Detlef Müller-Böling : Ein radikaler Reformer

Der Chef des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) Müller-Böling geht in den Ruhestand. Mit dem "CHE-Ranking“ brachte er eine neue Dimension in die Uni-Ranglisten.

Uwe Schlicht

Detlef Müller-Böling hat den Hochschulen eine Lehre erteilt, vor der sie jahrzehntelang den Kopf in den Sand gesteckt haben. Universitäten, die ihre Qualität fast ausschließlich an den Erfolgen in der Forschung messen, hat er als Gründungsdirektor des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) seit 14 Jahren eine für sie immer wieder neue Botschaft vermittelt: Auch die Lehre zählt. Jetzt geht Müller-Böling mit 60 Jahren in den Ruhestand und wird den Stab zum 1. August an den früheren Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger und Frank Ziegele abgeben, der bisher schon in der Leitung des CHE gearbeitet hat.

Mit dem „CHE-Ranking“ brachte Müller-Böling eine neue Dimension in die Uni-Ranglisten: Es beurteilt die Fakultäten und Fachbereiche nach ihren Leistungen in der Lehre. Das sind mehr als reine Wohlfühlbefragungen der Studenten. Wo sich die Daten über zu lange Studienzeiten, zu hohe Abbrecherquoten, schlechte Ausstattung mit Büchern und Computerarbeitsplätzen kumulieren, steht manche forschungsstarke Universität nicht mehr gut da.

Das Ranking löste von Anfang an Stürme der Kritik aus. Das CHE griff berechtigte Einwände auf, verfeinerte das Instrumentarium – wich aber vom Prinzip nicht ab. Jetzt will der Wissenschaftsrat beziffern, was es kostet, die Hochschulen für die Umstellung auf Bachelor und Master auszustatten – und wird von den Politikern gebremst. Schon ist eine Empfehlung gefährdet. Das CHE muss sich der Politik nicht beugen. Es ist eine unabhängige Einrichtung, seit 1994 getragen von der Bertelsmann-Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

Die Maßstäbe des CHE-Hochschulrankings seien international voll anerkannt, sagte jetzt Frans van Vught vom europäischen Zentrum für strategische Führung der Universitäten in Brüssel bei einer Berliner Tagung zu Ehren Müller-Bölings. Und der amerikanische Ranking-Papst Jamie P. Merisotis arbeitet mit Müller-Böling an Grundsätzen für ein gemeinsames deutsch-amerikanisches Hochschulranking, in dem es um Lehre und Forschung gehen soll.

Spätestens seitdem Müller-Böling eine Streitschrift unter dem Titel „Die entfesselte Hochschule“ veröffentlicht hat, gilt das CHE als „neoliberal“. Der Vorwurf der Wirtschaftsorientierung sei allerdings eine Fehleinschätzung, sagte Hans Weiler von der Stanford University. Tatsächlich hat das Centrum keinesfalls im Sinn, Universitäten betriebswirtschaftlich durchzuorganisieren. Leitgedanke der Reformvorschläge war, wie man von erfolgreichen Organisationsstrukturen ausländischer Spitzenuniversitäten lernen könne, ohne sie komplett zu übernehmen. Heraus kam die Idee, die Präsidenten stark zu machen. Sie sollten nicht mehr allein von ihren Wählern in den akademischen Gremien abhängig sein. Das kann nur durch „Boards“ erreicht werden, die als Hochschulräte oder Kuratorien den Sachverstand von Managern, Politikern im Ruhestand und Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Gesellschaft einbringen.

Die Prominenz der deutschen Hochschulpolitik jedenfalls verabschiedete Müller-Böling mit langanhaltendem Applaus: Von den Kultusministern waren Jürgen Zöllner (SPD) und Peter Frankenberg (CDU) gekommen, flankiert unter anderem von den ehemaligen HRK-Vorsitzenden Hans-Uwe Erichsen und Klaus Landfried, die das CHE einst mit aus der Taufe gehoben haben. Uwe Schlicht

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