Wissen : Der Mensch ist des Menschen Engel

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Soldaten für den Frieden. Blauhelme der Vereinten Nationen stellen demokratische Wahlen im Kongo sicher – auch wenn sie angefeindet werden. Foto: picture-alliance/dpa
Soldaten für den Frieden. Blauhelme der Vereinten Nationen stellen demokratische Wahlen im Kongo sicher – auch wenn sie...Foto: picture-alliance/ dpa

Die menschliche Geschichte strebe „von der Steinschleuder zur Megabombe“, stellte der Philosoph Theodor Adorno 1966 fest. Adornos pessimistische Sicht des Weltlaufs dürfte noch heute viele überzeugen. Die Nachrichten sind voll von Berichten über Terroranschläge, Bürgerkriege, Amokläufe und Gewaltausbrüche.

Und doch leben wir in der friedvollsten Ära, die dem Homo sapiens jemals beschieden war. Sagt zumindest der amerikanische Psychologe und Publizist Steven Pinker. Der Harvard-Professor glaubt, dass der Mensch seine „inneren Dämonen“ immer besser in den Griff bekommt. Die fünf „Dämonen“ sind Sadismus, Rachegelüste, Dominanz und Gewalttätigkeit zum eigenen Nutzen oder im Dienst einer Ideologie. So gewinnen die vier „besseren Engel“ an Gewicht: Selbstkontrolle, Einfühlungsvermögen, moralisches Denken und Vernunft.

„Engel“ besiegen „Dämonen“, die Welt schwört dem mörderischen Treiben ab – wer solche Thesen in die Welt setzt, kann sich auf Widerspruch gefasst machen. Aber Pinker ist gut gewappnet. In seinem Buch „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“ (Fischer Verlag) sammelt er auf 1216 Seiten Belege für seine Behauptung. Der Wälzer wird manchen Schwarzseher ins Grübeln bringen.

Die Gefahr unserer Vorfahren, in einer Gesellschaft von Jägern und Sammlern gewaltsam zu Tode zu kommen, lag bei 15 bis 60 Prozent, schätzt Pinker. Seitdem der Mensch dann vor 10 000 Jahren sesshaft wurde, sei das Risiko, durch fremde Hand zu sterben, stetig zurückgegangen. Im 20. Jahrhundert lag es bei Europäern wie Amerikanern bei weniger als einem Prozent – trotz der Massenmörder Hitler und Stalin.

Pinker geht also nicht so sehr von absoluten, sondern von relativen Opferzahlen aus. Ein Beispiel. Der Fall Roms kostete im dritten bis fünften Jahrhundert etwa acht Millionen Menschen das Leben. Das sind viel weniger als die 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges. Allerdings lebten in der Spätantike auch deutlich weniger Menschen als im 20. Jahrhundert. Würde der Untergang Roms heute stattfinden, kämen 105 Millionen Menschen ums Leben, wenn man den prozentualen Anteil der Opfer auf die heutige Bevölkerung hochrechnete.

Selbst das blutige 20. Jahrhundert mit seinen zwei Weltkriegen habe in seiner zweiten Hälfte einen erstaunlichen Rückgang der Gewalt zwischen großen Mächten erlebt. Dieser Trend halte an. „Es gibt viel weniger Kriegstote im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts als in jedem der fünf vorhergehenden“, schreibt Pinker in einem Kommentar im Wissenschaftsmagazin „Nature“.

Auch Gewalt in Friedenszeiten gehe zurück. Die Mordraten in Europa seien seit dem Mittelalter mindestens um das 30-fache geschrumpft. Barbarische Sitten wie Menschenopfer, das Verfolgen von Hexen und Häretikern, Leibeigenschaft, Folter, sadistische Tötungen, etwa durch Verbrennen oder Kreuzigen und die Hinrichtung aufgrund von opferlosen Straftaten wie Homosexualität oder Prostitution, sind in den meisten Ländern abgeschafft. In den letzten 50 Jahren habe es eine ganze Kaskade von juristischen Revolutionen gegeben, die die Bürgerrechte allgemein und insbesondere die von Frauen, Kindern und Schwulen stärkten.

Undenkbar wäre heute, was der Londoner Samuel Pepys am 13. Oktober 1660 in seinem Tagebuch notierte. Pepys spaziert des Morgens nach Charing Cross, dem Zentrum Londons. Hier wird er mehr durch Zufall Zeuge, wie man den General Thomas Harrison hinrichtet. Der Verurteilte wird gehängt, ausgezogen und gevierteilt. „Er sah so fröhlich aus, wie man in dieser Situation nur aussehen kann“, notiert Pepys trocken. „Er wurde sogleich ausgeweidet, sein Kopf und Herz wurden dem Volk gezeigt, das in großen Jubel ausbrach.“

Danach trifft sich Pepys mit zwei Freunden in der Kneipe, um Austern zu essen. Zu Hause ärgert er sich über seine unordentliche Frau, um danach Bücherregale in seinem Studierzimmer aufzubauen. Völlig unbeeindruckt von der grausigen Szene am Vormittag geht Pepys also weiter seinem Tagwerk nach.

Menschen sind zu unfassbarer Brutalität imstande, das weiß auch Pinker. Aggressives Verhalten finde sich in der Geschichte wie in der Vorgeschichte unserer Spezies, es wurde nicht irgendwann erfunden. „Das menschliche Gehirn hat Säugetier-Schaltkreise für Zorn und Herrschsucht konserviert, und Jungen überall auf der Welt lieben Kampfspiele.“ Die meisten Erwachsenen haben Mordfantasien und genießen Unterhaltung, in der Gewalt eine Rolle spielt.

Klar ist für Pinker auch, dass der Weg zum ewigen Frieden nicht gerade, sondern in Windungen verläuft. Trotzdem gibt es den „Prozess der Zivilisation“. Pinker greift damit einen zentralen Gedanken des Soziologen Norbert Elias auf. Rechtsstaat, Handel und Wandel, die Gedanken der Aufklärung, Bildung, der „zivilisierende“ Einfluss der Frauen und der lange Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg haben diesen Prozess verstärkt. Menschen verhalten sich weniger impulsiv, sie sind einfühlsamer und sehen Gewalt eher als Problem denn als Lösung an.

So wichtig Empathie und moralisches Empfinden für den „Prozess der Zivilisation“ sind – am bedeutsamsten ist für Pinker die Vernunft. Sie mahnt uns dazu, uns um unser Wohlbefinden zu kümmern. Und sie geht über den Einzelnen hinaus. Als soziales, sprachbegabtes Wesen ist der Mensch imstande, sich mit anderen auszutauschen. „Eigeninteresse und Gemeinnutz verbinden sich mit der Vernunft, um eine Moral zu schaffen, deren Ziel Friedfertigkeit ist“, schreibt Pinker in „Nature“. Wer sagt, „es ist schlecht für dich, mich zu quälen“, der meint damit indirekt auch: „Es ist schlecht für mich, dich zu quälen“.

Vielleicht liegt es an der Entwicklung des Gehirns, dass der Mensch von heute netter zu anderen ist. Pinker weist auf die Zunahme des IQ hin, die seit Jahrzehnten beobachtet wird. Sie betrifft vor allem das abstrakte Denken, etwa die Fähigkeit, Übereinstimmungen und Entsprechungen zu finden. Aber diese Idee versieht er mit einem Fragezeichen. Auf der anderen Seite ist klar, dass die biologische Evolution nicht die Ursache der Friedfertigkeit sein kann. Sie verläuft viel zu langsam.

Mancher wird sich fragen, ob Pinker mit seinem neuen Buch nicht eine Kehrtwende vollzogen hat. Denn eigentlich vertritt der Mann mit der Mähne eines Rockstars wie kein zweiter die evolutionäre Psychologie. Und damit die Auffassung, dass unser Gehirn und sein Denken und Fühlen das Produkt langwieriger biologischer Prozesse ist.

Die Persönlichkeit ist kein ungeformter Lehmklumpen, der nach Belieben von Eltern oder Lehrern zurechtgeknetet werden kann. Mit seinem letzten großen Werk, „Das unbeschriebene Blatt“, hat Pinker sich vehement gegen die Leugnung der menschlichen Natur gewandt. Jetzt vertritt er die These, dass der Mensch eben doch von Umwelt und Kultur geprägt wird. Aber Pinker sieht da keinen Widerspruch: Je nach den kulturellen Einflüssen würden eben andere Teile unseres Charakters aktiv. Mal sind die Engel, mal die Dämonen am Drücker. Zeit, die Natur ein wenig zu zähmen.

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