Der römische Aufklärer Lukrez : Von unsichtbaren Teilchen

Lukrez schrieb vor mehr als 2000 Jahren seine Verse „Über die Natur der Dinge“. Sie nahmen zahlreiche naturwissenschaftliche Einsichten vorweg. Nun erscheint eine neue Übersetzung dieses Textes.

Matthias Glaubrecht
Provokante Schrift. Ein Augustinermönch fertigte diese Abschrift von „De rerum natura“ für Papst Sixtus IV. an. Die Verse waren im Mittelalter fast vergessen.
Provokante Schrift. Ein Augustinermönch fertigte diese Abschrift von „De rerum natura“ für Papst Sixtus IV. an. Die Verse waren im...Foto: Wikipedia

Sein größter Coup gelang dem Bücherjäger, als er plötzlich arbeitslos wurde. An einem kalten Januartag des Jahres 1417 fällt dem italienischen Humanisten und pästlichen Sekretär Poggio Bracciolini in einem deutschen Kloster ein altes Manuskript in die Hände. Keineswegs zufällig, denn Bracciolini fahndet wie besessen nach Texten der klassisch-antiken Vergangenheit. Er hat seinen Dienstherrn, den Gegenpapst Johannes XXIII., zum Konzil nach Konstanz begleitet; der indes wurde dort, von seinen Gegnern ausmanövriert, abgesetzt. Unvermittelt ohne Stellung nutzt Bracciolini die freie Zeit und stöbert in den Klöstern Süddeutschlands nach antiken Texten.

Er rettet damit das – wie man lange annahm – letzte vorhandene Manuskript von Lukrez’ antikem Meisterwerk „De rerum natura“ vor dem Vergessen, einer der umstrittensten Texte der abendländischen Philosophie- und Literaturgeschichte. Bracciolini verschweigt, wo genau er fündig wurde; Experten vermuten, dass es die Bibliothek der Benediktiner-Abtei in Fulda war. Die Mönche haben antike Texte aufbewahrt und abgeschrieben; Humanisten wie Bracciolini brachten sie erneut in Umlauf. Er ließ den Text aus Fulda kopieren und schickte ihn nach Italien, wo Abschriften über Jahrzehnte kursierten. Erst am Ende des Jahrhunderts, im Jahre 1473, erschien die erste Druckausgabe des aufgefundenen Manuskripts, das anschließend selbst verloren ging. Erst später fand man zwei weitere mittelalterliche Abschriften aus dem 9. Jahrhundert.

Ob Bracciolini die Bedeutung des antiken Textfundes bewusst war, wissen wir nicht. Die Sprengkraft von Lukrez’ Buch „De rerum natura“ jedoch ist gewaltig. Wären die Verse aus der Römerzeit ohne Unterbrechung bekannt gewesen, hätten sie die damalige Welt in ihren Grundfesten erschüttern können. Der antike Text mit seinen unerhörten Gedanken über die Natur der Dinge eröffnet den Menschen des ausgehenden Mittelalters neue Horizonte, befeuert die beginnende Renaissance und bildet die Basis unserer modernen Weltsicht. In wunderbarer Poesie erzählt Lukrez vom Bau der Welt und wie die Menschen darin ein glückliches Leben führen können – ohne Angst vor dem Tod und ohne falsche Furcht vor Göttern. Die nämlich, so der Autor dieser philosophisch fundierten Feier der Natur, des Lebens und der Liebe, können den Menschen getrost egal sein. Eine wichtige Einsicht – und mithin ein überaus wertvoller weil weltoffener Text. Dennoch waren Lukrez’ poetische Verse und philosophische Weltsicht über Jahrhunderte vergessen.

Viele Künstler und Denker beeindruckte der Text von Lukrez

Unlängst hat Stephen Jay Greenblatt – Literaturwissenschaftler an der Universität Harvard und Bestsellerautor – erzählt, warum für ihn die Wiederentdeckung durch Poggio Bracciolini das Ende des Mittelalters und den Beginn der Renaissance markiert. Der Literaturdetektiv Greenblatt folgt den Spuren von „De rerum natura“ und schildert spannend, wie die Verbreitung des Buches die Renaissance beeinflusste, das Denken radikal veränderte und die Welt in die Moderne führte. Tatsächlich prägte es bedeutende Künstler wie Botticelli und Shakespeare, aber auch große Denker. Giordano Bruno, der sich auf diese Verse berief, wurde wegen Ketzerei verbrannt; Galileo Galilei entging dem nur knapp.

Zwar war die Verbreitung dieses schönen, freien und unvoreingenommenen Textes nicht mehr aufzuhalten: nach Bruno und Galilei kam Machiavelli, der es indes vermied ihn zu zitieren, und Montaigne, später Wieland und Friedrich II.; auch Goethe, Kant und Karl Marx, Nietzsche, Einstein und Camus gehörten zu den Kennern und Verehrern dieser Verse. Allgemein bekannt wurden Lukrez’ Ansichten über die Natur der Dinge damit jedoch nicht, auch wenn es immer wieder Übersetzungen – sowohl im Hexameter des lateinischen Originals wie auch als Prosafassung – gab. Greenblatts These, dass ein einzelnes Buch dem Lauf der Geschichte eine neue Richtung geben kann, mag man bezweifeln; ebenso seinen fokussierenden Blick auf die Geburtsstunde der Renaissance. Dem Erfolg seines mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buchs tut dies keinen Abbruch.

Überdies bereitete es den Boden dafür, dass jetzt der wortgewaltige Versgesang, von Klaus Binder in deutsche Prosa übertragen und kommentiert, zu neuem Leben erweckt wurde; erschienen in einer wunderschön gestalteten Ausgabe bei Galiani. Dessen Verleger Wolfgang Hörner, mit Sinn und Händchen für das literarisch Besondere, fing Feuer, als Binder – der Greenblatts Literaturkrimi „The Swerve“ ins Deutsche übersetzte („Die Wende. Wie die Renaissance begann“. Siedler Verlag, München 2012) – ihm berichtete, dass das antike Lehrgedicht von Lukrez niemals der poetischen Schönheit, gedanklichen Kraft und inhaltlichen Raffinesse des Urtextes entsprechend übertragen wurde. Also machte sich Binder, als Übersetzer der Werke etwa von Ian Kershaw und Neil McGregor in Erscheinung getreten, selbst ans Werk.

"Der Mensch hat keinerlei Sonderstellung"

Wahrlich keine leichte Aufgabe. Denn letztlich bleibt vieles im Text ebenso rätselhaft wie sein Autor Titus Lucrezius Carus, der wohl um 99 bis 55 vor Christi lebte. Umso erstaunlicher ist das, was Lukrez einst in Versform fügte, begründet durch die Beobachtung und sinnliche Erfahrung der Natur. „Die Welt besteht aus einer riesigen Zahl unsichtbarer kleiner Teilchen und Leere. Die Teilchen setzen sich zu immer neuen Gebilden zusammen, so entstehen Dinge, Lebewesen, die Welt. Das ist Leben. Ihr Zerfall ist der Tod.“ Was wir heute als „atomos“, als unteilbare Teilchen kennen, sind bei Lukrez die „Urelemente“. Sie seien massiv und unvergänglich, zudem unsichtbar winzig; man müsse sie sich wie Staub im Sonnenlicht vorstellen. Auch der Mensch sei nichts anderes als eine Zusammenballung kleinster Teilchen.

Der antike römische Dichter hat in seiner Radikalität viele moderne Gedanken formuliert: „Die Erde ist nur ein Himmelskörper unter unendlich vielen und auch nicht Mittelpunkt der Welt. Der Mensch hat keinerlei Sonderstellung in der Welt.“ Und es kommt noch schlimmer. „Kein Ding entspringt durch göttlich wundersame Kraft jemals dem Nichts“, ist einer seiner einprägsamen Lehrsätze. Götter oder gar den einen Gott gibt es nicht, ist Lukrez’ Credo. Schließlich holt er zum finalen Todesstoß für die Gläubigen jeglicher Religion aus: „Die Idee, Götter könnten das Schicksal von Menschen beeinflussen, ist absurd.“

Es gibt kein Jenseits, Genuss gehört ins Hier und Jetzt

Damit ist Lukrez längst nicht am Ende seiner Weisheit. „Der Tod ist ein vollkommen natürlicher Prozess, vor dem wir keine Angst zu haben brauchen. Ein Leben nach dem Tod gibt es nicht.“ Auch die Seele habe keineswegs ein ewiges Leben. Sie löse sich mit dem Tod auf, so wie der Körper. Das wiederum ist die gute Nachricht. Denn da es kein Jenseits gibt, rät Lukrez in seinem antiken Lehrgedicht, solle man den Genuss zu Lebzeiten suchen und so zu einem glücklichen und guten Menschen werden. Auf diese Weise bietet Lukrez seinen Lesern zuletzt Trost und Erlösung. Denn wenn wir nur im Hier und Jetzt leben, „was hält uns davon ab, jeden Tag, jede Stunde, jeden Moment zu genießen?“

Seine Verse, neu in rhythmisch beschwingte Prosa übersetzt und dadurch gleichsam wiederbelebt, sind unglaublich. Mit ihnen formt sich ein atheistisches Weltbild, das trotz seines Alters von mehr als zweitausend Jahren ungeheuer modern wirkt, der Aufklärung und bis heute noch manch Ewiggestrigen jedenfalls ungemein weit voraus. Religiöse Ideologien wie „Intelligent Design“, die oft als eine neue Hypothese präsentiert werden, hat Lukrez schon im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung abgehandelt. Sein Ziel war es, den Aberglauben an eine höhere Macht zu zerstören. Kein Wunder, dass seine Sicht vielen kritischen Geistern als ein frühes Meisterwerk gilt, das auf die Ursprünge der Philosophie verweist.

Gerade jetzt ist keine schlechte Zeit, diesen vermeintlichen Skandaltext der europäischen Kulturgeschichte, diese Bibel der Sinnlichkeit neu zu lesen.

Lesung am Dienstag, 13. Januar 2015, 20 Uhr. Klaus Binder im Gespräch mit Hans-Peter Kunisch. Literaturforum im Brechthaus, Chausseestraße 125, 10115 Berlin. Lukrez: Über die Natur der Dinge. Galiani, Berlin. 405 Seiten; Preis: 39,99 Euro.

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