Center for Cold War Studies in Berlin : Forschen in der Hauptstadt des Kalten Krieges

Das neue Berliner Kolleg Kalter Krieg forscht zu globalen Auswirkungen der Ost-West-Konfrontation. Einen neuen Kalten Krieg sieht der Leiter nicht heraufziehen.

von
Zwei US-amerikanische Soldaten stehen am Denkmal für die Berliner Luftbrücke stramm.
Frontstadt. In Berlin wird das Gedenken an den Kalten Krieg etwa am Tempelhofer Luftbrücken-Denkmal gepflegt.Foto: AFP

Berlin war die Frontstadt des Kalten Krieges. Mit der Berlin-Blockade 1948/49 und der Berlin-Krise 1958 bis 1962 drohte die Ost-West-Konfrontation zu eskalieren. In Berlin gibt es denn auch viele Forscher, die sich mit dem Kalten Krieg beschäftigen, aber bislang keinen zentralen Ort der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Das soll sich mit dem neuen Berliner Kolleg Kalter Krieg ändern, das soeben seine Arbeit aufgenommen hat. Verantwortet und finanziert wird es von vier Institutionen, dem Hamburger Institut für Sozialforschung, dem Institut für Zeitgeschichte mit Sitz in München und Berlin, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Humboldt-Universität (HU), vertreten durch die Historikerin Gabriele Metzler. „Wir wollen aktuell laufende Forschung bündeln und sichtbar machen“, sagt Metzler.

Die USA sind da weiter, dort existieren in den Cold War Studies eigene Studiengänge und Zeitschriften. Selbst Italien hat ein in Florenz angesiedeltes „Machiavelli Center“ zu der Thematik, an dem unter anderem auch Unis aus Rom, Padua und Perugia beteiligt sind. „Wer in der zeithistorischen Forschung mitreden will, kommt am Kalten Krieg nicht vorbei“, sagt Bernd Greiner, Historiker am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er leitet das Berliner Center for Cold War Studies, so die englische Bezeichnung. Mit einer Koordinatorin sowie zwei Postdoc-Stipendiaten fängt es klein an, soll aber laut Greiner sukzessive ausgebaut werden.

Die Folgen der Stellvertreterkriege in der Dritten Welt

Forschungslücken erkennen die Initiatoren in der globalen Perspektive. Der auf der nördlichen Halbkugel durch die nukleare Abschreckung bewahrte Frieden habe zu einer Vielzahl von Stellvertreterkriegen in der Dritten Welt geführt – vom Koreakrieg in den 50er Jahren über Kriege auf dem afrikanischen Kontinent in den 70er Jahren bis zu blutigen Auseinandersetzungen in Südamerika in den 80er Jahren, sagt Greiner. „Die USA und die Sowjetunion haben oftmals Bürgerkriegsparteien mit Waffen ausgestattet, um ihr Gesellschaftsmodell durchzusetzen.“ Die Genese und die langfristigen Auswirkungen dieser Kriege mit insgesamt 25 Millionen Toten gelte es zu erforschen.

Es soll auch um die Emotionsgeschichte des Kalten Krieges gehen

Sechs Schwerpunktthemen für ihre Arbeit haben die beteiligten Historiker und Politikwissenschaftler identifiziert, darunter auch die Emotionsgeschichte. „Dieser Zugriff auf das Thema ist neu“, sagt Gabriele Metzler. Unter anderem werde es um die Konstruktion von Feindbildern oder um die Angst im Kalten Krieg gehen. „Produkte des Kalten Krieges sind aber auch die Technologien, die uns heute umgeben, wie das Internet oder GPS.“

Die scheinbar so naheliegende Parallele zur Gegenwart will der Leiter des Centers for Cold War Studies nicht gelten lassen. Die These etwa von Orlando Figes, Russland habe die Osterweiterung der Nato als Erklärung eines neuen Kalten Krieges aufgefasst und antworte mit einer Politik der Destabilisierung seiner Nachbarstaaten, weist Greiner zurück. Sicher, in dieser Konfrontation „scheint wieder ein Gefahrenpotenzial auf, das man nicht mehr für möglich gehalten hätte“. Aber es brauche einen „trennscharfen Begriff“ vom Kalten Krieg. Bei der alten Ost-West-Konfrontation handle es sich um ein weltumspannendes Phänomen und nicht um einen regionalen Konflikt wie bei der Ukraine-Krise. Im Kalten Krieg hätten beide Seiten eine symmetrische Eskalation betrieben. Merkel und Hollande versuchten dagegen, von Anfang an zu deeskalieren.

Über Bezüge wird indes auch bei der Eröffnung des Berliner Kollegs am kommenden Donnerstag an der HU diskutiert. Horst Teltschik, der ehemalige Vizechef des Bundeskanzleramts, spricht zum Thema „Der Kalte Krieg und die europäische Gegenwart“.

Eröffnung des Berliner Kollegs Kalter Krieg, Donnerstag, 19. März, um 19 Uhr im Senatssaal der Humboldt-Uni, Unter den Linden 6 (Mitte). Ab dem Sommer will das Kolleg zu öffentlichen Vorträgen einladen, im Herbst startet eine Ringvorlesung.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben