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Digitale Revolution der Lehre : Harvard für alle

07.01.2013 16:15 Uhrvon
Günstig lernen. Nur wer ein qualifiziertes Prüfungszertifikat will, muss zahlen. Foto: picture-alliance/ dpa-tmnBild vergrößern
Günstig lernen. Nur wer ein qualifiziertes Prüfungszertifikat will, muss zahlen. - Foto: picture-alliance/ dpa-tmn

An den Online-Kursen von US-Elite-Unis kann jeder kostenlos teilnehmen - das könnte das Geschäftsmodell amerikanischer Hochschulen erschüttern

„Gestern habe ich die Uni gewechselt“, schreibt Dan Fellin aus Portland, Oregon, auf seinem Blog. „Es war ganz einfach“, nur ein paar Klicks habe er gemacht. Jetzt ist Fellin nicht mehr zahlender Informatikstudent des Portland Community Colleges, sondern studiert kostenlos bei den berühmtesten Professoren des Landes. MOOC („Massiv Open Online Courses“) heißt dieser neue Trend, also anspruchsvolle Online-Massen-Seminare. In den USA werden sie zurzeit als das nächste große Ding des Bildungssektors gehandelt. Vor allem die bisherigen Geschäftsmodelle amerikanischer Universitäten könnten sie nachhaltig erschüttern. Autor und Internettheoretiker Clay Shirky hat sogar schon Parallelen zum Niedergang der Musikbranche gezogen.

Die MOOCs seien die MP3s der Hochschulbildung. „Und unsere Napster heißt Udacity.“

Moment, halblang, wovon ist überhaupt die Rede? Napster, das war eine frühe Tauschbörse für Musikdateien, sie läutete das Ende der teuren CD-Verkäufe ein. Udacity: So heißt ein kleines Start-up aus dem kalifornischen Palo Alto, das der Informatikprofessor Sebastian Thrun mit Kollegen der Stanford University im Sommer 2011 gegründet hat. Ziel ist es, Bildungsinhalte, die sonst Studenten von Elite-Universitäten vorbehalten sind, umsonst überall auf der Welt verfügbar zu machen. Die Idee wurde sofort zum Hit: Am ersten Udacity-Kurs über Künstliche Intelligenz im Herbst 2011 nahmen 160 000 Teilnehmer aus 190 Ländern teil, 23 000 schafften die Abschlussprüfung.

Sieht so der Anfang einer gigantischen Bildungsrevolution aus? Wird das Präsenzstudium in stickigen Seminarräumen und überfüllten Hörsälen überflüssig? Die Idee der Fernlehre über das Internet ist nicht neu, neu aber sind die Zutaten. Einschreiben kann sich bei einem MOOC theoretisch jeder, von der 15-jährigen Schülerin bis zum 90-jährigen Rentner.

Statt abgefilmter Vorlesungen bekommen die Teilnehmer kurze erklärende Einheiten vom Dozenten vorgetragen, dann folgt ein Verständnistest, erst dann geht das Video weiter. Der Internetkurs gliedert sich in sechs bis sieben Wocheneinheiten, die alle eingeschriebenen Studierenden zeitgleich absolvieren. Das heißt auch, dass alle in derselben Woche an denselben Hausaufgaben sitzen. Wer dazu Fragen hat, kann sie in einem eigens eingerichteten Onlineforum stellen. Die Kommilitonen sollen sich möglichst gegenseitig helfen.

Nachdem Udacity den Anfang gemacht hatte, zogen andere nach. Auf der Plattform edX bieten die Universitäten Harvard und Berkeley sowie das Massachusetts Institute of Technology Kurse an. Auch hier waren die Anmeldezahlen binnen weniger Wochen sechsstellig. Das größte Start-up in der neuen Welt der MOOCs aber ist Coursera. Über 30 renommierte amerikanische Universitäten kooperieren mit der Online-Plattform, die von Investoren mit 22 Millionen Dollar Risikokapital ausgestattet wurde. Mittlerweile sind bei Coursera 208 kostenlose Kurse im Angebot. Zwei Millionen Nutzer aus aller Welt haben sich angemeldet.

Udacity, edX und Coursera haben innerhalb der Universitätslandschaft hohe Wellen geschlagen, die auch in Deutschland angekommen sind. Am Hasso-Plattner-Institut für Software-Systemtechnik (HPI), das an die Universität Potsdam angegliedert ist, läuft mittlerweile schon der zweite Online-Kurs. Am ersten Seminar, das SAP-Gründer und Wissenschaftsmäzen Hasso Plattner im Herbst dieses Jahres persönlich geleitet hatte, nahmen 13 000 Nutzer teil. Knapp 10 000 Interessierte sind es zurzeit beim zweiten Seminar, das sich mit den technischen Funktionsweisen des Internets beschäftigt.

Das Zertifikat, das das HPI ausstellt, hat dabei eher symbolischen Wert. Denn ob die Teilnehmer ihre Aufgaben eigenständig erledigen, ob sie für die Prüfungen unzulässige Hilfsmittel heranziehen oder untereinander Ergebnisse austauschen, kann der Kursleiter nicht überprüfen. „Das Einzige, was die Teilnehmer vom Schummeln abhält, ist der Ehrenkodex“, erklärt Christian Willems, technischer Leiter des Projekts OpenHPI.

In den USA hat man das Problem ebenfalls erkannt. Etliche MOOC-Anbieter haben angekündigt, künftig in großen Städten Präsenzprüfungen durchzuführen, bei denen die Kursteilnehmer sich ausweisen und unter Aufsicht Klausuren schreiben müssen. Gleichzeitig sollen diese Prüfungen den Plattformen auch die nötigen Einnahmen sichern. Die Inhalte der Kurse sind umsonst, wer aber einen qualifizierten Leistungsnachweis mit nach Hause nehmen will, muss anreisen und Prüfungsgebühren bezahlen.

In Potsdam ist die Frage, wie man mit den Teilnehmern künftig Geld verdienen kann, noch nebensächlich. Für Willems und sein Team sind die Kurse vor allem Forschungsprojekte: „Während der Durchführung sehen wir, wie man das Format weiter verbessern kann.“ Das Feedback der Studenten ist ausdrücklich erwünscht. Die Anregungen werden aufgegriffen, um die Lehrmaterialien und die Interaktionsmöglichkeiten weiterzuentwickeln.

Bislang sind vor allem die Tests methodisch eintönig. Es gibt MultipleChoice-Fragen, Lückentexte, Rechenaufgaben. „Bei Fragestellungen, die nicht mehr automatisch ausgewertet werden können, kommt das Verfahren an seine Grenzen“, erklärt Willems. Kein Dozent kann zehntausende Essays lesen und bewerten. Deshalb eignen sich vor allem technische und mathematische Fächer für den MOOC-Unterricht. Gesellschafts- oder geisteswissenschaftliche Fächer dagegen, so der Tenor unter den Wissenschaftlern, lassen sich dagegen kaum durch Massenseminare vermitteln.

Holm Keller, Vizepräsident der Leuphana-Universität Lüneburg, ist da ganz anderer Meinung: „Die sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächer eignen sich hervorragend, weil hier das Lernen stärker auf Interaktion zwischen Studierenden beruht.“ Aus seiner Sicht sind die bisherigen methodischen Ansätze der amerikanischen MOOCs unzureichend: „Was wir brauchen, ist eine Fernlehrdidaktik, die die Möglichkeiten des Mediums viel weiter ausschöpft.“ Nicht einzeln vor dem Bildschirm sollten die Teilnehmer zuhören und Häkchen setzen: „Viel effektiver ist es, wenn Menschen miteinander Themen erarbeiten können.“

Auch an der Leuphana wird ab Januar 2013 ein erster kostenloser Online-Kurs angeboten. Es geht um urbane Konzepte für das 21. Jahrhundert, geleitet wird das Seminar von Star-Architekt Daniel Libes kind. Die Teilnehmer werden in kleine Arbeitsgruppen eingeteilt, die dann zusammen recherchieren, Konzepte entwickeln und Präsentationen erarbeiten sollen. Externe Prüfungen wird es nicht geben, man vertraut auf die soziale Kontrolle innerhalb der Gruppen und die Betreuung durch das Dozententeam. Die Einschreibung beginnt am 13. Dezember, tausende E-Mail-Anfragen liegen bereits vor, aus Südkorea ebenso wie aus Afrika und Südamerika. „Die MOOCs sind eine reale Chance für mehr globale Bildungsgerechtigkeit“, sagt Keller.

Überflüssig machen wird das die Lehre und Forschung der herkömmlichen Hochschulen nicht. Und bis die Vision vom weltumspannenden Studium generale Wirklichkeit wird, ist es noch ein weiter Weg. Bislang lassen sich On- und Offline-Studienangebote kaum vermischen, können Studierende ihre Kurse nicht länderübergreifend kombinieren. Wenn diese Hürde aber erst genommen ist, meint Keller, „wird das der Megatrend des nächsten Jahrzehnts“.

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