Der Vorzeigedeutsche : Alexander von Humboldt wird überschätzt

Der Naturforscher hatte eine rückständige Idee von Wissenschaft. Deshalb sollte das Humboldt-Forum umbenannt werden. Ein Kommentar.

Hartmut Wewetzer
Alexander von Humboldt und sein Begleiter Aimé Bonpland in einer Urwaldhütte während der Südamerika-Expedition. Gemälde von Eduard Ender.
Humboldt on Tour. Der Naturforscher zusammen mit seinem Begleiter Aimé Bonpland (rechts) in einer Urwaldhütte. Gemälde von Eduard...Foto: Imago

Alexander von Humboldt genießt in Deutschland höchste Verehrung. Unter den Wissenschaftlern strahlt hierzulande nur Einsteins Stern heller. Der Naturforscher, Entdecker, Sachbuchautor, preußische Gesandte und Salonlöwe Humboldt (1769 bis 1859) gilt als eine Art Universalgenie und Ökologe der ersten Stunde, als Gegner der Sklaverei, Weltbürger und Vorzeigedeutscher. Gefeiert wurde er als „zweiter Columbus“, „Wissenschaftsfürst“ und „neuer Aristoteles“, Wikipedia zelebriert ihn als „Weltwissenschaftler“. Selbst das Internet soll Humboldt vorausgedacht haben, weil er extrem vernetzt war und zehntausende Briefe schrieb (heute wären das vermutlich Millionen von E-Mails und Tweets).

Geht’s nicht etwas kleiner? Versuchen wir es mal. Mit seiner Südamerika-Expedition von 1799 bis 1804 hat der junge Humboldt Geschichte geschrieben. Mit ihr rückte er Amerika ins Rampenlicht des alten Europa. Länder wie Mexiko, Brasilien und Kuba verdanken Humboldt einen Teil ihres Selbstbewusstseins. Die Reise machte ihn zu einem Superstar seiner Zeit.

Seine Beliebtheit in dem von ihm als provinziell angesehenen Berlin konnte Humboldt mit seinen populärwissenschaftlichen „Kosmos“-Vorlesungen in späteren Jahren ungemein steigern. Die Buchausgabe der Vorträge, verfasst von dem greisen Globetrotter in seiner Wohnung in der Oranienburger Straße 67, wurde zu einem internationalen Bestseller, Humboldt mit dieser fünfbändigem „Geschichte von fast allem“ zum Volksaufklärer.

Vom Messen besessen - und dennoch romantisch benebelt

Nicht ganz so hell leuchtet die Humboldt’sche Sonne, wenn es um seine wissenschaftlichen Verdienste geht. Offenkundig wohnten zwei Seelen in seiner Brust. Die eine war durchaus preußisch: Humboldt hatte eine Leidenschaft fürs Zählen, Messen und Wiegen. Auf seiner Südamerika-Expedition führte er rund 50 der damals modernsten Geräte mit sich, darunter Fernrohre, astronomische Instrumente und Apparaturen, um Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, Elektrizität und vieles mehr zu bestimmen. Rastlos sammelte er Daten, Pflanzen und Tiere. Ganz anders dagegen war sein Umgang mit diesem Sammelsurium an Informationen, seine Deutungsversuche. Zwischen dem Wust seiner Messungen und Humboldts Naturdeutungen, verfasst in halb poetischer Sprache, besteht ein eigentümlicher Widerspruch.

Humboldt glaubte, darin ganz Romantiker der Goethezeit, an ein harmonisches Gleichgewicht der Natur und eine magische Lebenskraft, die allen Tieren und Pflanzen innewohnen sollte. Seine Suche nach ihr blieb vergebens.

Er wollte, wie er im „Kosmos“ schrieb, die „körperlichen Dinge unter der Gestalt eines, durch innere Kräfte bewegten und belebten Naturganzen“ betrachten. Auch wenn Humboldt keine offenkundige Bruchlandung hinlegte, wie sein Geistesverwandter und Freund Goethe mit seiner Farbenlehre, so muss seine metaphysisch-schwärmerische Vision doch als gescheitert angesehen werden.

Charles Darwin überragt Humboldt bei weitem

Humboldt war anregend für viele Gebiete, etwa für Pflanzengeografie, Klimatologie, Vulkanismus und Erdmagnetismus. Grundlegende und neuartige Einsichten hatte er jedoch kaum. Anders als Charles Darwin, ein anderer großer Forschungsreisender. Der Schöpfer der Evolutionstheorie ging über das bloße Beschreiben und Spekulieren hinaus. Darwin verdanken wir wahrhaft tiefe Einsichten. Etwa die, dass die belebte Natur eben nicht im Gleichgewicht, sondern im steten Umbruch ist, so wie der ganze Globus und das Weltall selbst.

Humboldts letztlich rückwärtsgewandten Ideen war keine Zukunft beschieden. Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet in seiner Heimatstadt Berlin der romantischen Naturphilosophie der Boden entzogen wurde. Durch Wissenschaftler wie Hermann von Helmholtz (1821 bis 1894), die die Natur nicht nur beobachteten und mit ihr experimentierten, sondern aus ihren Messergebnissen auch die richtigen Schlüsse zogen und mathematisch präzise Gesetzmäßigkeiten ableiteten.

Vielleicht wäre es eine überlegenswerte Idee, das geplante Humboldt-Forum im teilweise rekonstruierten Berliner Stadtschloss statt nach dem Brüderpaar Alexander und Wilhelm eher nach dem Kosmos selbst zu benennen. Da passt dann wirklich alles hinein. Gut möglich, dass es den Humboldts gefallen hätte.

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