Wissen : Chemo auf dem Sterbebett?

Krebskongress: Worauf es bei der Medizin in der letzten Lebensphase ankommt

Rosemarie Stein
Leiden lindern, Zuwendung geben. Hospize bieten eine Zuflucht in den letzten Lebensmonaten. Foto: ddp
Leiden lindern, Zuwendung geben. Hospize bieten eine Zuflucht in den letzten Lebensmonaten. Foto: ddpFoto: ddp

Neigt sich das Leben eines Kranken mit fortgeschrittenem Krebsleiden dem Ende zu, dann gibt es für Patient und Arzt im Prinzip zwei Möglichkeiten: Fortsetzung einer oft sehr belastenden Chemotherapie trotz geringster Aussichten auf Lebensverlängerung oder aber Leidenslinderung mit dem Ziel einer möglichst beschwerdearmen, friedlichen letzten Lebenszeit.

Um diese schwierige Entscheidung ging es auf der Jahrestagung der deutschen, österreichischen und schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie in Berlin. Der verwinkelte Weg zum schwer auffindbaren ICC-Saal ist wohl symbolisch für den Stellenwert, den das Thema auf dem Krebskongress hatte.

Auf dem Kongress wurden die Ergebnisse einer Umfrage unter fast tausend Erwachsenen mitgeteilt: Nur knapp über 50 Prozent wussten, dass Palliativstationen und Hospize Einrichtungen für Sterbenskranke sind. Dort verzichtet man auf aussichtslos gewordene Versuche zur Lebensverlängerung – oft nur quälende Sterbensverlängerung. Dagegen zielen alle Anstrengungen des therapeutischen Teams auf eine bessere Lebensqualität.

In der Palliativstation werden die Beschwerden schwer Leidender, wie Schmerzen, Atemnot, Übelkeit und Erbrechen, aber auch Ängste und Depressionen so weit gelindert, dass den Kranken die ihnen noch bleibende Zeit wieder lebenswert wird. Wer entlassen werden kann, sollte zu Hause von ambulanten Palliativ-Teams, die den Hausarzt und die Angehörigen unterstützen, oder im stationären Hospiz weiterversorgt werden.

Keine Behandlung darf ohne den erklärten (notfalls den mutmaßlichen) Willen des aufgeklärten Patienten stattfinden, sonst gilt sie als Körperverletzung. Aber was wollen die Patienten, wenn sie todkrank sind? Bernd Alt-Epping (Universität Göttingen) berichtete über verschiedene Erhebungen. Danach wollen die meisten Krebskranken zu Hause sterben. Zwei Drittel ziehen die Lebensqualität den meist vergeblichen Versuchen zur Lebensverlängerung vor, wünschen statt der nur noch belastenden krebsbekämpfenden Therapie eine leidenslindernde Palliativversorgung. Aber ein Drittel – meist Männer, meist Jüngere – wollen sich bis zum bitteren Ende der Chemotherapie unterziehen, selbst bei geringem Nutzen. („Ich habe nichts zu verlieren“.)

Manche verzichten auf die Aufklärung und Mitentscheidung und vertrauen sich blindlings ihrem Arzt an. Doch zwei Drittel wollen über die Änderung des Therapieziels – Lebensqualität statt Lebensverlängerung – mitentscheiden.

Dies wird keineswegs immer berücksichtigt. Eva Winkler (Universität München) berichtete über heftige Diskussionen in den USA, ausgelöst durch die „Support-Studie“ mit 9000 Patienten in sechs Lehrkrankenhäusern. Dabei hatten sich zum Beispiel 30 Prozent der Befragten gegen eine Wiederbelebung und 88 Prozent gegen eine Langzeitbeatmung ausgesprochen – bei der Befragung, nicht in der Klinik. Denn dort hatte man die Patienten meist noch gar nicht gefragt, aber zwei Drittel von ihnen bis zum Tod eingreifenden Maßnahmen unterzogen.

In Europa steht es nicht unbedingt besser um die Respektierung der Patienten-Autonomie, aber das ist von Land zu Land sehr verschieden. Eva Winkler von der Universität München hält die ärztliche Entscheidung für oder gegen einen Therapiewechsel ohne Rücksprache mit dem Patienten für nur ausnahmsweise vertretbar, etwa dann, wenn der Nutzen einer fortgesetzten Chemotherapie eindeutig größer ist als der Schaden oder wenn der Todkranke bei Realitätsverlust (Verdrängung, Wunschdenken) ein schlechtes Nutzen/Schaden-Verhältnis nicht einschätzen kann.

Kommen schwer Leidende in weit fortgeschrittenem Krankheitsstadium zunächst mit Vorbehalten auf die Palliativstation, dann ändert sich ihre Einstellung oft schnell: Weil sie dort in persönlicher Atmosphäre rasch eine wirksame individuelle Behandlung ihrer Beschwerden erfahren, sagte Ernst Späth-Schwalbe (Vivantes-Klinikum Berlin-Spandau). Er befürwortet einen „fließenden Übergang“ von der Maximal- zur Palliativtherapie, wie es in seiner Klinik praktiziert werde.

Ein frühzeitiges palliatives Zusatzangebot, also regelmäßiges Fragen nach Beschwerden und ihre konsequente Behandlung, kann Lebensqualität und Überlebenszeit verbessern: Unter der Standardtherapie allein lebten Patienten mit metastasierendem Lungenkrebs durchschnittlich noch 8,9 Monate, mit zusätzlicher Palliativversorgung elf Monate. „Wir brauchen mehr von diesen Studien, auch mit Alltags-Patienten. Dann könnten wir wahrscheinlich nachweisen, dass frühe Palliativbehandlung besser wirkt als lange Chemotherapie“, sagte Späth-Schwalbe. „ Aber solche Studien finanziert die Pharmaindustrie nicht; sie sind ja für sie kontraproduktiv.“

Noch an den letzten Tagen der Sterbenden werde von den Herstellern der immer teureren Krebsmedikamente besonders in den USA sehr viel Geld verdient, hieß es in der Diskussion. Denn, so die Hamburger Palliativmedizinerin Imke Strohscheer, die Chemotherapie bis zum Ende nimmt zu, und „es wird immer schwieriger, sich nicht behandeln zu lassen“ – ob es nützt oder schadet.

Weil Chemotherapie auf dem Sterbebett nicht nur sinnlos, sondern auch sehr kostspielig ist, waren sich die Krebsmediziner einig, dass man nun auch offen über ökonomische Aspekte reden muss.

Information und Beratung: Zentrale Anlaufstelle Hospiz beim Unionhilfswerk, Kopenhagener Str. 29, 13407 Berlin, Telefon 4071 1114. Gegen einen adressierten Freiumschlag (1,45 Euro) mit dem Kennwort „Wegweiser“ erhält man dort die Broschüre „Wenn Ihr Arzt nicht mehr heilen kann – Informationen rund um das Thema Sterben, Tod und Trauer.“ Als PDF-Datei im Internet unter: www.hospiz-aktuell.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben