Christian Thomsen, neuer Präsident der TU Berlin : „Die Uni überzeugen“

Der neue TU-Präsident Christian Thomsen spricht im Interview über seine Pläne: Warum er den Numerus Clausus in mehr Fächern als bisher aufheben will und wie die Verwaltung besser werden kann.

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Christian Thomsen, gewählter Präsident der TU Berlin.
Christian Thomsen (54) wurde am Mittwoch zum neuen Präsidenten der TU Berlin gewählt. Der Physiker ist seit 2003 Dekan der...Foto: dpa

Herr Thomsen, Sie haben sich mit großer Mehrheit gegen den Amtsinhaber Jörg Steinbach durchgesetzt. Worin wollen Sie sich als TU-Präsident von ihm abheben?
Mein Vorgänger hat sich sehr stark auf haushälterische Aspekte konzentriert. So kann man eine Uni aber nicht leiten. Mir wird es darum gehen, die ganze Uni dabei zu unterstützen, die Freiheit von Forschung und Lehre zu leben – unabhängig davon, ob wir vom Senat mehr Geld bekommen oder nicht. Für den Haushalt ist im Übrigen unsere Kanzlerin zuständig.

Sie haben im Wahlkampf hervorgehoben, es gebe einen großen Vertrauensverlust der Fakultäten in die Verwaltung der TU. Woran liegt das?

Unsere Verwaltung arbeitet noch relativ altmodisch. Alle Vorgänge werden auf Papier abgearbeitet. Diese Papiere werden dann durch die Uni hin- und hergetragen. Außerdem gibt es an der TU regelmäßig Verwaltungsschritte, die vielleicht nicht unbedingt nötig sind und die die Abläufe verlangsamen, etwa, wenn ein neuer wissenschaftlicher Mitarbeiter eingestellt wird. Es geht also darum, die Abläufe zu verschlanken. Und es geht um die technische Modernisierung, die Abwicklung per Computer. Beides wird die Zufriedenheit mit der Verwaltung steigern. Die Mitarbeiter der Verwaltung werden das spüren und selbst zufriedener mit ihrer Arbeit sein. Denn zur Zeit werden sie oft zu Unrecht für die schlecht organisierten Abläufe kritisiert. Wichtig ist auch, dass die Vorgesetzten lernen, in die Kompetenz ihrer Mitarbeiter zu vertrauen und deren Entscheidungen zu akzeptieren, auch wenn es mal Fehler gibt.

Sie wollen den Numerus clausus in vielen Studiengängen aufheben. Andere Berliner Professoren mögen den NC schon deshalb, weil sie die besten Abiturienten unterrichten wollen. Warum denken Sie anders?

Ich denke anders, weil die Abiturnote nur zum Teil abbildet, wer die „besten“ Studierenden sind. Es ist durchaus möglich, dass jemand wegen schwacher Noten in Latein und Französisch nur ein durchschnittliches Abitur hat, aber dass er oder sie dennoch sehr erfolgreich Maschinenbau studiert. Besser, als sich mit dem NC abzuschotten, ist es, ein Orientierungsstudium anzubieten, in dem die Interessierten in Erfahrung bringen können, ob sie für ein Studium geeignet sind.

Wird das Personal der TU nicht zusätzlich belastet, wenn der NC fällt?

Eine etwas größere Last ist dann sicher in manchen Bereichen zu tragen. Aber wägt man das mit dem hohen Gut ab, das der freie Zugang zur Bildung doch ist, muss man es hinnehmen. Kommt es in manchen Studiengängen zu einer Überlastung, müssen wir versuchen zu helfen. Schon jetzt völlig überzeichnete Studiengänge wie Architektur oder Biotechnologie müssen den NC natürlich behalten.

Der Bachelor soll auch an der TU überarbeitet werden. Was muss passieren?

Es gibt einzelne Studiengänge, in denen die Studierenden eine zu große Arbeitslast haben. Hier müssen Veranstaltungen gestrichen werden. Das kann zu Konflikten mit den Professoren führen, die diese Veranstaltungen anbieten.

Wollen Sie die Fakultäten also entmachten? Unmittelbar vor Ihrer Wahl hat Ihnen eine Professorin unterstellt, es gebe bereits ein entsprechendes „Geheimpapier“.

Nein, ich kann und will den Fakultäten nicht vorschreiben, wie sie ihre Studiengänge gestalten. Aber ich kann versuchen, sie zu überzeugen. Es gibt auch kein „Geheimpapier“, sondern ein Papier mit Arbeitsvorhaben von Mitgliedern des Akademischen Senats. Dort steht all das drin, was schon im Wahlkampf von mir zu hören war sowie noch ein paar andere Punkte, etwa die Absicht, zusätzliche Lernräume für Studierende zu schaffen und der Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen, an die aber sowieso niemand denkt.

Die TU hatte vor einigen Jahren nur noch drei Sonderforschungsbereiche, nun sind es sieben. Überhaupt werden mehr DFG-Mittel eingeworben. Liegt das daran, dass die Pensionierungswelle vorbei ist und neue Wissenschaftler Projekte anschieben?

Ja. Und alle Fakultäten haben in den vergangenen Jahren gut berufen. Mein Vorgänger hat das auch gut unterstützt, indem er sich bemüht hat, gute Leute mit guten Gehältern oder einer guten Ausstattung zu gewinnen. Allerdings dauert es Jahre, bis aus solchen Berufungen neue Sonderforschungsbereiche werden. Also beruht manches schon auf Maßnahmen meines Vorvorgängers Kurt Kutzler.

Der Wissenschaftsrat hat sich von einer Fortsetzung des Wettbewerbs zwischen ganzen „Eliteunis“ verabschiedet. War der Wettbewerb um Eliteunis ein Fehler?

Nein, ich fand ihn richtig. Denn er hat auch die, die wie die TU Berlin nicht gewonnen haben, gezwungen, über sich nachzudenken und sich aufzustellen. Ich finde aber auch richtig, diesen Wettbewerb jetzt erst mal nicht mehr fortzusetzen. Er hat extrem viel Kraft gekostet. Wir brauchen jetzt Zeit zur Konsolidierung. Und gegenüber der Verbundforschung muss jetzt auch die Individualforschung wieder gestärkt werden.

Sind Sie dafür, in Deutschland mittelfristig drei bis fünf Spitzenunis zu schaffen, die besonders vom Bund unterstützt werden?

Ich wäre für zehn bis zwanzig Spitzenunis. Dann wäre die TU Berlin mit Sicherheit darunter.

- Die Fragen stellte Anja Kühne.

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