Darwin statt Gender-Theorie : Wie die Evolution Männer und Frauen dirigiert

Charles Darwin erkannte, worauf die Geschlechterunterschiede beruhen. Seine Theorie hat sich bestätigt, trotz der Kritik aus der Genderforschung. Ein Kommentar.

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In der Fernsehserie "Mad Men" werden die klassischen geschlechter-Rollen gelebt. Im Bild: Hauptfigur Donald Draper (Mann).
In der Fernsehserie "Mad Men" werden die klassischen geschlechter-Rollen gelebt. Im Bild: Hauptfigur Donald Draper (Mann).Foto: Cinetext/Allstar/Lionsgate

Warum unterscheiden sich Mann und Frau? Wer dieser Frage nachgeht und sie nicht gleich als „falsch“ einstuft, weil die Geschlechter angeblich nur sozial erwünschte Rollen spielen und alle Unterschiede (bis auf die biologischen) gesellschaftlich bedingt sind, der stößt auf die Theorie der sexuellen Auslese. Sie geht auf Charles Darwin zurück, den Begründer der Evolutionstheorie. Darwin bereitete der prächtige Pfauenschwanz Kopfzerbrechen. Der konnte eigentlich unmöglich die Überlebenschancen vergrößern. Er verbrauchte Ressourcen, machte die Tiere unbeweglich und auffällig und so zu einer leichten Beute. Der Pfauenschwanz verstieß gegen elementare Regeln der von Darwin formulierten Theorie der natürlichen Auslese – die Natur müsste den Blender längst ausgemustert haben.

Darwins geniale Lösung: Der Pfau vermehrte sich nicht trotz, sondern wegen seines Federschmucks. Die Theorie der sexuellen Auslese (Selektion) war geboren. Je makelloser der Radschlag, umso größer die Erfolgschancen bei den Pfauenweibchen. Im Zentrum des Gedankengebäudes steht die fundamentale Ungleichheit der Keimdrüsen. Sie produzieren bei weiblichen Tieren die großen, wenigen Eizellen und bei männlichen die kleinen, vielen Spermien. Ein Unterschied mit Folgen. „Billige“ Spermien werben um „kostbare“ Eizellen. Männchen investieren in die Balz und konkurrieren untereinander, Weibchen kümmern sich um die Brutpflege. Männchen mit mehr Partnerinnen haben mehr Nachkommen, bei Weibchen gilt das nicht.

Traditionelle Rollen im Tierreich - oder?

Klingt nach einer ziemlich traditionellen Rollenverteilung im Tierreich! Das ist einer der Gründe, warum die über die Jahre verfeinerte Theorie dennoch immer wieder Kontroversen hervorruft. Eine prominente Kritikerin ist die Biologin und Genderforscherin Joan Roughgarden von der Universität Stanford. Sie hält die Idee von der sexuellen Selektion für falsch und wirbt dafür, sie durch ein Konzept namens soziale Selektion zu ersetzen. An die Stelle von Auslese und Kampf setzt sie Zusammenarbeit. Umwelt und soziale Einflüsse prägen die Rollen im Zusammenleben, nicht die Größe von Spermium und Ei. Wirbeltiere leben in „Familienfirmen“ zusammen, denen Kooperation – und lustvoller Sex – den größten Ertrag bringt.

Leichte Beute. Die Existenz des Pfaus widerspricht auf den ersten Blick den Gesetzen der Evolution.
Leichte Beute. Die Existenz des Pfaus widerspricht auf den ersten Blick den Gesetzen der Evolution.Foto: picture alliance / dpa

Beim Sex kommt es nicht darauf an, ob er hetero- oder homosexuell ist. Dieser Nicht-Unterschied ist für Roughgarden entscheidend. Bei einer „Gay Pride“-Parade 1997 hatte sie einen Geistesblitz. Darwins Theorie betrachte Homosexualität als Anomalie. „Aber wenn der Zweck von Sex nur Reproduktion ist, wie Darwin glaubte, warum gibt es dann diese Lesben und Schwulen?“ Für die Wissenschaftlerin der Anlass, eine bessere Alternative zu finden. Roughgarden, die 1998 eine Geschlechtsumwandlung vornehmen ließ und vom Mann zur Frau wurde, schrieb ein populärwissenschaftliches Buch, in dem sie viele Beispiele homosexuellen Verhaltens im Tierreich belegte. „Evolution’s Rainbow“ („Der Regenbogen der Evolution“) bekam eine Menge positiver Kritiken. Evolutionsforscher lehnten ihre Thesen dagegen überwiegend ab.

Kooperation statt Konkurrenz - eine Wunschvorstellung

Kämpft hier ein wissenschaftlich revolutionärer David gegen einen geistig erstarrten Goliath, ein Underdog gegen ein Establishment aus Darwin-Dogmahütern? Das Klischee liegt nahe, trifft aber nicht zu. Wer außergewöhnliche Behauptungen aufstellt, braucht außergewöhnliche Beweise. Und die hat Roughgarden nicht. Im Gegenteil. Eine vor Kurzem im Fachblatt „Science Advances“ veröffentlichte umfassende vergleichende Studie an 66 Arten hat die klassischen Geschlechterrollen im Tierreich bestätigt. Auch die Ausnahmen – von denen es etliche gibt – lassen sich mit der herkömmlichen Evolutionstheorie vereinbaren. „Roughgardens Idee von der Gruppe, die sich gemeinsam Ziele setzt, ist ein schönes Ideal“, sagt der Biologe Nils Anthes von der Universität Tübingen. „Doch solche Absprachen funktionieren unter Tieren nur selten.“

Das Prinzip der sexuellen Auslese gilt auch für den Menschen. Allerdings ist es in den modernen westlichen Gesellschaften schwierig geworden, es wissenschaftlich zu studieren. Im Vordergrund steht der Einfluss von Kultur und Umwelt, zumindest auf den ersten Blick. Aber im Hintergrund, verborgen wie hinter einer Milchglasscheibe, zieht noch immer die Natur die Strippen.

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