Wissen : Die Kraft des Absurden

Das Unerwartete reißt uns aus unserem Alltag, macht uns kreativer und aufmerksamer. Das gilt auch für Kunstwerke, sagen Forscher. Wie Kafka unseren Verstand schärft.

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Foto: mauritiusFoto: mauritius images

Nehmen wir einen üblichen Tag, vielleicht einen dieser erquicklichen Montage, an denen von morgens bis abends alles seinen gewohnten Gang geht: Der Wecker klingelt pünktlich um 7 Uhr 30, wir stehen auf (nachdem wir noch einen Moment liegen geblieben sind und uns kurz der Illusion hingegeben haben, wir könnten diesmal, nur dieses eine Mal weiter vor uns hinschlummern), machen uns fertig und begeben uns, in Gedanken versunken, zur Arbeit.

Unser Leben besteht zu 99 Prozent aus Routine. Nur hin und wieder geschieht etwas Ungewöhnliches, Unheimliches, Erschütterndes. Es ist, als würde unser Gehirn von zwei kräftigen Händen festgepackt und wachgerüttelt. Ein Unfall im Straßenverkehr, ein Erdbeben, ein Terror-Anschlag in der eigenen Stadt, und plötzlich sind wir ganz bei der Sache. Die Routine ist durchbrochen, die Welt hat unsere volle Aufmerksamkeit – wir sehen sie wieder so, wie wir sie als Kind gesehen haben: mit neuen, großen Augen, überrascht, fragend, verängstigt.

Zum Glück muss es keine Katastrophe sein, die uns wachschüttelt. Jede real anmutende und zugleich einigermaßen ungewöhnliche Situation, die sich nicht mit unseren üblichen Denkschemata abhaken lässt, könnte, wie sich herausstellt, das Potenzial haben, die Deutungsmaschinerie in uns anzuwerfen. Zum Beispiel auch ungewöhnliche Literatur.

In einem Experiment gab ein Psychologenteam Testpersonen im kanadischen Vancouver eine modifizierte Version von Kafkas Landarzt zu lesen, eine Kurzgeschichte, die der Prager Schriftsteller 1917 niedergeschrieben hatte und die er selbst als eine der wenigen Geschichten empfand, die ihm wirklich gelungen waren.

In der lediglich ein paar Seiten langen Originalgeschichte wird ein Landarzt nachts zu einem Schwerkranken gerufen. Es folgt eine Serie von – um es vorsichtig auszudrücken – immer seltsameren Ereignissen. Im ansonsten stets leeren Schweinestall findet der Arzt jetzt auf einmal Pferde mitsamt Kutscher vor, er fährt los, und sofort darauf ist er auch schon beim eigentlich zehn Meilen entfernten kranken Jungen, der sich zuerst als kerngesund herausstellt, unmittelbar darauf aber in der rechten Hüftengegend doch eine riesige Wunde aufweist, in der sich fingergroße Würmer winden usw. Irgendwann bricht die Geschichte abrupt ab.

Eine Kontrollgruppe bekam dagegen eine Art seichte Hollywoodfassung von Kafkas Kurzgeschichte zu lesen, aus der die Wissenschaftler rigoros jede kafkaeske Spur entfernt hatten: Hier war nichts mehr absurd, sondern alles kohärent und brav, und selbstverständlich gab es ein rundes Happy-End.

Direkt nach dem Lesen legte man sämtlichen Probanden 45 Buchstabenfolgen unterschiedlicher Länge vor, etwa XMXRTVTM oder VTTTTVM. Die Aufgabe bestand darin, die Buchstabenketten abzuschreiben.

Erst nachdem alle diese scheinbare Strafarbeit erledigt hatten, verkündete man ihnen, dass sich in den Buchstabenfolgen eine heimliche Systematik verborgen hatte. Manche der Lettern waren regelmäßig in der Nähe ganz bestimmter anderer Buchstaben aufgetaucht, so wie das in praktisch jeder Sprache üblich ist.

Endlich kam es zum entscheidenden Test: Die Forscher legten allen Versuchskaninchen neue Buchstabenketten vor, von denen einige der verborgenen Grammatik folgten und andere nicht. Ob die Testpersonen die Grammatik wiedererkennen würden? Ob sie also die Grammatikregeln – wenn auch unbewusst – durchschaut und gelernt hatten?

Tatsächlich war das der Fall. Die eigentliche Überraschung aber offenbarte sich erst, als die Forscher anfingen, die Ergebnisse der beiden Gruppen zu vergleichen: Jene Leute, die sich zuvor durch Kafkas Geschichte gebissen hatten, hatten die fremde Grammatik fast doppelt so gut gelernt. Es war, als hätte Kafka ihnen kurzerhand den Verstand geschärft.

Im Nu zu einem mentalen Sixpack mit Franz Kafka. Kann das sein? Ist das möglich? Vor allem: War es wirklich Kafka, der für den Effekt sorgte, und wenn ja, was an Kafka könnte es sein, das unser Gehirn auf Trab bringt? Worin besteht die lernfördernde Zutat vom Landarzt?

Wie sich zeigt, beschränkt sich der Effekt weder auf Kafka noch aufs Lernen – er ist allgemeiner und lässt sich deshalb auch nutzen, wenn man Kafka nicht ausstehen kann. Entscheidend ist vermutlich nicht bloß der emotionale Aufruhr, in den uns ein Kafka-Text versetzt. Nein, es scheint vielmehr die Konfrontation mit dem Unerwarteten, dem Schwer-Deutbaren, dem Absurden zu sein, die unseren Geist stimuliert.

In einer neueren, niederländischen Studie bekamen Studenten der Universität Nimwegen eine elektronische Brille aufgesetzt, die sie in eine Simulation der Uni-Cafeteria entführte. Allen Testpersonen wurde eine möglichst realitätsgetreue virtuelle Kopie der Cafeteria präsentiert. Bei manchen allerdings gab es da ein kleines Extra: Bei ihnen schienen in der ansonsten vertraut wirkenden Cafeteria die Gesetze der Physik Kopf zu stehen. Auf einem der Tische befand sich ein Koffer, der, wenn man sich ihm näherte, nicht optisch größer, sondern kleiner wurde. Oder man flog auf einmal wie mit Riesenschritten durch den Raum. Oder man ging auf einen Tisch zu, auf dem ein Spielzeugauto sowie, am Tischrand, eine Flasche standen. Bewegte man sich zum Tisch, bewegte sich das Auto immer näher zur Flasche, bis es sie traf, woraufhin die Flasche jedoch nicht zu Boden fiel, sondern sich, umgekehrt, langsam in die Lüfte erhob.

Nach diesem virtuellen Cafeteria-Ausflug rückte man den Studenten mit einem kleinen Kreativitätstest zu Leibe, der in diesem Fall aus einer einfachen Frage bestand: Was macht Geräusche? Die Leute sollten binnen zwei Minuten so viele Antworten wie möglich liefern.

Zwei unabhängige Gutachter (die natürlich nicht wussten, wer zu welcher Gruppe gehörte) werteten die Antworten der Testpersonen aus. Das Ergebnis: Die Leute, die zuvor in der bizarren Cafeteria umhergestreunt waren, erzielten deutlich höhere Kreativitätswerte. Ihre Antworten zeugten von, wie die Forscher urteilten, flexiblerem Denken. Statt etwa nur Tiere zu nennen, die Geräusche von sich geben (Katze, Hund, Pferd), sprangen sie von Kategorie zu Kategorie und nannten auch Beispiele wie „Auto“ oder „Ozean“.

Was uns zurück zu Kafka und dem Schwer-Deutbaren oder Absurden führt. Die Begegnung mit dem Ungewöhnlichen, dem zunächst Unerklärlichen versetzt unser Gehirn offenbar in eine Art Muster-Suchmodus. Wir sind bekanntlich faule Geschöpfe, die, wo immer wir können, am liebsten auf unsere etablierten Erklärungsschemata zurückgreifen. Das Undeutbare aber lässt sich per definitionem nicht mit Hilfe unserer alten Deutungsmuster einordnen: Das Gehirn wird dazu genötigt, jene Netzwerke einzuschalten, die nach neuen Erklärungen fahnden. Wir müssen über das Übliche hinausdenken und weitläufigere Gedankenassoziationen herstellen. In diesem aktivierten Suchzustand finden wir offenbar eine verborgene Grammatik rascher, und die Assoziationen, die uns einfallen, sind ausgefallener.

Übrigens sollte man das Ungewöhnliche und Absurde nicht verwechseln mit vollkommenem Blödsinn. Bei totalem Quatsch wird unser Gehirn erst gar nicht dazu verführt, nach einem versteckten Sinn zu suchen. Warum sollte es? Höchstwahrscheinlich gibt es ja gar keinen Sinn! Das Gehirn klinkt sich aus.

Wenn aber die Sache wirklichkeitsnah und vertraut daherkommt, wie Kafkas konventionelle Ausgangssituation (und auch seine durchgehend glasklare Sprache), oder wie die den Studenten bekannte Cafeteria, dann jedoch inmitten dieses realistischen Rahmens Ungereimtheiten auftreten, wird unser Hirn auf Hochtouren gebracht, vielleicht, weil es mit der Arbeitshypothese operiert, dass sich in einem an sich stimmigen Kontext eine Sinn-Suche üblicherweise lohnt. Vermutlich stellen die Bilder eines Malers wie René Magritte deshalb eine solche Provokation fürs Gehirn dar, gerade weil sie nicht abstrakt oder vollends gaga sind, sondern, bis auf die eine oder andere Kleinigkeit, so unheimlich real wirken:

Kunstwerke wie diese schärfen unseren Blick, und das womöglich auch, weil sie uns dazu veranlassen, das harmlos Daherkommende nicht mehr, wie üblich, als harmlos hinzunehmen, als etwas, das keiner Beachtung wert ist und das wir also getrost abhaken können. In Wahrheit, scheint uns die Kunst eines Kafka oder Magritte zuzuflüstern, sind wir umringt von Mysterien. Es ist kein Verlass auf das, was du siehst, auf das, was du erlebst, also sieh gefälligst genauer hin. Erlebe die Welt unvoreingenommener. Nimm das, was dir auf den ersten Blick als selbstverständlich erscheint, nicht als selbstverständlich hin. Die Ungereimtheit ist die Regel. Für alle Menschen war es zu allen Zeiten selbstverständlich, geradezu öde, wenn wieder mal ein Apfel vom Baum fiel. Was für ein durch und durch bedeutungsloses Ereignis! Nicht so für Newton: Er sah, was alle anderen auch sahen, nur war es für ihn etwas, das ein genaueres Hinsehen wert war, das einer Erklärung bedurfte, das (neu) gedeutet werden musste.

Wir alle sehen weg, lieben die Routine. Unsere Vorlieben ziehen uns zum Immer-Gleichen hin, weg vom Unvertrauten. Der Kafka-Effekt führt uns einmal mehr vor Augen, welchen Wert das Ungewohnte hat, die Auseinandersetzung mit all jenen Erfahrungen des Anderen, für die wir gelegentlich unseren inneren Schweinehund überwinden müssen. Erst im Nachhinein sind wir meist froh, wenn wir es endlich mal wieder gewagt haben, unsere gewohnten Wege zu verlassen. Wenn wir uns auf das Risiko, das Unbekannte eingelassen haben. Doch noch mal den Job gewechselt haben. Die Stadt, das Land. Die eigene Meinung.

Ja, gut, okay, das war jetzt etwas radikal. Eventuell, um eine Spur kleiner anzufangen, schlagen wir in den nächsten Tagen, nachdem der Wecker geklingelt hat, einfach mal eine andere Zeitung auf als sonst, vielleicht eine, die nicht haargenau zu unserem Weltbild passt. Zum Lunch könnten wir dieses eben erst eröffnete Restaurant ausprobieren. Und was wäre, wenn wir es doch noch mal mit dem exotischen (albernen?) Meditationskurs versuchen? Oder wir sehen uns die aktuelle Skulpturenausstellung an, von der wir eigentlich zu wissen meinten, dass sie unserem Geschmack widerspricht.

Es kommt nicht auf die Beispiele, es kommt auf die Haltung an. Darauf, dieses eine Prozent Nicht-Routine ein Quäntchen zu Ungunsten der Routine aufzustocken. Dem Andern, Experimentellen eine Nuance mehr Raum in unserem Alltag zu geben. Umgeben vom Ungewohnten, Neuen fühlen wir uns selbst wieder neu. Wir spüren uns und sehen die Welt wieder.

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