte auch danach mit dem „Studenten nicht individuell sprechen“, höchstens in Anwesenheit Dritter. Er fühlt sich von Meyer-Dulheuer „persönlich diskreditiert“.

Denn der hat dem Dekan nach dem Vorfall einen Offenen Brief geschrieben und ihn auch an das FU-Präsidium und den Asta schickt. Darin wirft er dem Dekan „mangelndes Problembewusstsein“ und den „Eindruck einer Rechtslastigkeit durch die Duldung von Uniformierung“ vor. Noch einmal weist er auf die Nähe von Burschenschaften zur rechtsextremen Szene hin. Die konkrete Verbindung nennt er nicht, vermutet dahinter aber die Gothia, eine pflichtschlagende Verbindung aus Zehlendorf, in der auch einige Jurastudenten der FU organisiert sind. Die Gothia ist eine von 120 Verbindungen im Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB), der regelmäßig wegen seiner fremden- und frauenfeindlichen Haltung kritisiert wird. 2011 stritt der Verband über einen Abstammungsnachweis für Mitglieder und die Wahl von Norbert Weidner zum Chefredakteur der Verbandszeitung. Weidner hatte den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als „Landesverräter“ bezeichnet. Von der Bundesregierung wird die DB zwar nicht als antidemokratisch eingestuft, wie am Mittwoch in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion zu lesen war. Die Entwicklung des Verbandes wird allerdings beobachtet. Der DB hat nach eigenen Angaben 1300 aktive Mitglieder neben 10 000 „Alten Herren“.

An der FU ist das Tragen von Verbindungsfarben ausdrücklich „unerwünscht“. Das Präsidium teilt mit, es habe erst kürzlich ein Rundschreiben an alle Dekane geschickt, dass die FU „seit ihrer Gründung stets Distanz zu solchen Traditionen halte“ und sie aufgefordert, „darauf zu achten, dass Vertreter studentischer Verbindungen nicht in Farben auf dem Campus auftreten“. Tatsächlich gab an der FU in den fünfziger Jahren einen Beschluss des Akademischen Senats, der das Tragen von Farben verbot. Obwohl das Bundesverwaltungsgericht den Passus danach für rechtswidrig erklärte, waren sie an der FU immer stolz auf die „antikorporierte“ Haltung der Universität. Der CDU-Politiker Eberhard Diepgen, der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin, verlor aus diesem Grund 1963 sein Amt als Astavorsitzender: Er war Mitglied der schlagenden Verbindung „Saravia“. Ulf Kadritzke, der damals im Studentenparlament saß und bis 2008 Professor an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht war, ist entsetzt, dass „diese Form des elitären Uniformtragens wieder möglich ist“.

Die FU beeilt sich zu versichern, dass am Verantwortungsbewusstsein des Dekans Martin Schwab kein Zweifel besteht, und der Dekan beteuert, dass er selbst von der Anwesenheit der Burschenschafter „überrascht“ gewesen sei. Seine Kritik gegenüber Meyer-Dulheuer habe ausschließlich der Störung gegolten. Ob es Gespräche mit den anwesenden Verbindungsstudenten geben wird, ist von beiden Seiten nicht zu erfahren. Nach Angaben der Gothia ist aber bisher niemand an die Verbindung herangetreten. Ihr Vorsitzender, Thorsten Elsholtz, teilt zudem mit: „Das Farbentragen an der FU ist heute längst wieder üblich.“

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