Wissen : Der Schlüssel zur Freiheit

Die Viadrina feiert die Umwandlung in eine Stiftungsuni – die ersten 200 000 Euro haben Unternehmen aus der Region gespendet

Amory Burchard[Frankfurt(Oder]

Triumphierend stemmte die Präsidentin der Europa-Universität Viadrina, Gesine Schwan, im Audimax einen großen silbernen Schlüssel in die Luft. Diesen „Schlüssel für noch mehr Ausstrahlung und Innovationsfähigkeit“ übergab ihr gestern in Frankfurt (Oder) die brandenburgische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka bei einem Festakt zur Gründung der Stiftungsuniversität Viadrina. Denn Schwan hat jetzt als Stiftungsvorsitzende die Schlüsselgewalt über die Universität.

Die Viadrina ist seit 1. März dieses Jahres Stiftungsuniversität – nach jahrelangem Ringen mit dem Bund, mit dem Partnerland Polen und dem Land Brandenburg um die Finanzierung. Präsidentin Schwan war mit dem Programm einer trinationalen Stiftungsuniversität angetreten. Herausgekommen ist nun eine andere Konstruktion: Die Viadrina erhält jährlich rund 20 Millionen Euro vom Land Brandenburg; damit wird der bisherige Landeszuschuss weitergezahlt. Zusätzliches Geld kann sie aus einer vom Bund und von Polen getragenen deutsch-polnischen Wissenschaftsstiftung beantragen, die bislang über ein Kapital von 50 Millionen Euro verfügt, fünf Millionen aus Polen sollen noch dazukommen. Um Erträge aus dem Stiftungskapital können sich allerdings auch andere Unis mit deutsch-polnischen Projekten bewerben. Frankreich beteiligt sich mit einer Stiftungsprofessur.

Einen eigenen Kapitalstock muss die Viadrina erst noch aufbauen. Erste Spender stellte Schwan am Montag vor: Vorrangig Unternehmen aus Ostbrandenburg haben seit dem 1. März 200 000 Euro gestiftet. „Damit stehen wir vorzüglich da“, sagte Schwan. Das Engagement einzelner Bürger sei im Vergleich zu den anderen deutschen Stiftungsuniversitäten etwas Besonderes. Einen namhaften Betrag hat auch der erste Rektor der Viadrina, Hans Weiler, in Aussicht gestellt: Er hat testamentarisch verfügt, dass ein Teil seines Vermögens einst der Viadrina zugutekommt.

Größere finanzielle Spielräume für die Uni mit rund 5000 Studierenden und 70 Professuren sind aber nicht alles, was sich die Viadrina von der neuen Selbstständigkeit erhofft. Als Stiftungsuni ist sie künftig Dienstherrin und kann ihre Professoren selbst ernennen. Die Autonomie soll die Uni von langen bürokratischen Entscheidungswegen befreien, die eigene Verwaltung effizienter machen – und die Mitarbeiter zu größerer Eigeninitiative motivieren, sagte Schwan. Das Land behält allerdings die Rechtsaufsicht.

Für das Aufsichtsgremium konnte Schwan prominente Forscher, Wissenschaftsmanager, Politiker und Vertreter der Wirtschaft gewinnen. Vorsitzender des neunköpfigen Stiftungsrats ist der langjährige Vorsitzende des DAAD, Theodor Berchem, seine Stellvertreterin die langjährige EU-Kommissarin Michaele Schreyer. Unter den Mitgliedern ist auch die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), Jutta Allmendinger. Sie erhofft sich von der Stiftungsuniversität Viadrina, dass sie Studierenden aus weniger bildungsnahen Familien größere Chancen gibt als andere deutsche Universitäten. Die Viadrina solle exzellente Lehre genauso hochhalten wie exzellente Forschung – und auch „Mut zur Risikoforschung“ zeigen. Manfred Erhardt, ehemaliger Generalsekretär des Stifterverbandes, mahnte vor allem die öffentlichen Geldgeber der Stiftungsuniversität zur Geduld. „Man muss ihr 20 Jahre Zeit lassen, bis wirklich Stiftungskapital aufgebaut ist.“

Die Viadrina ist nicht die einzige Hochschule in Deutschland, die sich in den letzten Jahren in eine Stiftung umgewandelt hat. Die rechtlichen Voraussetzungen ähneln sich bei den deutschen Stiftungsunis: Die Rechtsaufsicht bleibt beim Land, die Landesförderung fließt weiter, gleichzeitig werden die Unis autonomer. Die Unterschiede liegen in den zusätzlichen Geldern, die die Unis einwerben – oder eben nicht.

Vorreiter bei den Umwandlungen war Niedersachsen. Seit 2002 sind die Unis in Göttingen, Hildesheim und Lüneburg, die Tierärztliche Hochschule Hannover und die FH Osnabrück zu öffentlich-rechtlichen Stiftungen geworden. Sie warten aber allesamt noch auf nennenswerte Zustiftungen. Für das mangelnde Engagement privater Stifter macht der Stifterverband die niedersächsische Landesregierung mitverantwortlich. Die habe ihren Hochschulen kontinuierlich Mittel entzogen, private Förderer wollten da nicht als Lückenbüßer herhalten. Anders dagegen sieht es an der Uni Frankfurt am Main aus, die seit Anfang des Jahres Stiftungshochschule ist. Sie rechnet mit einem Kapitalstock von 120 Millionen Euro. Der Löwenanteil, rund 85 Millionen Euro, kommt allerdings aus öffentlichen Kassen. An amerikanische Verhältnisse reicht auch das noch nicht heran. Harvard, die reichste der US-Universitäten, verfügt derzeit über ein Stiftungsvermögen von 34,9 Milliarden Dollar. Amory Burchard, Frankfurt(Oder)

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