Wissen : Der Fluss des Lebens

Wir werden wiedergeboren. Ständig. Denn der Körper erneuert sich ohne Unterbrechung

Tor Nzrretranders

„Zu welchem Thema haben Sie Ihre Meinung geändert und warum?“ Diese Frage hat der New Yorker Literaturagent John Brockman führenden Wissenschaftlern und Denkern gestellt – und einige überraschende Antworten bekommen, die sich auf der Webseite www.edge.org nachlesen lassen. Hier drucken wir die Antwort des dänischen Wissenschaftsautors Tor Nzrretranders. Er wurde vor allem bekannt mit seinem Buch „Spüre die Welt“. Aus dem Englischen von Bas Kast.

Ich denke heute anders über meinen Körper. Früher dachte ich, er sei eine Art Hardware, auf der sich meine geistige Software abspielt. Jetzt denke ich: Mein Körper selbst ist die Software.

Mein Körper ist nicht wie ein typisches materielles Objekt, ein stabiles Ding. Er gleicht mehr einer Flamme, oder einem Fluss. Ständig fließt Materie durch ihn hindurch. Die Bausteine werden immer und immer wieder ersetzt.

Ein Stuhl oder ein Tisch ist stabil, weil die Atome an ihrem Platz bleiben. Die Stabilität eines Flusses dagegen ergibt sich aus dem ununterbrochenen Strom des Wassers.

98 Prozent der Atome unseres Körpers werden jedes Jahr ersetzt. 98 Prozent! Wassermoleküle bleiben zwei Wochen in unserem Körper (und sogar noch kürzer, wenn es sehr warm ist), die Atome in unseren Knochen halten es ein paar Monate dort aus. Manche verweilen jahrelang an ihrem Platz. Aber fast kein einziges Atom harrt in Ihrem Körper von der Geburt bis zum Tod aus.

Das, was konstant an Ihnen ist, ist nicht materiell. Ein Mensch verleibt sich jedes Jahr durchschnittlich 1,5 Tonnen Materie ein, in Form von Essen, Trinken und Sauerstoff. Diese Materie begreift, was es heißt, Sie zu sein. Jedes Jahr wieder. Neue Atome müssen lernen, sich an Ihre Kindheit zu erinnern.

Man kennt diese Zahlen seit einem halben Jahrhundert, vor allem von Studien mit radioaktiven Isotopen. Der Physiker Richard Feynman sagte schon 1955: „Die Kartoffeln von letzter Woche! Sie können sich jetzt daran erinnern, was in Ihrem Kopf vor einem Jahr vor sich ging.“

Warum ist diese einfache Erkenntnis nicht auf der Allzeit-Top-10-Liste der wichtigen Entdeckungen? Vielleicht, weil sie ein bisschen nach Spiritualismus und Idealismus schmeckt? Nur Geister sind real? Wandernde Seelen?

Digitale Medien ermöglichen es, über all dies auf eine einfache Art und Weise nachzudenken. Die Musik, zu der ich als Teenager tanzte, ist von Vinyl-Langspielplatten auf magnetische Kassetten auf CDs und schließlich ins Internet gewandert. Die physikalische Kodierung kann sich ändern und ist nicht wichtig – solange sie da ist.

Die Musik kann von Medium zu Medium springen, aber sie ist nicht verloren, solange sie eine Repräsentation besitzt, irgendwo verkörpert wird. Auf diese Physik der Information wies bereits der deutsch-amerikanische Physiker Rolf Landauer in den 1960er Jahren hin. Ähnlich können unsere Erinnerungen von Kartoffelatomen zu Hamburgeratomen zu Bananenatomen wandern. Erst sobald sie auf sich allein gestellt sind, sind sie verloren.

Wir werden ständig wiedergeboren. Ununterbrochen kleiden wir unsere Persönlichkeit in neues Fleisch. Ich halte meinen Geist lebendig, indem ich ihn von Atom zu Atom springen lasse. Ein konstanter Fluss. Niemals dieselben Atome, immer derselbe Fluss. Kein Fließen, kein Fluss. Kein Fluss, kein Ich.

Dies nenne ich permanente Reinkarnation: Software, die ihre Hardware ständig ersetzt. Atome, die ständig Atome ersetzen. Leben. Es ist etwas ganz anderes als die religiöse Reinkarnation mit Seelen, die von Körpern zu Körpern springen (und Seelen, die da draußen auf der Lauer nach einem Körper liegen).

Es muss materielle Kontinuität geben, um diese permanente Reinkarnation möglich zu machen. Die Software bleibt erhalten, kann aber nicht ohne Hardware überleben. Sie muss von Molekül zu Molekül springen, ständig den Körper bildend.

Ich denke heute anders über die Stabilität meines Körpers: Er ändert sich die ganze Zeit. Sonst könnte ich nicht derselbe bleiben.

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