Demenz : Fehlgeleiteter Angriff auf das Gehirn

Eine Abwehreaktion des Körpers gegen die eigenen Nervenzellen kann zu Symptomen einer Demenz führen. Etwa jeder fünfte Patient mit solchen Gedächtnisstörungen könnte betroffen sein.

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Erinnerungsbücher können Demenzpatienten helfen.
Erinnerungsbücher können Demenzpatienten helfen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nein, der Durchbruch zur Heilung von Alzheimer ist es nicht. Doch für einige Demenzpatienten könnten die Forschungsergebnisse des Charité-Neurologen Harald Prüß und seiner Kollegen ein wichtiger Schritt sein. Der allmähliche geistige Abbau, der das Denken beeinträchtigt und die Stimmung schwanken lässt, kann Folge von Abwehrreaktionen des Körpers gegen die eigenen Nervenzellen sein, schreiben sie in der Zeitschrift „Neurology“. Gegen solche Autoimmunprozesse gibt es bereits Therapien.

Wie die Charité-Forscher zusammen mit der Firma Euroimmun herausfanden, bilden sich dabei Antikörper gegen NMDA-Rezeptoren im Gehirn. Damit Nervenzellen miteinander kommunizieren können, brauchen sie an ihren Verbindungsstellen, den Synapsen, Botenstoffe wie Glutamat. Um ein Signal herzustellen, reicht es jedoch nicht, dass die Synapse einer Nervenzelle Glutamat ausschüttet. Der Stoff muss auch an der nächsten Nervenzelle andocken können. Eine solche Andockstelle sind die NMDA-Rezeptoren. Sind sie durch Antikörper blockiert, kann das Gehirn nicht gut funktionieren und verliert Synapsen.

Dass Antikörper gegen NMDA-Rezeptoren zu schweren akuten Erkrankungen führen können, wussten die Neurologen von einer Gehirnentzündung. Neu ist, dass sie chronische Leiden auslösen können, die zum allmählichen Verlust von Denkfähigkeit und Gedächtnis führen.

Eine 65-jährige Patientin brachte Prüß und seine Mitarbeiter auf die Spur. Seit zwei Jahren litt sie unter einer fortschreitenden Demenz, die Ursache war unklar. In ihrem Blut fanden sie Antikörper der Sorte Immunglobulin A gegen den NMDA-Rezeptor. Deren zerstörerische Kraft konnten sie im Labor an Nervenzellen von Mäusen beobachten. Sie behandelten die Patientin mit einer mehrfachen Blutwäsche, bei der die Antikörper entfernt wurden. Der Frau ging es danach deutlich besser. Mit einem bildgebenden Verfahren konnten sie sehen, dass sich der Zuckerstoffwechsel in den betroffenen Arealen des Gehirns normalisierte.

Nach einer solchen Blutwäsche sinkt die Anzahl der Antikörper zunächst dramatisch. Sie bilden sich aber nach einiger Zeit erneut, geheilt sind die Patienten also nicht. Doch mit Medikamenten kann man das Geschehen in Schach halten.

Die Neurologen untersuchten 23 weitere Patienten, deren Symptome keiner der „klassischen“ Demenzformen wie Alzheimer oder einer gefäßbedingten Demenz entsprach. Sechs von ihnen hatten die fraglichen Antikörper und wurden ebenfalls mit einer Blutwäsche behandelt. Zum Vergleich wurde das Blut von 238 Menschen, die entweder gesund waren oder an einer anderen schweren Störung wie Schizophrenie oder Multipler Sklerose litten, mit den Nervenzellen von Versuchstieren in Kontakt gebracht. In diesen Fällen wurden die NMDA-Rezeptoren nicht angegriffen.

Prüß rechnet damit, dass die Antikörper höchstens bei jedem fünften Demenz-Patienten eine Rolle spielen: „Aber es deutet sich an, dass sie bei verschiedenen Demenzen zu finden sind.“ Außerdem scheinen sie nicht die einzigen Autoimmun-Übeltäter zu sein. Einem zweiten ist Prüß schon auf der Spur. Gut denkbar, dass in ein paar Jahren bei jedem Patienten, der mit Demenz-Symptomen zum Arzt kommt, nach Antikörpern gefahndet wird.

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