• Claudia Lux, Direktorin der Qatar National Library: „Wir entscheiden, was möglich ist - und was nicht“

Claudia Lux, Direktorin der Qatar National Library : „Wir entscheiden, was möglich ist - und was nicht“

Claudia Lux baut die neue Nationalbibliothek in Katar auf. Im Tagesspiegel-Interview spricht sie über Bücher und Baustellen, Religion und Zensur.

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Die Qatar National Library. Das Bibliotheksgebäude wurde von Rem Koolhaas entworfen, in diesem Jahr soll es fertig werden. Lux soll eine „kritische Vielfalt“ an Werken bereitstellen – aber „nichts, was in Teilen der Gesellschaft als sehr problematisch wahrgenommen würde“.
Die Qatar National Library. Das Bibliotheksgebäude wurde von Rem Koolhaas entworfen, in diesem Jahr soll es fertig werden. Lux...Foto: promo

Frau Lux, Sie haben vor knapp drei Jahren überraschend Ihre Stelle als Generaldirektorin der ZLB aufgegeben und sind in das Emirat Katar am Persischen Golf gegangen – warum?

Es gab keinen konkreten Grund, aus Berlin wegzugehen. 2012 war gerade entschieden worden, dass es den Bibliotheksneubau geben soll, darüber habe ich mich sehr gefreut. Auf der anderen Seite war klar, dass ich das Projekt nicht mehr selbst würde beenden können – weil meine Verrentung anstand.

Wie kann man sich den Abwerbeversuch aus einem arabischen Land vorstellen. Kriegt man einen Anruf?

Ja, exakt so ist es passiert. Ich habe von einem Headhunter aus Abu Dhabi einen Anruf bekommen. Meine erste Reaktion war, nein danke, das interessiert mich nicht. Aber die ließen nicht locker. Als ich mir dann das Konzept der Qatar National Library angeguckt habe, fand ich es interessant und außergewöhnlich.

Hatten Sie keine Vorbehalte gegen den Auftraggeber, den Staat Katar, oder die Golfregion?

Doch, ich hatte Vorbehalte. Aber nicht wegen Katar oder wegen der Region, sondern weil ich eigentlich Sinologin bin. Ich hätte mir damals eher eine Aufgabe in Asien vorstellen können als im arabischen Raum. Ich möchte mich ja vor Ort verständigen können.

Sie sind nicht die erste Europäerin, die sich dann doch locken ließ von den Arbeitsbedingungen in einem reichen Wüstenstaat.

Ohne die Vision, die hinter dem Bibliotheksprojekt in Katar steht, hätte mich die Stelle nicht gelockt. Man hat dort einen sehr klaren Plan, was man in einer ganz bestimmten Zeit erreichen möchte – nämlich wegzukommen von einer auf Öl und Erdgas basierten Wirtschaft. Die Informationsgesellschaft spielt dabei eine große Rolle. Bei meinem ersten Aufenthalt gefiel mir außerdem, dass man in Katar sehr gut leben kann, es ist ein sehr gelassenes, ruhiges Land.

Claudia Lux (64) ist „Project Director“ der Nationalbibliothek von Katar in Doha. Zuvor war sie von 1997 bis 2012 Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB).
Claudia Lux (64) ist „Project Director“ der Nationalbibliothek von Katar in Doha. Zuvor war sie von 1997 bis 2012...Foto: promo

Wie lautet Ihr Auftrag als „Projekt Direktorin“ der Qatar National Library?

Zunächst lautete der Auftrag, eine zentrale Universitätsbibliothek aufzubauen, die Teil des Großprojekts „Education City“ ist, einem Universitäts- und Schulcampus am Rande der Hauptstadt Doha. Ins Leben gerufen wurde die Education City von Scheicha Moza, der Frau des ehemaligen Emirs. Im Laufe unserer Gespräche wurden die Pläne erweitert: Die neue Universitätsbibliothek wird zugleich auch Nationalbibliothek sein sowie ein Ort, der benutzbar ist für alle. Ein bisschen wie das ZLB-Modell. Als das klar war, dachte ich, das kann ich, das ist mein Ding.

Das Bibliotheksgebäude hat Stararchitekt Rem Koolhaas entworfen, in diesem Jahr soll es fertiggestellt werden. Insgesamt sollen 1,2 Millionen Medien angeschafft werden. Und Sie haben jetzt das Geld und die Freiheit, die Bibliothek nach Lust und Laune mit Inhalten zu füllen?

Ich musste dazu erst mal ein Team aufbauen. Die Qatar Foundation, zu der auch die Bibliothek gehört, ist nach amerikanischem Vorbild strukturiert, gearbeitet wird nach Harvard-Business-Prinzipien. Das heißt, es gibt es klare Regeln. Man muss Stellenbeschreibungen formulieren und bewilligte Stellen öffentlich ausschreiben. Das Gleiche gilt auch für Bücheranschaffungen. Wir arbeiten mit amerikanischen Unternehmen zusammen, die den Einkauf und die Katalogisierung übernehmen.

Reden wir über das politische System, in dem Sie sich in Katar bewegen: Der Islam ist Staatsreligion, Blasphemie ist strafbar, Homosexualität ist verboten. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit? Können Sie islamkritische Bücher anschaffen?

Ja, das kann ich. Es ist mir sogar ans Herz gelegt worden, eine kritische Vielfalt bereitzustellen. Aber es sollte wissenschaftlich fundiert sein.

Also keine „Satanischen Verse“, kein neuer Houellebecq-Roman?

Nichts, was in Teilen der Gesellschaft als sehr problematisch wahrgenommen und zu großen Diskussionen führen würde. Romane ja, aber immer im Respekt zur Religion. Wenn Sie das mal zurückverfolgen in die 1950er und -60er Jahre in Deutschland, da hatten wir eine vergleichbare Situation. Im Bereich der Sexualität denkt man dort anders als bei uns. Das ist in vielen Ländern der Welt so und das muss eine Nationalbibliothek respektieren.

Auf der Website der Qatar National Library steht wörtlich: „Die Bibliothek ermöglicht Zugang zu Wissen, das für Katar und die Region relevant ist.“ Versteckt sich hinter der Formulierung eine schwarze Liste mit verbotenen Büchern?

Nein. Die Bibliothekare bei uns entscheiden, was möglich ist und was nicht möglich ist. So funktioniert das in vielen Bibliotheken. Im strenggläubigen Mittleren Westen der USA überlebt eine öffentliche Bibliothek auch nur, wenn sie sich in einem bestimmten Rahmen bewegt. Das heißt nicht, dass sie den Rahmen nicht auch mal ein bisschen ausweiten soll. Das Entscheidende für mich ist, dass wir überhaupt wissenschaftliche Literatur in dieses Land bringen. Und Geschichten und Romane in Masse anbieten können. Das ist für das Land schon ein riesiger Fortschritt.

Die Bibliothek ist nur eines der großen Kulturprojekte Katars. 2008 wurde das spektakuläre Museum für Islamische Kunst eröffnet. Für das Philharmonie-Orchester hat Katar einige der besten Musiker der Welt verpflichtet. Wird hier Hochkultur zusammengekauft?

Das ist doch besser, als wenn man schlechte Kultur zusammenkaufen würde, oder? Man will in Katar, das ist ganz klar, Anschluss haben. Und man betrachtet es als Notwendigkeit für das eigene Land, Kultur und Bildung zu fördern.

In Deutschland wird Katar nicht als aufstrebende Bildungsnation wahrgenommen, sondern eher als ein Land, auf dessen Großbaustellen, etwa für die Fußball-WM, katastrophale Zustände herrschen. Auch Sie haben derzeit eine Baustelle in Katar …

Ich habe unsere Baustelle öfter besucht und konnte feststellen, dass es dort anders war. Für mich war wichtig, dass die Arbeiter Helme trugen und dass es Sicherheitsvorschriften gibt.

Sie haben also, frei nach Franz Beckenbauer, keine Sklaven gesehen?

Sagen wir mal so: natürlich nicht gesehen mit eigenen Augen. Ich glaube auch, dass nicht alles, was veröffentlicht wurde, hundertprozentig korrekt recherchiert wurde. Auf der anderen Seite gibt es von der Qatar Foundation mittlerweile einen Bericht zur Besserung der Situation der Arbeiter, der sehr ernst genommen wird. Und auch in den dortigen Zeitungen werden diese Dinge thematisiert.

Während in Berlin das Geld immer knapp ist, scheint es in vielen Golfstaaten keine Rolle zu spielen. Macht das Katar zum Traumland für Bibliothekare, Architekten und Kulturschaffende?

Ich weiß nicht, wer das immer erzählt! Das stimmt gar nicht mehr. Vielleicht war es früher mal so. Meine erste Aufgabe im ersten halben Jahr war es, einen ausführlichen Businessplan zu schreiben. Mit vorgeschrieben Leistungskennzahlen und sämtlichen statistischen Grundlagen. Ich konnte nicht sagen: Ich brauch’ mal ein paar Millionen. Ich hatte in der Anfangszeit alle vier Wochen einen Termin mit der Scheicha, die sehr scharfe Fragen gestellt hat. Ob ich wirklich so viel Personal brauche? Oder warum ich jetzt schon Bücher kaufen und Datenbanken anlegen will? Ich antwortete, wir könnten die Bibliothek digital öffnen, bevor wir richtig eröffnen. Das haben wir dann ja auch gemacht.

- Das Interview führte Astrid Herbold.

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