Deutsch-türkische Hochschulgründung in Berlin : Türkisch-global in Mitte

Vor zwei Jahren eröffnete die Istanbuler Bahcesehir-Universität ihren Berliner Campus. Jetzt wird die Filiale zur eigenständigen Hochschule ausgebaut. Im Oktober geht die BAU International University of Applied Sciences an den Start.

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Studierende der BAU International Berlin. Foto: Promo
Aufbau. Im Oktober will die BAU International Berlin mit 120 Studierenden in vier Studiengängen starten.Foto: Promo

„Unsere Vision ist eine internationale Universität mit Wurzeln in der Türkei“, sagt Süheyla Schroeder, Präsidentin der Berliner BAU International University of Applied Sciences. Die Fachhochschule, die Anfang Oktober in Räumen an der Heinrich-Heine-Straße in Mitte ihren Betrieb aufnimmt, ist eine Neugründung. Aber eine mit Vorlauf: Vor zwei Jahren war Schroeder Gründungsdirektorin eines türkischen Campus am selben Standort. Die Bahcesehir-Universität aus Istanbul, eine besonders in Jura und Wirtschaftswissenschaften über die Türkei hinaus anerkannte Stiftungshochschule mit rund 17 000 Studierenden, erhielt einen neuen Satelliten in ihrem weltweiten Netzwerk.

Bahcesehir-Gründer Enver Yücel agiert global: Neben der Uni in Istanbul sowie Gymnasien, Grundschulen, Kindergärten und Nachhilfeschulen in der ganzen Türkei ist der Bildungsunternehmer zunehmend im Ausland aktiv. So entstanden innerhalb weniger Jahre Zweigstellen der Universität in Washington, Toronto, Silicon Valley, Hongkong und Berlin – jeweils mit der Absicht, dort eigenständige Unis zu entwickeln.

Institutionell unabhängig, aber der Mutter-Uni eng verbunden

In Washington und Berlin ist es soweit: In beiden Städten wurden jetzt neue Hochschulen als „BAU International University“ gegründet – finanziert von Yücel, aber institutionell unabhängig, wie Süheyla Schroeder betont. BAU stehe dabei weiterhin für Bahcesehir-Universität, eine Referenz an den Stifter. Und mit der Mutter-Uni würden sich die Neugründungen über eine Kooperationsvereinbarung eng verbinden, außerdem soll das Austauschprogramm bestehen bleiben.

In Berlin geht es zum Wintersemester mit einem typischen Portfolio für eine Privathochschule los – mit drei gestalterischen Bachelorstudiengängen (Communication Design, Interior Design und Product Design) sowie einem für Business Administration. Unterrichtet wird auf Englisch, worauf die Studierenden ein- bis zweisemestrige vorbereitende Sprachkurse belegen können. Getragen werden die Studiengänge von zunächst vier Professoren, für die das Auswahlverfahren derzeit noch laufe, sagt Schroeder. Sie würden von einer Reihe von Lehrbeauftragten und Gastwissenschaftlern unterstützt. Die Präsidentschaft teilt sich Süheyla Schroeder mit dem Politikwissenschaftler Hans-Dieter Klingemann, Emeritus des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB).

Die 31. private Hochschule auf der offiziellen Berliner Liste

Im Frühjahr hat die Hochschule ein Anerkennungsverfahren beim Wissenschaftsrat durchlaufen und wurde kürzlich als 31. private Hochschule nach deutschem Recht auf der Hochschulliste des Landes Berlin registriert. Die BAU International sei als deutsch-türkisches Projekt mit internationalem Anspruch eine besondere Neugründung, heißt es aus der Wissenschaftsverwaltung.

So sieht es auch Yasemin Karakasoglu, Erziehungswissenschaftlerin und Konrektorin für Interkulturalität und Internationalität der Universität Bremen. Karakasoglu ist eines von sieben Mitgliedern des Hochschulrats der BAU, darunter auch WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger und Jürgen Zöllner, ehemaliger Wissenschaftssenator. „Die BAU ist eine internationale Hochschule und ausdrücklich keine türkische Uni für türkische Studierende in Berlin“, betont Karakasoglu. Der Austausch im Bahcesehir-Netzwerk und auch das geplante Forschungsprogramm mit Projekten zur vergleichenden Kultur- und Wirtschaftsforschung hätten sie beeindruckt und motiviert, sich im Hochschulrat zu engagieren. Gleichwohl solle die Neugründung auch junge Deutsch-Türken ansprechen.

Deutsch-türkische Studierende sehen Karrierechancen in der Türkei

Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass Akademiker mit Migrationshintergrund im Herkunftsland ihrer Eltern und Großeltern oftmals bessere Karrierechancen sehen als in Deutschland. Viele würden zudem deutsche Hochschulen zuweilen als Orte der Diskriminierung erleben, an denen sie sich für ihren Bildungserfolg rechtfertigen müssten. Die Chance der Berliner Hochschulgründung liege in ihrer deutsch-türkischen Brückenfunktion und ihren internationalen Verbindungen, glaubt Karakasoglu.

Geplant sind auch Studiengänge für Erzieherinnen und Pflegeberufe

Noch sind die 120 Studienplätze allerdings nicht ausgebucht, Bewerbungen werden bis zum 15. September angenommen. Eine Hürde könnten die Studiengebühren von 6000 Euro im Jahr sein. In den ersten drei Jahren werde ihre Hochschule sicher noch nicht kostendeckend arbeiten können, sagt Schroeder. In dieser Aufbauphase wolle Stifter Yücel rund elf Millionen Euro in Berlin investieren. Es sollten weitere Bachelorstudiengänge entstehen, darunter deutschsprachige für Erziehungs- und Pflegewissenschaften, und rund hundert wissenschaftliche und Verwaltungs-Mitarbeiter engagiert werden. Mittelfristig solle die Hochschule über die gemieteten Etagen in der Heinrich-Heine- Straße hinauswachsen und ein eigenes Gebäude füllen.

Hier geht es zur Homepage der Hochschule.

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