Dekontamination nach dem Gau : Das blaue Wunder

Nach Atomkatastrophen ist radioaktives Cäsium lange ein Problem - so sind Wildschweine aus dem Bayrischen Wald zum Teil noch immer verstrahlt. Salze der Familie Preußisch Blau könnten helfen, den Wildschweinbraten zu retten.

Stefanie Reinberger
Nebenwirkung. Wenn Wildschweine im Winter Hirschtrüffel fressen, ist ihr Fleisch – und damit der Braten – verstrahlt.
Nebenwirkung. Wenn Wildschweine im Winter Hirschtrüffel fressen, ist ihr Fleisch – und damit der Braten – verstrahlt.Foto: p. Pleul, dpa

Einst verlieh der Farbstoff preußischen Uniformen einen satten Blauton. Doch das Salz mit dem Namen Preußisch oder Berliner Blau hat noch andere Talente: Es bindet radioaktives Cäsium im Körper. Seit Jahrzehnten werden damit Rentiere in Lappland dekontaminiert und Studien zeigen, dass es auch in bayerischen Wildschweinen die radioaktive Belastung senken könnte. Und spätestens seit dem Reaktorunfall im japanischen Fukushima ist Preußisch Blau aktueller als je zuvor.

Werner Giese interessierte sich bereits in den 1960er Jahren für diese Farbstoffe. Der emeritierte Professor der Tierärztlichen Hochschule Hannover suchte damals nach Wegen zur Dekontamination von Tieren und Futtermitteln, die durch den Fallout oberirdischer Atomtests radioaktiv verseucht waren. An Reaktorkatastrophen wie in Tschernobyl und Fukushima dachte zu dieser Zeit kaum jemand.

Giese identifizierte einen Vertreter der Preußisch-Blau-Familie, der Cäsium besonders gut bindet: Ammoniumeisen(III)-hexacyanoferrat(II), später Giese-Salz genannt. „Der Knaller ist, dass es ausschließlich Cäsium bindet und nicht etwa lebensnotwendige Mineralien“, sagt der Tiermediziner. Daher eignet es sich als Futtermittel-Zusatz und ist als solcher in der EU zugelassen. Eine Variante, das Giese-Granulat, kam nach der Tschernobyl-Katastrophe zum Einsatz, um in großtechnischen Verfahren 5000 Tonnen Molkepulver zu dekontaminieren.

Pilze und Wildschweine strahlen bis heute

Fast zeitgleich mit Giese, ebenfalls in den 1960er Jahren, begann man sich auch beim Berliner Pharmaunternehmen Heyl für Preußisch Blau zu interessieren. So steckt hinter dem Präparat „Radiogardase“ – ursprünglich als Mittel gegen Talliumvergiftungen gedacht – ebenfalls eine Variante der blauen Salze. „Die USA lagern größere Mengen des Medikaments ein, um für den Notfall, etwa Terroranschläge mit Radiocäsium, gerüstet zu sein“, sagt Johann Rupprecht, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung bei Heyl.

„Viele haben mich damals gefragt, warum ich mich auf Radiocäsium konzentriere und nicht etwa auf Jod oder Strontium“, erinnert sich Giese. Doch eigentlich sei der Fall klar: „Cäsium ist besonders flüchtig und langlebig.“ Nach einer Atomkatastrophe verbreitet es sich am weitesten – etwa mit den Regenwolken, die 1986 radioaktiv verseuchtes Material aus Tschernobyl über manchen Regionen der Bundesrepublik abregnen ließen. Mit einer Halbwertszeit von mehr als 30 Jahren wird insbesondere Cäsium-137 zum dauerhaften Problem. Es wird noch viele Jahrzehnte vom Unglück in Fukushima zeugen. Und so mancher Landstrich Europas kämpft nach wie vor mit dem radioaktiven Erbe von Tschernobyl. Lappland etwa, wo ganze Rentierherden belastet sind. Und in Bayern und im Südosten Baden-Württembergs strahlen Pilze und Wildschweine bis heute.

Ein Viertel der geschossenen Tiere muss entsorgt werden

Bei 600 Becquerel pro Kilogramm liegt der EU-Grenzwert für Lebensmittel. Extrem belastete Wildschweine bringen es nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz auf bis zu 9800 Becquerel pro Kilogramm. „Im Kreis Aichach müssen wir im Schnitt ein Viertel der geschossenen Wildschweine entsorgen“, sagt Dieter Swart, der in seinem Privathaus eine Messstation betreibt – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Nicht überall in Bayern ist die Lage so dramatisch. Doch in Risikogebieten und den Nachbarrevieren muss jede erlegte Sau zu Kontrolle. Und jede, die danach in der Tierkörperbeseitigung landet, ist eine zu viel.

Giese-Salz könnte helfen, zumindest theoretisch. Die Skandinavier dekontaminieren damit seit Jahren Rentiere. Etwa, indem sie ihnen Salzlecksteine mit dem Farbstoff anbieten. Aber Wildschweine lecken kein Salz. Sie werden „gekirrt“, sagen die Jäger, also mit Futter angelockt, um sie besser erlegen zu können. Das passiert vorwiegend im Winter, in der Hauptsaison für die Wildschweinjagd. Dann, wenn die Sauen am stärksten strahlen.

Im Winter weichen die Tiere auf Hirschtrüffel aus

Im Sommer und im Spätherbst dagegen kann Swart für die meisten Wildschweinbraten, die durch seine Messstation gehen, grünes Licht geben. Dann bieten die Äcker genügend Futter. Mais und Kartoffeln lieben die Schwarzkittel. Erst später im Jahr, wenn die Felder abgeerntet und umgepflügt sind, ziehen sie sich zur Futtersuche in den Wald zurück. Mit dem Nahrungswechsel steigt die Radiocäsium-Belastung im Fleisch rapide.

„Das Hauptproblem sind nicht die Sauen, sondern die Pilze, die sie fressen“, sagt Joachim Reddemann, Hauptgeschäftsführer des Bayrischen Jagdverbands. Pilze nehmen das radioaktive Material aus dem Boden auf. Wie viel, das variiert mit Art, Standort und Bodenschicht, in die sie ihre fadenförmigen Fortsätze recken. Strahlender Spitzenreiter ist der Hirschtrüffel mit bis zu 26800 Bequerel pro Kilogramm Pilz. Frisst ein Tier so ein Exemplar, wird es verstrahlt – zumindest so lange, bis das Radiocäsium den Körper im Zuge des normalen Stoffwechsels wieder verlässt. 26 Tage beträgt die biologische Halbwertzeit von Cäsium-137 im Wildschwein. Das ist der Grund, weshalb sich die Belastung der Tiere im Laufe des Jahres wieder normalisiert. Bis zum nächsten Winter.

Giese-Salz rettet den Braten

Könnte Kraftfutter mit Giese-Salz den strahlenden Kreislauf durchbrechen? Mit dieser Frage trat Reddemann vor einigen Jahren an Ellen Kienzle heran, Professorin für Tierernährung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Wir mussten zunächst die geeignete Dosis ermitteln und klären, ob die Tiere das blaue Kraftfutter überhaupt fressen“, benennt sie einige der Unbekannten.

In einem ersten Fütterungsversuch im Kreis Aichach kirrten Jäger in zwei Gebieten mit blau gefärbtem Placebofutter, in einem weiteren mit Giese-Salz-Pellets. Anschließende Messungen zeigten, dass das Giese-Salz die Radiocäsiumbelastung um mehr als 84 Prozent reduzierte. In den Vorjahren waren die Sauen in allen drei Gebieten gleichermaßen verstrahlt, wie ein Abgleich mit Swarts Datenbank ergab. Kienzles Team spielte die Situation noch zwei Mal durch, in unterschiedlichen Revieren und mit einer weit größeren Zahl an Tieren. Beide Studien, 2011 und 2014 veröffentlicht, kamen zum selben Ergebnis: Giese-Salz senkt die radioaktive Belastung im Wildschweinbraten.

Zwischendurch Mais? Das vermasselt alles

Die Methode ist allerdings teuer und erfordert akribisches Kirren. Wer die blauen Pellets unregelmäßig auslegt oder die Schweine zwischendurch mit Mais verwöhnt, vermasselt die Sache. Außerdem sind Wildschweine eben keine verlässlichen Rentiere. „Die sind unberechenbar“, sagt Swart. „Die wechseln auch mal ihren Standort oder nehmen aus irgendeinem Grund die Kirrung nicht an.“ Blaue Pellets füttern und sich auf eine strahlungsfreie Jagdsaison freuen – ob diese Rechnung beim Schwarzwild aufgeht, bezweifelt er. Swart wird daher weiter messen. Aber das macht er gern.

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