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Crowdfunding : Schwärmen für die Wissenschaft

15.03.2013 10:33 Uhrvon
Viel zu erzählen. Gespräche auf einem Fischmarkt in Dakar. Eine Berliner Doktorandin untersucht für ihre Arbeit Geschichten aus dem Senegal. Eine wichtige Forschungsreise nach Westafrika konnte sie sich per „Crowdfunding“ ermöglichen. Foto: Reuters Foto: REUTERSBild vergrößern
Viel zu erzählen. Gespräche auf einem Fischmarkt in Dakar. Eine Berliner Doktorandin untersucht für ihre Arbeit Geschichten aus dem Senegal. Eine wichtige Forschungsreise nach... - Foto: REUTERS

Mit kleinen Spenden zu großen Studien: Wie Künstler oder Regisseure werben inzwischen auch Forscher im Internet um private Förderer. Das ist sogar oft unkomplizierter als öffentliche Mittel zu beantragen.

„Letztens erzählte ich auf einer Party, dass ich über westafrikanische Literatur promoviere.“ So beginnt das Video, das Anne Schelhorn ein hübsches Sümmchen für ihre Forschungsreise eingebracht hat. Schelhorn ist Doktorandin am Seminar für Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit Mitte Januar recherchiert sie in den Bibliotheken der senegalesischen Hauptstadt Dakar zu einen Thema, das bei ihrem Gesprächspartner auf der Party Erstaunen auslöste: „Es gibt Literatur in Afrika?“, fragte er.

Schelhorns Antwort kommt per Video.

Im vergangenen November hat sie es auf der Internetseite „Sciencestarter“ hochgeladen, der ersten deutschsprachigen Plattform für Schwarmfinanzierung von wissenschaftlichen Projekten. In dem Video erklärt Schelhorn, dass Geschichten in Westafrika nicht immer aufgeschrieben, sondern oft mündlich weitergegeben werden. Diese „Oratur“ ist eine Art soziales Gedächtnis vieler Gesellschaften. Um die Oratur des Senegal für ihre Doktorarbeit zu untersuchen, muss Schelhorn dorthin reisen, wo sie entsteht. Sie musste nur genügend Leute für ihr Thema begeistern, die sie finanziell unterstützten.

Das Prinzip der Schwarmfinanzierung (im Englischen: crowdfunding) hat sich in verschiedenen Branchen etabliert, ursprünglich kommt es aus der Kreativszene. Musiker oder Filmemacher setzen auf kleine Beträge von einer breiten Masse. Fans oder zufällig Interessierte können sich meist schon mit einigen Euros an einer Produktion beteiligen. Die Künstler versprechen sich durch die Methode Unabhängigkeit von großen Studios und Bindung an ihr Publikum. Auch im Journalismus wird crowdfunding getestet, zum Beispiel bei der „taz“.

Wissenschaftler beantragen für ihre Projekte normalerweise öffentliche Gelder. Durch Bewerbungsfristen und aufwendige Gutachten ziehen sich Vorhaben allerdings oft in die Länge. Anne Schelhorn hatte keine Zeit zu warten. Sie brauchte dringend Filmaufnahmen von den Sprechgesängen der Griots, den Meistern der Oratur. Es handelt sich um wichtiges Material für ihre Doktorarbeit.

Ihre Grundkosten – Flug, Versicherung, Unterkunft – deckt Schelhorn mit einem Stipendium ab. Doch für die Recherche fallen viele weitere Kosten an. Sie muss einen Kameramann und die Filmausrüstung bezahlen, dazu kommen Gastgeschenke und die Bezahlung der Übersetzer. 5000 Euro hat sie insgesamt kalkuliert. Für einen öffentlichen Förderantrag ist die Summe zu klein, aus der eigenen Tasche ist sie kaum zu bezahlen.

Auf der Suche nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten stieß Schelhorn auf Sciencestarter. Die Initiative „Wissenschaft im Dialog“ hat die Seite im November online gestellt. Die Initiative setzt sich für gute Kommunikation zwischen Forschung und Öffentlichkeit ein und wird von allen großen deutschen Forschungsinstituten und -stiftungen unterstützt.

Sciencestarter basiert auf der klassischen Schwarmfinanzierungsidee. Die Forscherin bittet um eine bestimmte Geldmenge, die sie allerdings nur dann erhält, wenn die volle Summe erreicht ist. Ansonsten bekommen alle ihre Spende zurück. Nicht jede Finanzierungs-Webseite ist so streng: Bei „Rockethub“, Amerikas größter Plattform für Bildungsprojekte, die unter anderem von der Eliteuniversität Harvard unterstützt wird, bekommen Forscher jeden gesammelten Cent. Auf Rockethub starten monatlich etwa 1000 Projekte, die sich durchschnittlich 5000 Dollar wünschen.

Sciencestarter wollte das Alles-oder-nichts-Prinzip erhalten. „Wenn ein Projekt scheitert, war es inhaltlich nicht überzeugend oder die Kommunikationsstrategie nicht gut genug“, sagt Thorsten Witt, der Sciencestarter aufgebaut hat. Wer 10 000 Euro anpeilt, aber nur 7000 Euro zusammenbekommt, kann in Witts Augen sein Projekt nicht seriös umsetzen. Die Betreiber wollen verhindern, dass das Geld für etwas eingesetzt wird, das die Spender nicht unterstützt haben.

Elf Projekte finden sich auf der Website, drei waren bislang erfolgreich. Bei zweien ist der Ausgang offen. Eins davon betreuen Sebastian Funk und seine „Science Show AG“. Im April reist der Physiklehrer mit zehn Schülern nach Polen, wo sie Lehrern aus ganz Europa zeigen werden, wie naturwissenschaftlicher Unterricht Spaß macht. Sie führen Experimente mit Knall- und Lichteffekten vor, spielen Rockmusik mit Laserstrahlen, lassen Reagenzgläser überschäumen. Damit es pädagogisch bleibt, moderieren die Schüler die Versuche selbst. Wenn sie ein neues Experiment einstudieren, kostet allein die Ausrüstung bis zu 1000 Euro. Bei jedem Auftritt verpulvern die Schüler Chemikalien, pro Jahr gehen Reagenzgläser im Wert von 200 Euro kaputt. Ihr Gymnasium Stift Keppel im nordrhein-westfälischen Hilchenbach kann die AG nicht finanzieren. Sie ist auf Sponsoren angewiesen, was in der ländlichen Gegend nicht einfach ist. Für die Show in Polen würde die AG gern T-Shirts und Laborkittel mit ihrem Logo drucken. 2000 Euro braucht sie dafür.

Bis Ende März wollen sie das Geld zusammenhaben. Nach einem Drittel der Zeit sind gerade einmal 14 Prozent der Summe eingelaufen. Dabei macht die AG fleißig Werbung für ihr Projekt: auf Facebook und bei Elternabenden in der Schule. An Fans mangelt es ihnen nicht. „Aber der Schritt vom Fan zum Finanzier fällt vielen schwer“, das hat auch Schelhorn festgestellt. Sie kennt diese „mühsamen Momente“. Erst wenige Tage vor Ablauf der Frist gingen bei ihr größere Summen ein. Unter den Sponsoren waren nicht nur Verwandte und Freunde. Etwa die Hälfte ihrer Unterstützer kannte sie vorher nicht.

Im crowdfunding sieht Schelhorn nicht nur eine Geldquelle, sondern auch eine Möglichkeit, ihre Forschung publik zu machen. Tatsächlich endet der Kontakt zum Schwarm nicht, sobald das Geld zusammengekommen ist. Von Dakar aus schreibt Schelhorn einen wöchentlichen Blog und schickt den Sponsoren, je nach Höhe des Beitrags, Postkarten oder Filme. Dass sie, um an Geld zu kommen, ihre Forschung am Massengeschmack ausgerichtet hat, befürchtet sie nicht. „Wissenschaftler sind schon vor dem Crowdfunding mancher Mode gefolgt, zum Beispiel bei Forschungsanträgen“, sagt sie. „Mein Dissertationsthema hat sich nicht verändert.“ Für Sciencestarter hat sie einfach solche Aspekte betont, die für die Reise wichtig waren. Im Video geht es daher allgemein um westafrikanische Literatur, nicht um literaturwissenschaftliche Details.

Für Schelhorn hatte das Ganze einen zusätzlichen Lerneffekt. Sie musste ihre Arbeit aus der Perspektive eines nichtwissenschaftlichen Publikums reflektieren. „Ich habe mich gefragt, was daran die Öffentlichkeit interessieren könnte und wie ich mein Thema griffig formuliere.“ Sie hat die richtigen Worte gefunden. Der Schwarm hat angebissen.

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