Wissen : Darwins Freund und Ratgeber Vor 100 Jahren starb der Botaniker Dalton Hooker

Matthias Glaubrecht
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„Es ist, als ob man einen Mord gesteht.“ Dieser Satz des Begründers der Evolutionstheorie, Charles Darwin, gehört zu den berühmtesten Zitaten der Biologiegeschichte. Auslöser und Adressat war Joseph Dalton Hooker, einer der einflussreichsten Botaniker im britischen Empire, der vor 100 Jahren, am 10. Dezember 1911, im Alter von 94 Jahren starb.

Den jungen Naturforscher Hooker hatte Darwin, kurz nachdem er von seiner Weltreise mit dem Vermessungsschiff „Beagle“ zurückgekehrt war, in London kennengelernt. Hooker wurde zu einem der engsten Freunde Darwins. Heute verschafft die 1300 Briefe umfassende Korrespondenz der beiden Wissenschaftler uns wertvolle Einblicke in die Entwicklung der Gedankenwelt Darwins. Denn gerade die kollegiale Freundschaft mit Hooker war eine der folgenreichsten für die Evolutionsbiologie.

Nachdem Darwin entdeckt hatte, dass Arten tatsächlich veränderlich sind, und glaubte, mit der natürlichen Selektion die Ursache gefunden zu haben, durch die sich Lebewesen ihrer jeweiligen Umwelt anpassen, zog er Hooker ins Vertrauen. Brieflich weihte er ihn in jenes „fürchterliche Geheimnis“ ein. Hookers Antwort an Darwin vom 11. Januar 1844 enthielt eine deutliche Warnung. Nur ein Naturforscher, der selbst schon einmal Arten untersucht und beschrieben habe, könne sich kompetent zur Artenfrage äußern. Heute sehen Historiker in Hookers Einwurf einen der Gründe dafür, dass Darwin seine „Artentheorie“ für das kommende Jahrzehnt auf Eis legte und sich erst einmal mit der Beschreibung und systematischen Revision von Arten kleinerer Meereskrebse beschäftigte.

Allerdings ermunterte Hooker später Darwin immer wieder, an seiner „Artentheorie“ zu arbeiten. Und im Juni 1858 wurde er zum Geburtshelfer von Darwins Selektionstheorie, als diese erstmals in London vorgestellt wurde. Hooker war nicht nur einer der Ersten, der von der Entdeckung des Prinzips der natürlichen Selektion erfuhr; er war auch der Erste, der Darwin von Beginn an und am weitesten folgte und der dessen neue Theorie dankbar als besten Erklärungsansatz in der Botanik einsetzte.

Der am 30. Juni 1817 geborene Hooker studierte Medizin in Glasgow. 1839 erhielt er die Chance seines Lebens. Als Arzt und Botaniker nahm er an Bord von „HMS Erebus“ an einer vierjährigen Expedition in antarktische Gewässer teil. Über die von ihm gesammelten südpolaren Pflanzen verfasste er die mehrbändige „Flora Antarctica“. Anschließend begab er sich noch einmal auf Expedition und durchwanderte von 1845 bis 1847 die Himalaja-Region Nordindiens. Nach der Veröffentlichung der siebenbändigen „Flora of British India“ fand er schließlich nach einem Jahrzehnt der Suche eine feste Anstellung am Königlich Botanischen Garten in Kew nahe London.

Diesen formte er von einem königlichen Vergnügungspark zu einer führenden wissenschaftlichen Institution, deren Direktor er 1865 wurde. Dank seiner zentralen Stellung in den Naturwissenschaften stärkte Hooker auch Darwins Position. Grund genug, sich seiner zu erinnern. Matthias Glaubrecht

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