Die Geschichte Europas : Das "christliche Abendland" ist eine Fiktion

Im Mittelalter herrschte ein spannungsvolles Nebeneinander der Kulturen - und der drei großen Religionen. Wer die Geschichte Europas neu denken will, kann kaum von der kulturellen Einheit des Kontinents sprechen.

Michael Borgolte
Das Kreuz ist das Symbol, mit dem die meisten Historiker Europa identifizieren. Doch auch die Christen sind geteilt sind Protestanten und Katholiken.
Das Kreuz ist das Symbol, mit dem die meisten Historiker Europa identifizieren. Doch auch die Christen sind geteilt sind...Foto: dpa

Was macht Europa aus? Immer wieder wird versucht, Europa eine historische Identität von Dauer zuzuschreiben und diese aus mittelalterlichen Anfängen abzuleiten. Erst vor kurzem orientierte ein deutscher Universitätshistoriker seine Geschichte Europas im Mittelalter an der angeblichen „Einheit des Abendlandes“, die auf einem christlichen Grundkonsens als kulturellem Fundament beruhe. Eine andere Mediävistin zog eine Linie von den „Ursprüngen Europas“ bis zur Gegenwart und schied Europa strikt vom Osten: „Europa – das war (…) die mittelalterliche Welt in Abgrenzung zu Byzanz und zum Islam.“ Besonders nachdrücklich hat der berühmteste aller lebenden Mittelalterhistoriker, der Franzose Jacques Le Goff, die These vertreten, dass Europa im Mittelalter „geboren“ worden sei. Das „mittelalterliche Erbe“ sei sogar „das wichtigste aller Vermächtnisse, die im Europa von heute und morgen ihre Wirkung entfalten“.

Doch dieses Bild kann heute keinen Bestand mehr haben. Nach Auflösung der eurasischen Supermacht im Osten und Abschwächung der Bindungen über den Atlantik nach Westen finden sich die Europäer in Einigungsprozessen zusammen, die nur durch Verständigung über gemeinsame Werte und Ordnungen Bestand haben können. Neben der Frage, ob dabei zusammenwachsen kann, was zusammen gehört, geht es darum, ob auch zusammenwachsen soll, was – nach der Meinung vieler – gar nicht zusammen passt.

Kräftefeld. Ein mittelalterliches Weltsystem des Handels entstand bereits zwischen 1250 und 1350, besagt eine neue These zur Globalisierungsgeschichte. Im Bild eine ptolemäische Weltkarte aus dem 15. Jahrhundert.
Kräftefeld. Ein mittelalterliches Weltsystem des Handels entstand bereits zwischen 1250 und 1350, besagt eine neue These zur...Foto: picture-alliance/ dpa

Europäisierung und Globalisierung unserer Welt scheinen sich dabei gleichzeitig zu vollziehen. Wo sich Netzwerke der Kommunikation und des Handels über den Globus spannen, treten staatlich-politische und geografische Einheiten in ihrer Bedeutung deshalb zurück. Auch das muss unser Bild vom Mittelalter wandeln. Man kann sogar von Krisen des Mittelalters im Bewusstsein unserer Geschichte sprechen.

Wer neben den bisher schon konstitutiven lateinischen Christen auch die anderen religiösen Gruppen auf dem Boden Europas ernst nimmt, dem löst sich die gewohnte kulturelle Einheit des Kontinents auf den Seiten seiner Manuskripte auf. Es scheint unmöglich zu werden, Aussagen über seine Identität zu machen. In diesem Sinne hat der französische Sozialwissenschaftler Edgar Morin erklärt, Europa zu denken bedeute, es als einen Komplex anzuerkennen, der „die größten Unterschiede in sich vereinigt, ohne sie zu vermengen“, und der „Gegensätze untrennbar miteinander verbindet“.

Freilich ist eine solche Geschichte eine Geschichte ohne Botschaft, und so fragt es sich, ob sie auf Dauer genügt. Europäische Geschichte unter eine Leitidee zu stellen, ist dann erlaubt, wenn stets präsent gehalten wird, dass jede subjektive Konstruktion nur eine Möglichkeit unter vielen anderen ist. In diesem Sinne habe ich in den letzten Jahren wiederholt die Auffassung vertreten, dass wir statt vom christlichen von einem monotheistischen Europa des Mittelalters sprechen sollten.

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