Darwins Paradox : Evolution und gleichgeschlechtliches Verhalten - kein Widerspruch?

Männliche Bohnenkäfer paaren sich gern mit männlichen Bohnenkäfern: Biologen glauben, dieses Verhalten mit evolutionären Prozessen erklären zu können.

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Befruchtungsversuch. Ein Bohnenkäfer hat einen männlichen Artgenossen bestiegen.
Befruchtungsversuch. Ein Bohnenkäfer hat einen männlichen Artgenossen bestiegen.Foto: Ivain Martinossi-Allibert

Was haben so verschiedene Tiere wie Pinguine und Delphine, Käfer und Kröten, Schlangen und Schnecken, Albatrosse und Zebrafinken gemein? Antwort: Sie alle legen gleichgeschlechtliches Verhalten an den Tag (den Ausdruck Homosexualität vermeiden Biologen wegen missverständlicher Kurzschlüsse auf den Menschen). Aus Sicht der Evolution erscheint das wenig sinnvoll, werden bei gleichgeschlechtlichem Sex doch keine Nachkommen gezeugt. Dennoch haben Biologen eine Reihe von Hypothesen entwickelt, um diese Verhaltensweisen zu erklären und in Einklang mit der Evolution zu bringen. Eine aktuelle Theorie besagt, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten Ergebnis eines genetischen „Tauziehens“ der Geschlechter ist. Eine jetzt erschienene Studie schwedischer Forscher weist ebenfalls in diese Richtung.

Der Biologe David Berger von der Universität Uppsala und seine Kollegen untersuchten das Verhalten des vierfleckigen Bohnenkäfers, der in Getreidespeichern seit Tausenden von Jahren ein alter Bekannter ist. Wie Berger und seine Kollegen im Fachblatt „BMC Evolutionary Biology“ berichten, züchteten sie Stämme des Käfers, in denen gleichgeschlechtliches Verhalten häufiger auftrat. Das äußerte sich etwa darin, dass männliche Tiere in der Paarungszeit häufiger nicht nur Weibchen, sondern auch Männchen bestiegen.

Männliches und weibliches Geschlecht "teilen" sich ein Genom

Ergebnis: Legten männliche Käfer mehr gleichgeschlechtliches Verhalten an den Tag, dann war das mit mehr Nachkommen für ihre weiblichen Geschwister verknüpft. Das galt deutlich abgeschwächt auch umgekehrt – waren die Weibchen gleichgeschlechtlich ausgerichtet, hatten ihre Brüder mehr Nachwuchs.

Es könnte demnach sein, dass das vordergründig nachteilige gleichgeschlechtliche Verhalten einen verborgenen evolutionären Sinn hat, da es die Zahl der Nachkommen beim jeweils anderen Geschlecht erhöht. Hintergrund dieser Annahme ist die Tatsache, dass männliches und weibliches Geschlecht sich ein Genom „teilen“ müssen. Meist beeinflussen einzelne Erbanlagen viele verschiedene Eigenschaften eines Organismus. Dabei kann es zu Konflikten zwischen den Geschlechtern kommen, weil diese unterschiedliche Interessen besitzen. Ein Gen, dass die Angepasstheit und die Überlebenschancen des Männchens erhöht, kann die des Weibchens schwächen und umgekehrt. Je „fitter“ das eine Geschlecht, umso geschwächter das andere.

Ein Beispiel für das Tauziehen der Geschlechter beim Menschen ist die Körpergröße. Frauen profitieren aus Sicht der Evolution (mehr Nachkommen) davon, eher kleiner zu sein, während Männern eine mittlere Körpergröße nützt.

Die Evolution denkt um die Ecke

Der Konflikt der Geschlechter wird oft zur Folge haben, dass es zu einem genetischen Kompromiss kommt, bei dem beide Gegenspieler Federn lassen. Oder es kann sein, dass die eine Seite die andere evolutionär übervorteilt. Dafür ist der Bohnenkäfer offenbar ein Beispiel. Die natürliche Auslese könnte das gleichgeschlechtliche Sexualverhalten paradoxerweise fördern, weil dieses dem jeweils anderen Geschlecht indirekt mehr Nachkommen spendiert. Manchmal denkt die Evolution um die Ecke.

„Der genetische Mechanismus, der das gleichgeschlechtliche Verhalten bei den von uns untersuchten Käfern erklärt, kann sehr wohl bei ganz verschiedenen anderen Tierarten eine Rolle spielen“, ist der Studienleiter Berger überzeugt. Zu diesen Tierarten könnte auch der Mensch gehören, wie die Wissenschaftler am Ende ihrer Publikation andeuten.

Das männliche Geschlecht wird als besonders attraktiv empfunden

Solche Überlegungen sind nicht neu. So vertritt Andrea Camperio Ciani von der Universität Padua die Auffassung, dass männliche Homosexualität und größere weibliche Fruchtbarkeit (= mehr Kinder) genetisch verknüpft sind. Möglicherweise führen diese Anlagen dazu, dass das männliche Geschlecht als besonders attraktiv empfunden wird, vermutet der amerikanische Hirnforscher Simon LeVay. Das könne Homosexualität bei Männern und „Hyper-Heterosexualität“ bei Frauen (mit entsprechend mehr Nachkommen) begünstigen.

Dieser als „sexuell antagonistische Selektion“ (Auslese) bezeichnete Zusammenhang kann jedoch menschliche Homosexualität nur zu einem geringen Teil erklären, meint Camperio Ciani.

Generell besteht an biologischen Hypothesen zum Entstehen gleichgeschlechtlichen Verhaltens im Tierreich kein Mangel. Einer ihrer Gründe könnte „sozialer Klebstoff“ sein, etwa bei Delphinen, Spechten und Makaken-Affen. Ein anderer könnte Dominanz über Widersacher sein (beobachtet beim amerikanischen Bison), ein weiterer das „Üben“ durch unreife Tiere (Taufliegen). Auch Verwechslungen zwischen Männchen und Weibchen sind eine Möglichkeit (Buntbarsche), eine andere sexuelle Übererregbarkeit (Makaken).

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