Diskussion über Befehl zum Judenmord : Ohne den „Führer“ kein Holocaust

Historiker haben in Berlin diskutiert, ob es einen direkten Befehl Hitlers zur Vernichtung der europäischen Juden gab.

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Adolf Hitler steht vor einem Mikrofon und spricht.
Radikaler Antisemit. Hitler forderte die Vernichtung der Juden schon 1926 in seiner Hetzschrift „Mein Kampf“.Foto: picture alliance / dpa

Zu Hitler ist alles gesagt, sollte man meinen, und was womöglich fehlte, haben allein im nun vergangenen Jahr mehrere gewichtige Publikationen nachgetragen. Doch eine der wichtigsten Fragen bleibt weiterhin ungeklärt. Hat Hitler den Befehl zur „Endlösung“, der Vernichtung der europäischen Juden, gegeben, und gab es sogar eine schriftliche Ausfertigung?

Um die Antwort vorwegzunehmen: Wir wissen es nicht. Und auch eine Diskussion im Haus der Wannseekonferenz zwischen den Historikern Wolfram Pyta (Universität Stuttgart) und Thomas Sandkühler (Humboldt-Universität zu Berlin) konnte diese Kardinalfrage der NS-Forschung jetzt nur näherungsweise beantworten. Es verstand sich von selbst, dass das soeben wissenschaftlich edierte Machwerk Hitlers, „Mein Kampf“ erwähnt wurde, in dem Hitler unverblümt die Ermordung von Tausenden von Juden fordert. Man könne jedoch „keine direkte Linie zu Auschwitz ziehen“. Solche Sätze seien „in völkischen Kreisen weit verbreitet“ gewesen, wandte Sandkühler ein, der mit seinem Buch „Adolf H. Lebensweg eines Diktators“ (Carl Hanser Verlag, 19,90 Euro) vor einem Jahr eine höchst lesbare Einführung in die NS-Geschichte vor allem für jüngere Leser verfasst hat.

Pyta hingegen bog die Frage nach der Schriftlichkeit ab, indem er die von Hitler angewandten – und im Taumel der Münchner Räterepublik Ende 1918 erstmals erlebten – „neuen performativen Formen des Politischen“, überhaupt die „Ästhetisierung der Politik“ betonte. Dies ist auch die Kernthese seines ebenfalls 2015 veröffentlichten Buches „Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr“ (Siedler Verlag, 39,99 Euro).

Am Ort der Wannseekonferenz – und wahrscheinlich sogar in genau dem Saal, in dem ihre 15 Teilnehmer am 20. Januar 1942 zusammenkamen – musste die Frage nach der Bedeutung dieses Treffens gestellt werden. Beide Historiker verwiesen auf vorausgehende Befehle des Jahres 1941, die die Mordaktionen an und hinter der Ostfront anordneten. Dennoch bedeute die Wannsee-Konferenz „nochmals einen Qualitätssprung“, und allein Hitler habe das legitimieren können, sagte Pyta. Dazu beschrieb er den Kontext des Weltkrieges, der mit dem Kriegseintritt der USA Ende 1941 Realität geworden war, und die unumschränkte Machtfülle Hitlers spätestens nach der Übernahme des Oberbefehls über das Heer im Dezember 1941.

Doch schon zuvor und am deutlichsten in der berüchtigten Reichstagsrede zu Beginn des Jahres 1939 hatte Hitler unmissverständlich „die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ angekündigt. Die Wannsee-Konferenz war dann eher, wie Sandkühler sie deutete, „die Sicherstellung der Federführung durch Heydrich“, den Chef des Reichssicherheitshauptamtes, der zudem mit drei weiteren hochrangigen SS-Führern am Wannsee auftrat.

Wann eigentlich wurde Hitler zum eliminatorischen Antisemiten? Auch diese Frage ist in der Geschichtswissenschaft umstritten. 1996 bereits hatte Brigitte Hamann die Wiener Jahre des Herumstreuners Hitler als die entscheidenden ausgeleuchtet, und Thomas Sandkühler folgte ihr mit Blick auf das antisemitische Milieu der österreichischen Hauptstadt. Wolfram Pyta hingegen weist in seinem Buch und so auch am vergangenen Sonntag auf die Münchner Zeit gleich nach dem Ersten Weltkrieg. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis wichtig, dass Hitler „Antisemit der radikalsten Sorte“ geworden sei, „bevor er Antibolschewist wurde“.

Beide Historiker indes – das bleibt als Resumee der vom Publizisten Sven Felix Kellerhoff souverän geleiteten Diskussion (von ihm erschien jetzt: „Mein Kampf“ – Die Karriere eines deutschen Buches, Klett-Cotta, 24,95 Euro) – betonen die letztentscheidende Rolle Hitlers: Ohne den „Führer“ kein Holocaust. Bernhard Schulz