Das Jahr 1933 : Tage des Schreckens und des Jubels

Geschicktes Spiel von Gemeinschaftsversprechen auf der einen und Terror auf der anderen Seite: Vor 80 Jahren eroberten die Nazis in Berlin die Macht.

Michael Wildt
Mitten in Berlin. Razzia von Schutzpolizei und nationalsozialistischer Hilfspolizei in der Grenadier- und in der Dragonerstraße im April 1933. Schon am 9. März hatte die SA im dortigen Scheunenviertel marodiert, wo viele osteuropäische jüdische Migranten wohnten.
Mitten in Berlin. Razzia von Schutzpolizei und nationalsozialistischer Hilfspolizei in der Grenadier- und in der Dragonerstraße im...Foto: bpk

Den wenigsten Zeitgenossen war am 30. Januar 1933 klar, welche historische Zäsur sie gerade erlebten. Im Café Leon am Kurfürstendamm fand eine Versammlung jüdischer Handwerker statt. Der erste Redner ging auf Hitlers Kanzlerschaft gar nicht ein. Der zweite warnte eindringlich vor der historischen Wendung, doch das Publikum hielt seine Worte für Schwarzmalerei.

Oberflächlich betrachtet war es ein weiterer Regierungswechsel, nachdem General Kurt von Schleicher, der im Dezember 1932 den katholisch-reaktionären Franz von Papen als Reichskanzler abgelöst hatte, mit seiner Politik gescheitert war. Im Hintergrund hatten Hitler und Papen den Januar hindurch über ein neues Kabinett verhandelt, in dem Hitler zwar die Kanzlerschaft erhalten sollte, das aber rechtskonservativ dominiert sein sollte.

Neben Hitler waren im elfköpfigen Kabinett zunächst nur zwei weitere Nationalsozialisten vorgesehen: Reichsinnenminister Wilhelm Frick und Hermann Göring als Minister ohne Geschäftsbereich, aber zugleich kommissarischer Innenminister im größten und wichtigsten Land des Deutschen Reiches, Preußen. Hatte sich Hindenburg 1932 noch geweigert, den „böhmischen Gefreiten“ zum Reichskanzler zu machen, stimmte er nun den Plänen seines Vertrauten und Günstlings Franz von Papen zu und vereidigte am Mittag des 30. Januar 1933 die neue Regierung.

In der älteren Geschichtsschreibung wird dieser Tag gern als „Machtergreifung“ bezeichnet, als hätten die Nationalsozialisten die Regierung an sich gerissen. Tatsächlich haben die rechtskonservativen Kreise um Papen und Hindenburg und Teile der Industrie Hitler mit voller Absicht zur Kanzlerschaft gebracht. Aber auch der Begriff der „Machtübergabe“ trifft den Sachverhalt nicht, denn diese alte politische Elite war davon überzeugt, dass sie die Zügel weiterhin fest in den Händen halten würde und sich Hitler und die NSDAP bloß „engagiert“ habe.

Doch dieses Kalkül erwies sich als krasse Fehleinschätzung. Denn Hitler wollte die Macht keineswegs teilen. Er hatte Neuwahlen zur Bedingung für den Regierungseintritt gemacht, um mit der Staatsmacht im Rücken einen Wahlsieg zu erringen und damit unabhängig von den Notverordnungen des Reichspräsidenten zu werden, mit denen die Reichskanzler seit 1930 regierten. Mehr noch, mit einem „Ermächtigungsgesetz“ sollte der Reichstag der Regierung die Möglichkeit geben, selbst Gesetze zu beschließen – das Ende der rechtsstaatlichen Gewaltenteilung. Am 1. Februar löste Hindenburg den Reichstag auf und beraumte Neuwahlen für den 5. März an. Diese Wahlen, darin waren sich Hitler und Papen einig, sollten die letzten in Deutschland sein.

Schon gleich in den ersten Februartagen erließ Göring erste Zeitungs- und Demonstrationsverbote. In etlichen preußischen Großstädten setzte er neue Polizeipräsidenten ein, in Berlin den kaiserlich-reaktionären Konteradmiral a. D. Magnus von Levetzow. Am 17. Februar wies Göring die Polizei an, „die nationale Propaganda mit allen Kräften zu unterstützen“ und „wenn nötig, rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch zu machen“. Fünf Tage später ordnete er die Aufstellung von 50 000 Hilfspolizisten an, die aus SA, SS und Stahlhelm rekrutiert werden sollten. SA-Schlägertrupps erhielten nun Pistolen und gingen Seite an Seite mit Berliner Schutzpolizisten gegen ihre politischen Gegner vor.

Dennoch regte sich in den ersten Wochen der Hitler-Regierung auch Protest. Zwei Beispiele von vielen: Am 7. Februar kamen etwa 200 000 Menschen im Berliner Lustgarten zu einer Kundgebung gegen die Hitler-Papen-Regierung zusammen. Rund tausend Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler versammelten sich am 19. Februar in der Kroll-Oper, um gegen die Knebelung von Kunst, Wissenschaft und Presse zu protestieren.

Noch am 24. Februar hielt die KPD in Berlin eine letzte große Demonstration ab.

Drei Tage später brannte der Reichstag. Von den Nationalsozialisten wurde die Tat des jungen Holländers Marinus van der Lubbe sofort als kommunistischer Aufstandsversuch dargestellt. Am 28. Februar unterschrieb Hindenburg die „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“, mit der wesentliche Grundrechte der Verfassung außer Kraft gesetzt wurden. Noch in der Nacht begannen die Verhaftungen nach vorbereiteten Listen. Tausende politische Oppositionelle wurden in Berlin wie im ganzen Deutschen Reich in den folgenden Wochen von SA und SS-Leuten in Folterstätten wie die berüchtigte Kaserne in der General-Pape-Straße in Schöneberg oder das Columbia-Haus in Tempelhof verschleppt, geprügelt, ermordet.

Trotz Unterdrückung der Opposition gelang der NSDAP bei den Wahlen am 5. März 1933 nicht der von Goebbels erwartete „haushohe“ Erfolg. Zwar steigerte die NSDAP ihren Anteil auf 43,9 Prozent. Aber nur mit den Deutschnationalen verfügten die Nationalsozialisten über eine Mehrheit. In Berlin gab über eine Million Wähler der NSDAP ihre Stimme, das entsprach 34,6 Prozent. Damit lagen die Nationalsozialisten zwar deutlich unter dem reichsweiten Ergebnis, aber gegenüber der Reichstagswahl im November 1932 hatten sie 300 000 neue Stimmen gewonnen. Die KPD erhielt in Berlin trotz Terror, Verhaftungen und Repression noch etwa 730 000 Stimmen und blieb in Wedding, Friedrichshain und Neukölln stärkste Partei. Doch war das „rote Berlin“ bereits auf wenige Inseln reduziert.

Gleich nach der Wahl begann die Machteroberung in den Ländern und Kommunen. In Berlin besetzten SA-Einheiten und Polizei die Bezirksrathäuser und setzten Bürgermeister und Stadträte ab. Am 15. März wurde der Chefredakteur eines antisemitischen Hetzblatts „Der Angriff“, Julius Lippert, zum „Staatskommissar“ mit unbeschränkten Vollmachten ernannt. Er sorgte sogleich dafür, dass Juden und politisch Unliebsame aus dem öffentlichen Dienst entlassen wurden, und ließ Listen zur „Ausschaltung jüdischer Lieferanten“ aufstellen.

Die SA feierte den „Sieg der nationalen Revolution“ auf ihre Weise. Auf dem Kurfürstendamm kam es am 6. März zu antijüdischen Ausschreitungen, die sich in blutige Verfolgungsjagden steigerten. Am 9. März marodierte die SA im Scheunenviertel. Den jüdischen SPD-Bürgermeister von Kreuzberg, Carl Herz, zerrten SA-Männer am 10. März aus dem Rathaus, schlugen ihn blutig und schleppten ihn durch den Stadtteil. Einen Tag später stürmten SA-Trupps das Urban-Krankenhaus und trieben mit Gewalt sämtliche jüdischen Ärzte aus dem Gebäude.

Zugleich strömten Massen in die NSDAP. Innerhalb weniger Wochen verdoppelte sich die Zahl der Mitglieder in Berlin auf über 100 000. Der Andrang war so groß, dass die Parteiführung zum 1. Mai einen Aufnahmestopp verfügte.

Mit rasanter Dynamik und einem geschickten Spiel von Gemeinschaftsversprechen auf der einen und Terror auf der anderen Seite gelang es den Nationalsozialisten, die politische Agenda zu bestimmen. So zelebrierte das Regime am 21. März die Eröffnung des neuen Reichstages als Tag der nationalen Einigung. Zwei Tage später stimmten die Abgeordneten, gegen die Stimmen der SPD, dem „Ermächtigungsgesetz“ und damit ihrer eigenen Entmachtung zu. Es gab, kommentierte Sebastian Haffner im Rückblick, „ein sehr verbreitetes Gefühl der Erlösung und Befreiung von der Demokratie“.

Der 30. Januar war kein Tag der „Machtergreifung“, sondern der Beginn einer nationalsozialistischen Machteroberung, die das ganze Jahr 1933 durchzog. Innerhalb weniger Wochen wurden nicht allein wesentliche Strukturen des Rechtsstaates zerstört, sondern vor allem die deutsche Gesellschaft verändert.

Weit stärker als in der vergangenen Geschichtsschreibung interessieren uns heute die Veränderungen im Alltag, die Emotionen, Hoffnungen und Sehnsüchte nach Zugehörigkeit ebenso wie die Erfahrungen der Ausgrenzung und Verfolgung. Für die einen bedeutete der gesellschaftliche Umbruch einen verheißungsvollen Aufbruch, die anderen riss das Jahr 1933 aus einer gefühlten Sicherheit in eine schrecklich ungewisse Zukunft.

Der Autor ist Professor für deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zum Thema des Artikels erscheint jetzt: Michael Wildt/Christoph Kreutzmüller (Hg.), Berlin 1933–1945. Siedler-Verlag, München 2013, 496 S., 24,99 €.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes waren die Namen von Alexander von Pape (General-Pape-Straße) und Marinus van der Lubbe falsch geschrieben. Durch die Streichung eines Satzes war zudem der Reichstagsbrand falsch datiert. Wir haben dies korrigiert.

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